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Teure Taxi-Tour in Husum : Rollstuhlfahrer müssen extra zahlen

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Kritik an Mehrkosten bei Taxifahrten für Menschen mit Handicap: Ein Betroffener pocht auf den Inklusionsgedanken.

Husum | Klaus Martens ist richtig sauer. Der 68-jährige Rolli-Fahrer hatte sich so darauf gefreut, erstmals mit einem Rollstuhltaxi zu fahren. Er ist das mühsame Umsteigen zwischen seinem Gefährt und den Taxi-Sitzen an Start und Ziel leid. Dann muss auch noch der Rolli zusammengeklappt und verstaut werden. Da erscheint es ihm viel komfortabler, im Sitz über eine Rampe in den Spezialwagen zu rollen und am Ziel dann seines Weges zu fahren. Doch jetzt hat er schmerzhaft erfahren, dass das extra kostet. Zum Betrag auf dem Taxameter von 8,10 Euro für eine kurze Stadttour musste er dem Fahrer des Husumer Unternehmens Tine-Taxi 15 Euro zusätzlich zahlen, ohne dass er vorher darüber informiert worden sei, wie er klagt. Hin- und Rückfahrt summierten sich so auf fast 50 Euro.

Martens weiß, wovon er redet, ist er doch lange Mitarbeiter im Freizeithaus des Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerkes gewesen und kennt daher viele Betroffene: „Im 21. Jahrhundert, wo alle von Gleichbehandlung, Integration und Inklusion reden, ist dies eine Diskriminierung von Behinderten, die in keiner Weise zu rechtfertigen ist und jedweder Basis entbehrt“, schimpft er.

Doch Taxi-Unternehmen sind berechtigt, eine Extragebühr zu verlangen, wie Hans-Martin Slopianka, Pressesprecher des Kreises Nordfriesland, erklärt. Eine Kreisverordnung über die Beförderungsentgelte regelt unter Punkt 10: „Eine vom Fahrgast verlangte besondere Ausstattung der Taxe, wie zum Beispiel Hochzeits- oder Beerdigungsfahrten, darf je nach Aufwendung besonders berechnet werden.“ Den Betrag dürften die Unternehmen selbst festlegen und bräuchten ihn auch nicht vom Kreis genehmigen lassen. Die Verordnung werde regelmäßig überarbeitet.

Der Pressesprecher kann sich vorstellen, dass solche Investitionskosten in den Kilometerpreis eingerechnet würden. „Eine neue Lösung muss natürlich betriebswirtschaftlich sinnvoll und rechtmäßig sein.“

Wirtschaftlich notwendig sei die Gebühr, sagt Thomas Krotz, Vorsitzender des Landesverbandes für das Taxi- und Mietwagengewerbe Schleswig-Holstein. Immerhin würde der Einbau derartiger Sonderausstattungen in ein Taxi rund 10.000 Euro kosten. Das müsse sich amortisieren. Außerdem sei der Zeitaufwand für das Ein- und Ausladen höher als bei Fahrgästen ohne Rollstuhl. Auch wenn er den konkreten Fall in Husum nicht kommentieren möchte, betont er, dass allgemein „mehr Transparenz notwendig ist“. Überdies könne man überlegen, ob die Kosten für die Beförderung von Rollstuhlfahrern in Abstimmung mit seinen Berufskollegen zukünftig vielleicht in den Gebührenordnungen konkret beziffert werden sollten. In Husum halten mehrere Unternehmen solche Spezialfahrzeuge bereit. Die sind überwiegend gut ausgelastet, auch wegen der zahlreichen Einrichtungen in der Stadt, die Menschen mit Handicaps begleiten.

Besuch bei Jörg Heigele, dem Inhaber von Tine-Taxi. An einem seiner Fahrer hatte sich Klaus Martens’ Zorn entzündet. Heigele erinnert sich an den Vorfall. „Ich entschuldige mich, dass offenbar keiner vorher die Extragebühr genannt hat.“ Möglicherweise sei es passiert, weil viele Kunden diesen Zuschlag schon kennen. Dazu zählten unter anderem Arbeitsagentur, Krankenkassen und andere Selbstzahler wie Klaus Martens. Sogar die Bahn rufe Tine-Taxi, wenn der Fahrstuhl im Husumer Bahnhof ausfällt. Dann gehe die Reise mit Taxi zur nächstgelegenen, barrierefreien Station. Besonders gefragt sei das Angebot an Sonn- und Feiertagen, weil dann Familien ihre Treffen organisieren.

Bleibt die grundsätzliche Frage, die Klaus Martens aufgeworfen hat: wie es im Sinne der Inklusion gelingen kann, dass gar keine Extrakosten mehr berechnet werden. Hans Böttcher, Beauftragter für Menschen mit Behinderung der Stadt Husum, betont das Recht auf Teilhabe, wie es auch in dem Aktionsplan der Landesregierung verankert worden sei. „Wir müssen erörtern, ob die hohen Investitionskosten für die Spezialausrüstungen nicht auf den Taxameterpreis umgelegt werden sollten, den wir alle bezahlen.“

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erstellt am 08.Jun.2017 | 10:00 Uhr

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