Rolf Hartmann: Engagierter Lyriker und Umweltaktivist

Wird heute 75: Rolf Hartmann. Foto: Bandixen
Wird heute 75: Rolf Hartmann. Foto: Bandixen

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02. Juni 2012, 03:59 Uhr

Husum | Wer mit Rolf Hartmann zu tun hat, muss auf alles gefasst sein - so auch darauf, dass er zum Abschied immer auch einen Packen Papier in die Hand gedrückt bekommt. Die wichtigsten Passagen hat er vorsorglich schon mal unterstrichen. Das Themenspektrum ist breit gefächert: Hier der redaktionelle Hinweis auf die Forderung eines Schriftstellerverbandes, inhaftierte türkische Autoren freizulassen, dort das Gedicht des chinesischen Kollegen Xiao Kaiyu über eine Umweltzerstörung von epochalem Ausmaß. Offizielle Stellen feiern das Drei-Schluchten-Projekt am Jangtsekiang hingegen als Meilenstein technologischen Fortschritts - wie so oft nur möglich dank tatkräftiger Unterstützung deutscher Firmen und deutscher Staatsbürgschaften. So viel zum Thema Anspruch und Wirklichkeit.

Um diesen Widerspruch geht es dem Husumer Lyriker, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, auch in seinem literarischen Tun. Gedichte, die sich in rührseliger Naturbeschreibung verlieren, sind seine Sache nicht. Auf fußballerische Dimensionen übertragen, sucht und findet der gebürtige Magdeburger seine Themen dort, wo es wehtut - im Strafraum ökologischer und gesellschaftspolitischer Entwicklungen. Doch hält er den Finger nicht nur literarisch in die Wunde, sondern gründete auch zahlreiche Umweltinitiativen und betreibt sie mit einer Hartnäckigkeit, die Gegner gern schon mal als "Penetranz" auslegen. Los werden sie ihn aber auch damit nicht.

Hartmanns aktueller Gedichtband "Mandränke 2:59 - Nordseegedichte und andere" verdankt seine Entstehung einem Ereignis, das schon etwas zurückliegt, aber nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Im Gegenteil. 1976 - damals lebte er noch in Finkhaushallig - ging gerade noch mal gut, was den Norden 14 Jahre zuvor in seinen Grundfesten erschüttert hatte: Mit aller Wucht zerrte der Blanke Hans an den Deichen, doch diesmal sollten sie halten. Aber wie lange noch? Hartmann weist auf einen Bericht des Clubs of Rome hin, wonach Wissenschaftler für 2052 einen Klimakollaps voraussagen. Und er zitiert Forscher des Alfred-Wegener-Instituts, die herausgefunden haben, dass Luft- und Wasserströme dem sogenannten Ewigen Eis von Arktis und Antarktis weit mehr zusetzen als bisher angenommen. "Wenn wir nicht untergehen wollen, werden wir die Deiche erhöhen müssen", lautet Hartmanns einfache Formel - wohl wissend, dass dies eine Schutzmaßnahme, aber keine Lösung ist.

Klar, dass so einer auch zu den Israel- und Griechenland-Gedichten von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass eine differenzierte Haltung hat. Die seien sprachlich nicht glanzvoll, aber die Diskussion, die sie anstießen, sei enorm wichtig. Die gegenwärtige Politik Israels hält Hartmann für gefährlich. Allerdings müsse man schon differenzieren. Bei seinen Besuchen im Nahen Osten habe er gerade bei der jungen Generation eine "tiefe Traurigkeit" entdeckt. "Ein Jammer."

In seiner Lyrik fühlt er sich Vorbildern wie Ossip Mandelstam verbunden, "der es gewagt hat, Stalin auf dem Höhepunkt seiner Macht anzugreifen und mit Zwangsarbeit vernichtet wurde". Aber auch Heinrich Heine und Friedrich Schiller stehen ihm nahe. Dem früheren Deutsch- und Geschichtslehrer selbst lag und liegt vor allem das "politische Landschaftsgedicht" am Herzen, doch verfasst er auch gern mal ein Spaßgedicht. So eines will er heute auch zu seinem Geburtstag vortragen, den er - wenn schon nicht auf der Nordsee, wie den 65. - zumindest "mit Blick auf die Eider" feiern wird.

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