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Wattenmeer : Rungholt: Auf den Spuren einer versunkenen Welt

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Es war eine Katastrophe: Vor über 650 Jahren ließ die erste große „Mandränke“, eine verheerende Sturmflut, den Ort Rungholt versinken. Die siebten Rungholttage auf Nordstrand beleuchten das sagenumwobene Thema.

shz.de von
erstellt am 22.Aug.2014 | 12:30 Uhr

Nordstrand | Ein Bein nach dem anderen zieht Cornelia Mertens aus dem Schlick. Immer wieder blickt sie auf ihr Smartphone. Es zeigt die genaue Position im nordfriesischen Wattenmeer vor Nordstrand an. „Gleich sind wir dort, wo die Kirche von Rungholt vermutet wird“, sagt die Wattführerin. Gut zwei Stunden hat der etwa zehn Kilometer lange Marsch vom sicheren Festland ins Watt bis dorthin gedauert, wo Historiker und Archäologen den sagenumwobenen Ort Rungholt vermuten. Im Hintergrund bauen sich Gewitterwolken furchteinflößend auf.

Das Watt sieht dort auf den ersten Blick nicht anders aus. Erst beim genauen Hinschauen sind menschliche Hinterlassenschaften zu erkennen. „Sie sehen da drüben dunkle Abdrücke im Schlick. Das sind die Gräben von Rungholt“, sagt Mertens. Es sind Überbleibsel von Entwässerungsgräben, die mit Torf verfüllt waren. Die Bodenmuster sind in gleichmäßigen Abständen angelegt. „Wir gehen hier über alte Köge, Land das in der ersten großen Mandränke am 16. Januar 1362 untergangen ist“, erzählt Mertens. Die Sturmflut verheerenden Ausmaßes gilt als Geburtsstunde Nordfrieslands in seiner heutigen Form. Sie trennte Halbinseln vom Festland und verpasste der damaligen Insel Strand einen Keil. Zwar seien 650 Jahre lang Fluten, Herbststürme und Eisgang über die historischen Stätte hinweggegangen, sagt Mertens. „Aber man kommt dem Mythos hier sehr nahe.“ Tonscherben und Backsteine am Boden zeugen von einstigem Leben. Drei Tage lang soll der „Blanke Hans“ vor rund 650 Jahren gewütet haben. Die Zahl der Toten wird auf rund 10.000 geschätzt.

„Rungholt ist eine spannende Geschichte“, sagt auch Martin Segschneider, zuständiger Dezernatsleiter des Landesamtes für Archäologie. „Es ist aber vergleichsweise wenig bekannt und es wird deswegen relativ viel vermutet.“

Mehrere Jahrhunderte lang war der Ort nur ein Mythos. 1882 ließ sich der Pellwormer Landvogt Detlev von Liliencron zu seiner romantischen Ballade „Trutz, blanke Hans“ über jene sagenhaft reiche, jedoch in der Nordsee versunkene Stadt hinreißen. Der Nordstrander Andreas Busch habe mit seiner Entdeckung von Schleusenresten 1921 erstmals den Beweis für die Existenz des Ortes geliefert, sagt Segschneider.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass Rungholt westlich von Hallig Südfall lag, „aber hundertprozentig ist das nicht“. Bis zu 500 Menschen könnten im 14. Jahrhundert in der aus rund 20 Warften bestehenden Siedlung gelebt haben, für damalige Verhältnisse eine relativ hohe Zahl. „Wir wissen, dass es dort einen Hafen gab. Von dort aus wurde Handel betrieben, der den Leuten zum Wohlstand verhalf“, sagt Segschneider. Das belegen eine ganze Reihe herausragender Funde beispielsweise von Schmuck aus diesem Bereich des Wattenmeers. „Die Mischung aus Landwirtschaft und Handel hat Wohlstand gebracht“, sagt Segschneider. An überbordenden Reichtum glaubt er aber nicht. Die Rungholter hätten mit damals üblichen Gütern gehandelt. Dadurch habe es aber einen gewissen Einstrom von Luxuswaren nach Nordfriesland gegeben wie glasierte Keramik aus Spanien. Das zeuge von einem gewissen Reichtum.

Das Ende Rungholts kam abrupt. Drei Tage lang wütete die Sturmflut im Jahr 1362. „Bei der ersten großen Mandränke hat die Pest in Nordfriesland gewütet. Es ist vorstellbar, dass die Deiche dadurch einfach geschwächt waren, weil das notwendige Personal zur Aufrechterhaltung fehlte“, vermutet Segschneider als Grund für die Katastrophe. Aber nicht nur Rungholt, Dutzende von Siedlungen seien damals untergegangen.

