Bahngipfel in Niebüll : Saisonstart verschärft Bahn-Chaos

Schmutzige und verspätete Züge – uns reicht es: Annike, Tomke und Ricarda fahren täglich mit dem Zug von Bredstedt nach Niebüll zur Schule. Die Sechstklässlerinnen nutzten den Bahngipfel für ihren Protest.
Schmutzige und verspätete Züge – uns reicht es: Annike, Tomke und Ricarda fahren täglich mit dem Zug von Bredstedt nach Niebüll zur Schule. Die Sechstklässlerinnen nutzten den Bahngipfel für ihren Protest.

Die ersten NOB-Wagen sollen Anfang April wieder fahren – voraussichtlich. Pendler können früher mit zusätzlichen Entschädigungen rechnen.

shz.de von
23. März 2017, 19:30 Uhr

„Gut, dass Sie da sind, Herr Staatssekretär – das ist aber auch das einzige Lob, das Sie heute von mir bekommen.“ Landrat Dieter Harrsen macht gleich zu Beginn des Bahngipfels am Mittwochabend (22. März) in der Friedrich-Paulsen-Schule in Niebüll deutlich, dass sich Frank Nägele und auch Bernhard Wewers, Geschäftsführer der Nah.SH, auf eine Welle von Frust, Fragen und Forderungen einstellen können. Wann kommen wie viele der 90 im November wegen Kupplungsschäden aus dem Verkehr gezogenen Wagen der Nord-Ostsee-Bahn zurück auf die Strecke von Hamburg nach Westerland? Die Antwort auf diese Frage war an sich das Ziel des vom Kreistag beschlossenen Bahngipfels. Doch diese bleiben die Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe den vielen Interessierten, Pendlern und Medienvertretern schuldig. Dennoch ergibt der Gipfel neue Perspektiven, aber auch neue Problemfelder, die den Druck erhöhen, die japsende Lebensader nach Sylt schnellstens wieder fit zu bekommen.

Zum Beispiel der Start in die Tourismus-Saison. „Es geht nicht nur um Sylt, es geht um die gesamte Nordsee. Unter den derzeitigen Umständen auf der Schiene werden wir Gäste verlieren“, betont Frank Ketter, Chef des Nordsee-Tourismus-Service (NTS). Warum, das machen die Schilderungen von Achim Bonnichsen von der Pendlerinitiative eindrucksvoll deutlich: Urin, der aus den Toilettenkabinen in den Zug fließt, herausgerissene Sitze, offene Türen während der Fahrt, vermüllte Abteile, nicht funktionierende Heizungen und Klimaanlagen in veralteten und überfüllten Wagen. „Das hat mit dem Komfort, den unsere Gäste zu Recht erwarten, nichts zu tun“, sagt Ketter, der zudem den schlechten Informationsfluss kritisiert: „Wir werden unverzüglich selbst an die Bahnunternehmen herantreten, um die für eine Schadensbegrenzung dringend notwendigen Informationen für unsere Vermieter und Gäste zu bekommen. Die Osterferien stehen vor der Tür.“

Der bevorstehende Start in die Tourismussaison wird noch eine drastische Verschärfung des Bahn-Chaos zur Folge haben, das laut Bernhard Wewers durch „einen Zugausfall von bundesweit bisher unbekannten Ausmaßen“ verursacht wurde. Ab dem Ferienstart füllt sich das marode Wagenmaterial mit den meisten der 13 Millionen Tagesgäste, die es aus Schleswig-Holstein und Hamburg jährlich an die Nordsee zieht. „Auch die Zahl der Pendler wird deutlich steigen, da mehr Arbeitskräfte auf Sylt benötigt werden“, sagt Achim Bonnichsen. In den vergangenen Monaten mussten Pendler häufig fünf Stunden für die An- und Abfahrt aufbringen. Beim Ein- und Aussteigen sei es zu Stürzen und Knochenbrüchen, in den überfüllten Wagen zu Kreislaufzusammenbrüchen gekommen. „Sylt ist der Jobmotor für das Festland. Doch wir verlieren Arbeitskräfte wegen des Bahn-Chaos“, kritisiert Karl Max Hellner vom Verein der Sylter Unternehmer. In vielen Betrieben sei der soziale Frieden gefährdet, da die Sylter die Ausfälle und Verspätungen ihrer Kollegen vom Festland auffangen müssen. „Der Image-Schaden für die Insel ist enorm – der wirtschaftliche Schaden gar nicht mehr zu bemessen“, betont Hellner, der eine deutliche Fahrpreissenkung für die Pendler fordert.

