Kurioses Strandgut auf Süderoog : Rasierer-Schwemme auf Süderoog

Holger Spreer sammelt täglich Rasierer auf Süderoog ein.
Holger Spreer sammelt täglich Rasierer auf Süderoog ein.

Die Vermüllung der Nordsee und ihre Blüten: Derzeit schwimmen Rasierer in der Nordsee, vorher gab’s Schuhe oder auch Gift.

shz.de von
04. Januar 2018, 12:00 Uhr

Ü-Eier, Schuhe, und jetzt Rasierer: Wer ein paar Jahre in der Nähe des Meeres gewohnt hat, weiß schon, dass die See gelegentlich sonderbare Fundstücke in rauen Mengen an den Strand spült. Wer wie Holger Spreer mit seiner Familie eine Hallig sein Zuhause nennt, der erlebt die Vermüllung der Meere jeden Tag hautnah mit. Die jüngste Produkt-Flut auf Süderoog: Massenweise Gilette-Rasierer, die Spreer und seine Frau vom Ufer sammeln. Pro Tag waren schon mehr als 100 Stück dabei, erzählt er. Auch auf Föhr oder an der Festlandsküste wurden die Rasierer seit Weihnachten am Flutsaum gesichtet, schreiben Nutzer auf der Facebookseite der Hallig. Woher sie kommen, ist noch nicht klar. Spreer vermutet, dass irgendwo ein Container über Bord gegangen sein muss.

Es wäre nicht das erste Mal: Im Januar vergangenen Jahres sorgten Überraschungseier für Schlagzeilen, die vor allem auf Langeoog, aber auch in St. Peter-Ording an den Strand gespült worden sind. Ihr Container war wenige Tage zuvor bei einem Wintersturm in der rauen See gelandet. Und auf Sylt sammelten Insulaner und Gäste im Dezember 2011 fleißig gut erhaltene Marken-Sandalen und Ballerinas vom Rantumer Strand. Sie stammten von einem Frachter, der im Sturm vor Helgoland ein halbes Dutzend Container mit Schuhen und Poloshirts verloren hatte.

Hoch gefährlich für Ökosystem und Mensch waren die Beutel, die 1994 an der Nordseeküste angespült wurden: In ihnen steckten jeweils zehn Gramm des Pflanzenschutzmittels Apron-Plus – „jeder einzelne mit genug Gift, um einen Menschen zu töten“, wie der Spiegel damals berichtete. Insgesamt 7,2 Tonnen des Pestizids trieben in der Nordsee, ein Frachter hatte fünf Container, die mit den Beuteln befüllt waren, vor der französischen Küste verloren.

An eine weitere Gift-Flut erinnert sich der Sylter Biologe Lothar Koch: Im Sommer 1991 driftete die bernsteinfarbene Chemikalie Alkylphenol an die Küsten. Alkylphenol ist giftig für Fische und andere Meerestiere und kann zudem Krebs verursachen. „Ich weiß noch, wie wir damals mit Handschuhen die Sylter Strände abgesucht haben“, erinnert sich Koch. Ohnehin: Obskure Fässer mit unbekanntem Inhalt werden regelmäßig an der Nordseeküste angespült, kürzlich wieder auf Sylt. Was sie beinhalten, muss jedes Mal vom Landesbetrieb für Küstenschutz untersucht werden.

Fast schon ein Klassiker unter dem Strand-Dreck: Paraffin. „Wir finden davon auf der Hallig bestimmt zehn Mal im Jahr Brocken“, sagt Holger Spreer. Auch Styrodur, das unter anderem als Dämmmaterial verwendet wird, schwemmt in regelmäßigen Abständen an. Der häufigste Strandfund auf Süderoog ist allerdings ein anderer: Luftballons – beziehungsweise die Plastikfetzen, die von ihnen am Ende übrig bleiben. „Die Menschen bedenken einfach nicht, dass die auch wieder runter kommen, wenn sie sie steigen lassen“, beklagt der Hallig-Bewohner.

Übrigens: Nutzen kann man seinen neuesten Strandfund – die Rasierer – nur begrenzt: „Von allen, die wir gefunden haben, haben nur zwei eine Klinge“.

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