Autor schließt Forschungslücke : "Schimmelreiter" in neuem Licht

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06. September 2010, 05:41 Uhr

Husum | Storm trifft ins Herz. An dieser ihm eigenen Unmittelbarkeit mag es liegen, dass seine Novellen und Gedichte weltweit gelesen und ergründet werden. "Religion und Religionskritik bei Theodor Storm" hat nun der Literaturwissenschaftler Christian Demandt untersucht - und mit dieser ersten umfassenden Studie zum Thema eine Forschungslücke geschlossen.

Im Gedicht "An deines Kreuzes Stamm o Jesu Christ" lehnt Storm das Kruzifix ab und ruft es zugleich an als Symbol menschlicher Ohnmacht. Das Gedicht "Größer werden die Menschen nicht" verkündet die Überwindung des Christentums in Form eines neuen Glaubens von aufklärungsoptimistischem Charakter. Die Brautbriefe bemühen sich, die Liebe zwischen Mann und Frau religiös zu steigern - eine vergöttlichte Geschlechterliebe als Antwort auf einen als entmenschlicht empfundenen Gott.

Storm befindet sich auf der mühsamen Suche nach einem "lieben Gott", "wie ihn die Kinder haben", sehnt sich nach dem kindlichen Erleben nach Geborgenheit. Das demonstriert die Novelle "Im Schloß" - die Welt als Märchenreich, dessen Entzauberung durch die moderne Naturwissenschaft bodenlose Verlorenheit des Einzelnen in einer grausamen Welt bedeutet.

Den Höhepunkt von Storms religionskritischer Auseinandersetzung bildet das letzte Kapitel, denn es wirft ein neues Licht auf den "Schimmelreiter". Hier fällt die Frage nach Gott zusammen mit Sinnbildern des Grauens, die die Weltangst des modernen Individuums symbolisieren. Während "Im Schloß" die Fremdheit zwischen Welt und Ich in einer Liebe überwinden möchte, bricht im "Schimmelreiter" die Verständigung zwischen Mann und Frau im Rauschen der Flut vollends zusammen.

Die romantisch-christliche Lebenszuversicht ist dahin. Dieser Blickwinkel ist es, aus dem heraus Demandt den "Schimmelreiter" letztlich als eine "Deichgeschichte" deutet, deren erzählte Welt aus dem "Zerschmelzen von sich Widersprechendem" entsteht.

Der Analytiker dieser Tage bringt es auf den Punkt: Storm ist kein theoretischer Denker, der seine Zeit anspruchsvoll systematisch reflektiert. Gerade weil es dem Dichter nicht um ein logisch konsistentes Gedankengebäude geht, dokumentiert sein religiöses Suchen und religionskritisches Verwerfen exemplarisch die Inkonsistenz von Religion und Religionskritik im 19. Jahrhundert. Der Husumer Dichter lässt sich in keine ideologische Schublade ordnen - das macht Demandt deutlich und räumt in diesem Zusammenhang auf mit der einseitigen Fixierung Storms auf die Philosophie Ludwig Feuerbachs, der zufolge der Mensch sich auf nichts als das innige Band zwischen Ich und Du verlassen kann.

Statt einzelne Motive summarisch zusammenzutragen, konzentriert sich Demandt auf wenige Texte, behält das Gesamtwerk aber durch Querverweise im Blick.

Christiaon Demandt: Religion und Religionskritik bei Theodor Storm, Husumer Beiträge zur Storm-Forschung Band 8, herausgegeben von Heinrich Detering und Gerd Eversberg, Erich Schmidt Verlag, ISBN 978 3 503 12235 6.

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