„Es ist nicht leicht für mich, hier zu stehen. Es ist nur schwer nachvollziehbar, was Menschen auf der Strecke von Hamburg nach Sylt erleben mussten und müssen“, sagt Frank Nägele. „Das Land trägt die Verantwortung für diese Situation, aber ich kann nicht durch Handauflegen neue Wagen herbeizaubern“, bedauert der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. „Wir erwarten aber sehr wohl von Ihnen die Ergebnisse des zweiten Gutachtens, das bis Mitte März vorliegen sollte. Wir haben eine Situation erreicht, die nicht mehr hinnehmbar ist“, wettert Dieter Harrsen, der vor kurzem aus dem Aufsichtsrat der Nah.SH ausgetreten ist.

„Es tut uns leid, dass es noch nicht vorliegt. Das erste Gutachten hat gezeigt, es liegt nicht am Material“, sagt Bernhard Wewers. Für das zweite Gutachten, das die technischen Ursachen klären soll, hat das Eisenbahnbundesamt, das keinen Vertreter nach Niebüll schicken wollte, einen anderen Gutachter eingesetzt, das sorge für Verzug. Frank Nägele verbreitet dennoch Hoffnung: „Es gibt einen ersten Entwurf des Gutachtens, aber noch Gesprächsbedarf. Ich bin optimistisch, dass zum Start des Sommerfahrplans am 7. April die ersten NOB-Wagen wieder im Einsatz sind.“ Einen Plan B für das Szenario, dass nur mit den Ersatz-Wagen über den Sommer von Hamburg nach Sylt gefahren werden muss, gibt es offenbar nicht.

Der Dreck in den Zügen und die Entschädigung für die Pendler sind die Themen, die im Vordergrund der Diskussion stehen. „Ich dachte, die Züge wären nun sauberer. Ich werde da sofort noch einmal nachhaken“, verspricht Torsten Reh von der DB Regio, die die Strecke im Dezember übernommen hat – und damit einen Berg von Problemen: „Wir haben alles zusammengekratzt, was fahrfähig ist. Die alten Wagen müssen oft in die Werkstatt. Jeden Tag werden die Züge neu zusammengestellt, der Personalaufwand ist enorm.“

Eine positive Wende bringt der Gipfel zumindest für den Punkt Entschädigung. An sich wollten sich die Verantwortlichen damit erst beschäftigen, wenn alle NOB-Wagen wieder auf der Strecke sind. Doch zahlreiche Wortbeiträge wie „Ich habe als Selbstständige jetzt Einbußen“ führen zum Umdenken. „Wir müssen uns schon jetzt mit dem Thema Entschädigung befassen“, sagt Frank Nägele. Landrat Harrsen fordert zudem eine deutliche Fahrpreis-Reduzierung für die Pendler: „Der volle Fahrpreis ist eine ungerechtfertigte Bereicherung.“

Räder im Sylt-Shuttle Plus?



Für eine Kontroverse sorgt während des Bahngipfels das Thema „Fahrräder“. Der Radtourismus boomt, viele Radfahrer möchten ihre eigenen Räder mitnehmen. Doch für diese ist in den jetzt schon überfüllten Zügen kein Platz. Das machen die Aussagen vieler Pendler deutlich. „Oft passen nicht einmal mehr Menschen in den Zug. Bevor die stehen bleiben, schmeißen unsere Handwerker die Räder der Touristen aus dem Fenster“, sagt eine Pendlerin. Mit Blick auf die Osterferien und die vielen Tagesgäste und Kurzurlauber, die es aus dem ganzen Land nach Sylt ziehen wird, bittet auch Torsten Reh vom Betreiber DB Regio seine Kunden: „Bitte nicht mit Rädern anreisen. Es gibt so viele Fahrradverleiher auf der Insel.“ Dafür hat NTS-Chef Frank Ketter kein Verständnis: „Wir können unseren Gästen nicht sagen, dass sie ihre Räder zuhause lassen sollen. Viele haben besondere, hochwertige Modelle, die sie im Urlaub natürlich nutzen wollen.“ Am Ende einer kontroversen Diskussion steht ein Lösungsvorschlag: Die von Passagieren bisher verschmähten Personenwagen des Sylt-Shuttle Plus sollen künftig Urlauber-Räder auf die Insel bringen. „Wir werden mit dem Betreiber über diese Idee reden“, sichert Nah.SH-Chef Bernhard Wewers zu.  

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