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Nordfriesisches Institut : Rungholt noch immer voller Rätsel

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Der versunkene Ort im Wattenmeer war deutlich größer als aus den bisherigen Funden herleitbar. Das nehmen die Forscher inzwischen an.

Nordfriesland | Die Geschichte des 1362 überfluteten Ortes Rungholt wirft immer noch Rätsel auf. Anhand von Karten und Funden aus dem Gebiet um die Hallig Südfall sowie weiteren schriftlichen Dokumenten gab der Kieler Geograf Prof. Dr. Jürgen Newig bei der Mitgliederversammlung des Vereins "Nordfriesisches Institut" neue Anstöße für die Rungholt-Forschung. Newig plädiert für ein professionelleres Vorgehen - denn: "Die Priele nagen an der Grundsubstanz. Was einmal weggenommen worden ist, das gibt es nie wieder."

Anhand des ersten urkundlichen Nachweises aus der Hamburger Staatsbibliothek - die Rückseite eines Testamentes aus dem Jahr 1345 - wies Newig auf die politische Entscheidungsebene der Edomsharde hin, in dem Rungholt gelegen hat. Nicht nur das Kirchspiel Rungholt, sondern die Harde mit Vertretern mehrerer Orte beschloss, Urkunden auszufertigen, deutete der Wissenschaftler das Dokument. Newig: "Das war eine Selbstverwaltung auf einer beachtlichen Basis."
Deutlich größer als gedacht

Ein Meilenstein in der Rungholt-Forschung habe eine bislang nur in Fachkreisen bekannte geologische Karte von Schleswig-Holstein aus dem Jahr 1980 gesetzt. Eindeutig erkennbar seien danach alte Kulturspuren, fossile Böden, die dicht unter jüngeren Auflagerungen liegen, so Newig. "Das ist das Gebiet, in dem wir auf Funde von Rungholt hoffen können." Nach diesem modernen Beleg sei Rungholt deutlich größer gewesen als bislang aus Funden von Rungholt-Forscher Andreas Busch und dem Reventlow-Criminil-Gebiet hervorgeht. Dieses nördlich von Südfall gelegene Areal sei eines der wenigen Gebiete, die wirklich exakt vermessen seien.

Newig formulierte anhand weiterer Forschungen die Hypothese: "Es gibt Hinweise, dass der Deich um Rungholt für damalige Verhältnisse als so hoch angesehen wurde, dass man sich dahinter sicher fühlte." Wie heute auf Nordstrand und Pellworm könne es neben Warft- auch Flachsiedlungen gegeben haben. Dies sei in der Forschung bislang ein Tabu. Der ganze Ort könnte sehr lang gestreckt gewesen sein. Newig rekonstruierte, dass die Einwohnerzahl von der Forschung möglicherweise bislang zu niedrig eingeschätzt wurde. Neben nordfriesischen Ständerbauten und Häusern aus Stein vermutet er "Arme-Leute-Bauten" aus Lehm auf dem flachen Felde, die nicht mehr nachweisbar sind und deshalb in der archäologischen Forschung nicht berücksichtigt werden könnten.
Weitreichende Handelsbeziehungen

Nach dem Erdbuch des dänischen Königs aus dem Jahr 1231, in dem Waldemar II. Besitzungen und Einkünfte verzeichnen ließ, war die Edomsharde der deutlich größte Steuerzahler in der gesamten Umgebung, stellte Newig fest. Keramik-Funde wie wertvolle maurische Kannen, die in der alten Edomsharde gefunden wurden, wiesen auf weit reichende Handelsbeziehungen hin.

In einem Fazit forderte der Geograf, die Rungholt-Forschung verstärkt unter der damaligen Harden-Teilung zu betrachten. Rungholt umfasse alle bisherigen Fundgebiete der Gegend, vermutet Newig. Historisch-kartografisch spreche für das Zentrum eher eine nördliche Lage, nach der Zahl der gefundenen Warften eher eine südliche. "Wir wissen noch nicht, ob Rungholt ein Dorf mit Handel oder ein Handelsort war." Funde im Watt gingen jedoch über den gewöhnlichen bäuerlichen Bedarf deutlich hinaus und sollten für künftige Analysen aufbewahrt werden. Durch moderne Forschungsmethoden könnte manche noch offene Forschungsfrage geklärt werden.

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erstellt am 28.Aug.2009 | 10:13 Uhr

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