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Relikt aus versunkener Siedlung : Schädel soll Rungholt-Rätsel lösen

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Für eine Sonderausstellung soll das Gesicht eines Rungholt-Bewohners nachgebildet werden. Um das zu finanzieren, ruft das Nordsee-Museum in Husum zu einer Spendenaktion auf.

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erstellt am 19.Jan.2016 | 09:00 Uhr

Es dämmert schon. Ein junger Mann blickt hinaus aufs Meer – und das ist verdächtig aufgewühlt. Der Wind pfeift ihm um die Ohren und es ist bitterkalt. Der Hunger treibt ihn um, seit Tagen hat er nichts mehr gegessen, sein Körper ist geschwächt. Dann kommen sie, die Wassermassen – und reißen ihn mit sich.

So könnten sie sich abgespielt haben, die letzten Minuten im Leben eines Rungholters im Jahre 1362 – dem Jahr, in dem Tausende Menschen der großen Sturmflut zum Opfer fielen. Doch manchmal gibt das Meer wieder preis, was einst in seinen Tiefen verschwand: 563 Jahre später findet der Nordstrander Heimatforscher Andreas Busch den Totenschädel genau dieses Mannes im Watt. Jahrzehntelang lag der Schädel mit der Inventarnummer K 4064 unbeachtet im Husumer Nordsee-Museum – jetzt wird er wieder ins Rampenlicht gerückt. Er soll Aufschluss geben über das Leben der Bewohner einer versunkenen Siedlung, die der Forschung noch immer viele Rätsel aufgibt: Rungholt – auch „Atlantis der Nordsee“ genannt. Schätzungsweise 500 bis 1000 Einwohner lebten dort vor der Katastrophe. Die „Grote Mandränke“ von 1362 ist Historikern zufolge die schwerste Flut gewesen, die die schleswig-holsteinische Nordseeküste je traf. Der Höhepunkt war am 16. Januar erreicht – insgesamt wüteten die Stürme drei Tage lang. Große Teile fruchtbaren Landes zwischen Sylt und Eiderstedt gingen unter, aus zusammenhängenden Landteilen wurden verstreute Inseln und Halligen.

Wie sah der Rungholter aus? Welche Krankheiten hatte er? Fragen wie diese sollen nun geklärt werden – und zwar anhand einer Gesichts-Rekonstruktion. Sie ist wichtiger Baustein der geplanten Sonderausstellung, die vom 29. Mai an acht Monate lang im Nordsee-Museum gezeigt werden soll. Doch das Projekt ist aufwendig und kostspielig. Mindestens 6000 Euro werden dafür benötigt. Um es finanzieren zu können, starten das Nordsee-Museum und sein Partner, das Nordfriisk Instituut, unter dem Motto „1362. Das Gesicht von Rungholt“ eine Spendenaktion. Neben der Gesichts-Rekonstruktion soll die Ausstellung neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben in der Siedlung zeigen.

„Ob unser Rungholter ertrunken oder verhungert ist, Herr oder Knecht war – das können wir nicht sagen. Aber sein Gesicht können wir ihm auf jeden Fall zurückgeben“, erklärt Tanja Brümmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Nordsee-Museums. Diese Kunst beherrscht Dr. Constanze Niess, die mit der Weichteil-Rekonstruktion beauftragt wurde. Die Frankfurter Rechtsmedizinerin hat bei Experten in den USA gelernt, das Antlitz von Menschen zu modellieren, von denen nicht mehr als die Schädelform bekannt ist. Die 48-Jährige hat sich seit 2001 auf die Gesichtskonstruktion nicht identifizierbarer Leichen spezialisiert. Um den Original-Schädel nicht zu beschädigen, benötigt sie ein Duplikat, das Mitarbeiter der Flensburger Europa-Universität im 3  D-Druckverfahren für das Nordsee-Museum angefertigt haben. „Rungholt wirft gewaltige Schatten – und die sind blau“, sagt Dr. Uwe Haupenthal, Geschäftsführer des Museumsverbundes Nordfriesland, und deutet auf den Doppelgänger-Schädel.

Ein paar Erkenntnisse gibt es allerdings bereits über den Rungholter, den Thomas Steensen, Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt, als „einen der ältesten bekannten Nordfriesen“ bezeichnet: Der Mann war vermutlich 30 bis 40 Jahre alt. „Sein Weisheitszahn ist wenig abgenutzt, deshalb können wir auf dieses Alter schließen. Die Rillen an den Zähnen deuten auf körperlichen Stress, vielleicht auch Hunger hin“, so Niess. „Es ist möglich, dass in der Nähe des Fundortes, der Warft 15, eine Kapelle stand. Da die Warften sich direkt am Deich befinden, kann es sein, dass er zur ärmeren Bevölkerung zählte, die damals dicht an der Deichkante lebte“, fügt Brümmer hinzu.

„Jeder Schädel ist so individuell wie ein Fingerabdruck“, erklärt die Rechtsmedizinerin. „Und ein Gesicht ist so individuell wie der darunter liegende Knochen.“ Gesichts-Rekonstruktion sei keine künstlerische Intuition, sondern streng wissenschaftliche Arbeit, betont Niess. Die Rechtsmedizin kennt für rund zwei Dutzend charakteristische Punkte in einem Gesicht Standardwerte, wie viel Haut und Muskeln sich zu Lebzeiten darüber spannten. An diese genau definierten Stellen setzt die Expertin kleine Plastiktürmchen: zum Beispiel direkt über die Augenhöhle, genau darunter, oder an die Kinnspitze. Die Zwischenräume zwischen den Punkten verbindet sie mit Streifen einer braunen elastischen Masse. Danach beginnt die Feinarbeit: Eine schmale Nasenöffnung bedeutet etwa, dass die Person auch eine schmale Nase hatte. „Ich bin sehr gespannt, wie seine Nase aussehen wird“, sagt die Expertin lächelnd. Die Rechtsmedizinerin ist überzeugt: Für die Ausstellung wird so ein Gesicht entstehen, das Menschen, die den Toten vor 700 Jahren kannten, wiedererkennen würden.

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