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Husumer Nachrichten

24. Oktober 2017 | 08:26 Uhr

Rufbus : Probieren geht über Studieren

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Landrat Dieter Harrsen ist begeistert von der Idee, in Nordfriesland Rufbusse ins Rollen zu bringen. Eine Million Euro schrecken ihn nicht. Denn der Nahverkehr soll auch der Wirtschaftsförderung nützen.

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erstellt am 11.Mär.2015 | 17:30 Uhr

Landrat Dieter Harrsen überraschte alle mit einer klaren Ansage im „Wert“ von etwa einer Million Euro. In einer Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses des Kreistages sprach sich Harrsen nachdrücklich dafür aus, in Nordfriesland zumindest für die Werktage ein Rufbus-System mit einem Zwei-Stunden-Takt als Ergänzung zum konventionellen Linienverkehr einzuführen – frei nach der erfolgreichen Umsetzung in Salzwedel in Sachsen-Anhalt, einer Region, die ebenfalls wie Nordfriesland der „Typ“ dünn besiedelter Kreis ist.

Nun gehören also auch Rufbusse mit auf die Liste von Lösungen, um trotz des demografischen Wandels die Lebensqualität in Nordfriesland zu erhalten – und ohne Frage gehört dazu die Mobilität, die in Zukunft nicht mehr ausschließlich auf den Schülerverkehr ausgerichtet sein darf, sondern für die andere Altersstrukturen zu berücksichtigen sind. Dieser Ansatz ist bereits Grundlage eines Integrierten Mobilitätskonzeptes, das zusammen mit einem Kooperationsraumkonzept seit Ende 2013 für die 133 Orte im Kreisgebiet vorliegt. Letzteres weist 18 Vorschläge für eine Zusammenarbeit von Kommunen auf dem Festland mit einem Versorgungszentrum aus: Dieses ist eine Gemeinde, die aufgrund ihrer Infrastruktur mit Schule, Apotheke, Pflegeeinrichtungen, Geschäften und anderem gern zwei- bis dreimal täglich mit Nahverkehrsangeboten erreichbar sein sollte. Am weitesten fortgeschritten ist der Kooperationsraum Garding mit neun Gemeinden aus dem Umland – inklusive Westerhever. Demnächst soll ein entsprechender Vertrag von allen unterzeichnet werden.

Im Kreishaus in Husum brach Harrsen eine Lanze für ein Rufbus-Projekt, das für ihn sogar Wirtschaftsförderung bedeutet. Denn hat ein Arbeitgeber seinen Standort in einer Kommune, die für einen potenziellen Auszubildenden, der kein Auto zur Verfügung hat, nicht über Nahverkehrsangebote zu erreichen ist, wird der Nachwuchs wegziehen, ist Harrsen überzeugt. Er erwähnte zudem Frauen, die nicht arbeiten gehen, weil dann ein zweites Fahrzeug angeschafft werden müsste, was sich oft nicht rechnen würde. 4,6 Millionen Euro investiert der Kreis jährlich in Verkehrsleistungen – „doch damit erreichen wir nichts für den Wirtschaftsraum“, erklärte der Landrat. Im Übrigen hätte er „mit mehr als einer Million“ gerechnet.

Besonders Grünen-Fraktionsvorsitzender Uwe Schwalm war sichtlich begeistert, dass er nun für „sein“ Thema Nordfrieslands obersten Verwaltungschef an der Seite hat. Die Grünen waren die ersten, die sich die Neuorganisation der öffentlichen Mobilität auf ihre Fahne geschrieben hatten. Schwalm: „Es ist das, was ich immer gewollt habe. Ich kann mir vorstellen, dass sich mit den Gemeinden bei der Finanzierung ein Kompromiss finden lässt. Die werden auch froh sein, wenn wir helfen.“ Burkhard Jansen, Leiter des Fachbereiches Kreisentwicklung, Bauen, Umwelt und Kultur, der von seinem Vorgesetzten Dieter Harrsen ebenfalls zum Staunen gebracht worden war, sieht dies ähnlich und fordert zum Dialog mit der kommunalen Ebene auf: „Denn das Geld haben wir nicht in der Kasse.“

Vorangegangen war die Vorstellung eines vom Kreis in Auftrag gegebenen Gutachtens zur Frage, inwieweit das Modell des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Salzwedel auf den nördlichsten Kreis übertragbar ist. Christian Reuter von PTV-Group (Hauptsitz in Karlsruhe) stellte Kreispolitikern und interessierten Bürgern Details vor. Das Unternehmen hat bereits das Integrierte Mobilitätskonzept für Nordfriesland mit erstellt und auch Salzwedels Nahverkehrsplan erarbeitet. Im vergangenen Jahr war der Kreis in Ostdeutschland Ziel einer von den Grünen initiierten Informationsreise gewesen. Reuters Fazit: „Grundsätzlich sind Rufbusse machbar in Nordfriesland.“ Deren Einsatz sei abhängig von der Nachfrage, sodass die Kosten „erst hinterher feststehen“. In Nordfriesland ist vor diesem Hintergrund die Marsch – dünner besiedelt als die Geest – „besonders problematisch“. Reuter war bei seinen Berechnungen für den Zuschussbedarf des Kreises von einer „realistischen Nutzung von 50 Prozent des Angebotes“ ausgegangen, was etwa eine Million Euro ergab. Reuter betonte: „Der Öffentliche Personennahverkehr kann nicht aus der Portokasse bezahlt werden.“ Ein Angebots-Mix führt nach seiner Erfahrung zu einer höheren Auslastung. Zwei Ideen, um an Geld zu kommen, offerierte er ebenfalls: eine
„NF-Karte“ für Touristen und ein Fonds, in den über Beherbergungsbetriebe ein Aufschlag von zwei bis drei Euro pro Bett eingezahlt wird.

„Rufbusse fahren auf kürzestem Weg zu den Haltestellen und sind nicht an eine Linie gebunden.“ Der Fachmann regte an, die Kundenanfragen in einer Dispositionszentrale zu bündeln, die von einem Subunternehmer betrieben werden könnte – ebenso könnten Taxi-Betriebe eingebunden werden. Strecken, auf denen „eine andere Alternative“ (Bürgerbusse) funktioniert, müssten ausgespart werden. Versorgungszentren sollten laut Reuter jedoch an den Linienverkehr angebunden sein. Der Experte gab am Ende freimütig zu: „Probieren geht über Studieren.“

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