Im Watt zeigt Cornelia Mertens auf eine Stelle, an der sich auffällig viele Muscheln befinden. Bei genauerem Betrachten sind kleine Tonscherben, aber auch Teile roter Backsteine zu erkennen. Mertens nennt diesen Ort „das Trümmerfeld“. Sie hat immer einen Zollstock dabei, falls sie etwas neues findet. Erst vor einigen Wochen entdeckte sie einen viereckigen Gegenstand, der einmal ein Fensterrahmen gewesen sein könnte. Mertens findet ihn dank GPS an diesem Tag wieder und löst die Kamera ihres Telefons aus. „Die Fundstellen trage ich in meine GPS-Karte ein und schicke die Bilder an das Archäologische Landesamt“, sagt sie. Denn im Watt graben oder gar Dinge mit nach Hause nehmen, ist verboten. Das nordfriesische Wattenmeer ist ein Nationalpark und gehört zum Welterbe der Unesco.

„Was wir im Wattenmeer an Hinterlassenschaften sehen, ändert sich laufend“, sagt Mertens. „Manche Dinge tauchen danach nie wieder auf.“ Die 51-Jährige ist Mitglied der Archäologischen Gesellschaft Schleswig-Holstein. Unter der Woche arbeitet sie in Hamburg als Psychologin. In ihrer Freizeit führt sie Touristen ins Wattenmeer. „Sie können nicht auf einer der nordfriesischen Inseln ihren Urlaub verbringen, ohne mit Rungholt in Berührung zu kommen“, sagt Mertens. „Als ich während einer Führung als Touristin das erste Mal die Gräben gesehen habe, hat mich der Virus erwischt.“

Vorsichtig schreitet Mertens durch einen Siel. Bis zu den Knien steckt sie im Schlick. „Wenn das Watt im Sommer ruhiger ist, sedimentiert es auf. Das heißt es verschlickt und erhöht sich“, sagt sie. Bei Herbststürmen sei genau das Gegenteil der Fall. Ob es sich bei den Gräben, auf die Wattwanderer vor Hallig Südfall immer wieder stoßen, tatsächlich um Hinterlassenschaften des untergegangenen Ortes Rungholt handelt, ist allerdings nicht gesichert. „Diese Gräben findet man wirklich überall im Wattenmeer“, sagt Archäologe Segschneider. Das heutige Wattniveau liege mehrere Meter unter dem der Warftkuppen, wo vor Jahrhunderten Menschen leben konnten. „Was man heute noch am Boden findet, können maximal noch Fundamente oder Eingrabungen sein.“ Segschneider betont, dass die dortigen Kulturspuren durchaus zu Rungholt gehören könnten. „Das Problem ist aber, dass dort auch nach der großen Sturmflut immer wieder Siedlungen entstanden, die dann später erneut überspült worden sind.“ 

Im gesamten Wattenmeer-Bereich versuchten die Menschen nach der ersten großen Mandränke von 1362, verlorene Ländereien wiederzugewinnen. Vielerorts wurden neue Deiche errichtet. Fest steht, dass Rungholt ein Teil der ehemaligen Insel Strand war, die 1634 unterging. „Sie ist bei der zweiten großen Mandränke regelrecht gespalten worden“, sagt Segschneider. Auf dem damals neu entstandenen Land sei die heutige Hallig Südfall aufgewachsen. Wattwanderern gibt Segschneider mit auf den Weg: „Man sollte sich sein eigenes Bild von Rungholt machen und nicht zu sehr von Liliencron leiten lassen.“ Ähnlich lautet der Rat von Wattführerin Mertens an Urlauber: „Mit Rungholt muss jeder auf seine Weise umgehen.“

 

Siebte Rungholtttage auf Nordstrand

Zum siebten Mal veranstaltet das Team um den Halligfriesen Robert Brauer die Rungholttage auf Nordstrand. Vom  29. bis  31. August dreht sich auf der Halbinsel alles um die 1362 untergegangene Ortschaft. An den ersten beiden Tage informieren namhafte Experten über den aktuellen Stand der Forschung. Aus Holland reist extra Dr. Otto Knottnerus an, um über versunkene Dörfer und Sturmflut-Mythen zu berichten. Am Sonntag gibt es eine Exkursion zu den Fundstätten. Dieses Jahr zum ersten Mal dabei ist die Schutzstation Wattenmeer, die zwei Rungholt-Nachtwanderungen anbietet. Seit 2012 vergibt die Rungholt-Gesellschaft bei der Veranstaltung die Ehrung „Siegel von  Rungholt“. Diese Replik wird an Menschen oder Institutionen vergeben, die sich für die Erforschung oder Erhaltung der Kulturspuren von Rungholt oder der Uthlande allgemein verdient gemacht haben. Damit soll der Erhalt bedeutender Kulturgüter in Nordfriesland gefördert werden. Der Preis ist dem Siegel der Edomsharde vor der Flut von 1362 nachempfunden.  Näheres zum Programm: www.lust-auf-nordstrand.de.

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