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Was Husumerinnen nach Köln bewegt : Prävention statt Aktionismus

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Das Husumer Frauenforum will im Februar Präventionsmaßnahmen vereinbaren. Die Erfahrungen von Köln und Hamburg werden auch in der Stadt vielfältig diskutiert.

von
erstellt am 16.Jan.2016 | 12:30 Uhr

Sexismus ist kein exklusives Problem von Migranten. Dies stellt Urte Andresen, Migrationsfachkraft beim Diakonischen Werk Husum, klar. Sie plädiert im Gespräch mit unserer Zeitung über die Vorfälle in Köln und Hamburg, wo in der Silvesternacht Frauen nicht nur bestohlen, sondern auch massenhaft sexuell belästigt wurden, einen kühlen Kopf zu bewahren. Auch für Urte Andresen ist das, was in den beiden Großstädten geschehen ist, „absolut inakzeptabel und unerträglich“. Aber die Häme und der Hass im Internet zu diesem Thema seien es ebenso. Sorgen bereitet ihr, dass nun Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt werden könnten.

Urte Andresen: „Worüber reden wir? Letztlich über ein Phänomen, das auch in unserer Gesellschaft verankert ist und sehr viel mit Machtverhältnissen zu tun hat. Wie benehmen sich deutsche Männer bei Zeltfesten, wie benehmen Sie sich in Firmen, auf Baustellen, in Führungsetagen? Wir haben Gleichberechtigung, ein Wert den wir nicht genug schätzen und schützen können, den wir auch Migranten unbedingt vermitteln müssen. Aber sind wir in unserer Gesellschaft schon wirklich gleichberechtigt?“

Dringend und vorrangig müssten die Straftaten verfolgt werden. Aber der alleinige Ruf nach härteren Gesetzen greift nach ihrer Auffassung zu kurz. Gesetzliche Grundlagen, gestützt durch die Genfer Flüchtlingskonventionen, seien vorhanden, sie müssten konsequent angewendet werden. „Es geht aber auch darum, eine Haltung zu entwickeln und Wertvorstellungen zu vertreten. Eine Gesellschaft, die eingreift, wenn so etwas geschieht, die nicht zulässt, dass sexuelle Übergriffe als Kavaliersdelikt abgetan werden. Das erfordert den Mut, sich diesen Themen offen zu stellen, zu erkennen, dass nur wirkliche Teilhabe, nicht nur für Frauen, sondern auch für Migranten, uns auf diesem Weg weiter bringen kann.“

Diesen roten Faden verfolgen laut Presseerklärung auch der Flüchtlingsrat und der Antidiskriminierungsverband Schleswig-Holstein. „Wie erreichen wir, dass Frauen in Deutschland unabhängig von ihrer Herkunft nicht diskriminiert werden? Was müssen wir tun, damit Flüchtlingsfrauen geschützt und gefördert werden?“ Und: „Bei jedem deutschen Großereignis wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen ausgeübt. Jedes Jahr werden beim Münchner Oktoberfest im Schnitt zehn Vergewaltigungen polizeilich erfasst; die Dunkelziffer wird von Polizei und Opferverbänden auf 200 geschätzt.“

Der Soziologin Marianne Carstensen, die in der Volkshochschule unter anderem Flüchtlinge in Deutsch unterrichtet, ist das Thema bekannt – aus eigener Erfahrung. Sie hat mit Ehemann Siegfried die Türkei bereist – zuletzt war das Paar zur Wahlbeobachtung in Kurdengebieten unterwegs gewesen. Marianne Carstensen wurde in der Türkei in einem Bus belästigt – andere Männer kamen ihr zu Hilfe: „In gutem Sinne haben dort Männer Männer im Blick.“ Marianne Carstensen: „Es gibt noch eine zweite Seite. Ein solches Verhalten hält uns den Spiegel vor. Unsere sexuelle Offenheit weckt falsche Vorstellungen – und wenn dann noch Alkohol eine Rolle spielt.  .  .“ Die Soziologin macht zudem auf einen anderen Aspekt aufmerksam. Untätig sein zu müssen, dazu ohne die Wärme einer Familie in einem fremden Land zu leben, kann nach ihrer Auffassung das Abrutschen in solch ein kriminelles Verhalten befördern.

Auch im Husumer Frauenforum sind Köln und Hamburg ein Thema. Husums Gleichstellungsbeauftragte Britta Rudolph betont: „Wir wollen nicht in Aktionismus oder Populismus verfallen. Aber wir werden am 23. Februar konkret Präventionsmaßnahmen vereinbaren.“

Vermeintliche Tipps, zum Beispiel bestimmte Orte zu meiden und auf enge Jeans und Minirock zu verzichten, sind für Petra Stadtländer nur ein Zeichen von Hilflosigkeit. Das hätte eher etwas von „blame the victim“ (Blamiere das Opfer). Die Diplom-Sozialpädagogin gehört zum Team der Einrichtung „Frauenberatung & Notruf Nordfriesland“ in Husum. Fast jede siebte Frau in Deutschland sei von strafrechtlich relevanter sexueller Gewalt betroffen – „meistens durch Männer aus dem privaten Umfeld“. Damit bewege sich diese Zahl nach wie vor auf einem hohem Niveau und sei nicht in einen Zusammenhang mit der Flüchtlingsbewegung zu stellen.

Für Stadtländer und ihre Kolleginnen ist aktuell die Novellierung des Vergewaltigungs-Paragrafen 177 ein wichtiges Anliegen. Als Protest gegen den vorgelegten Entwurf wurden im November 2015 über verschiedene Frauenorganisationen – auch den Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – 60.000 Unterschriften an Bundesjustizminister Heiko Maas übermittelt. „Ein Nein ist ein Nein und muss gelten – und das reicht nach der geplanten Reform immer noch nicht aus“, erklärt Petra Stadtländer. Was bedeute, dass ein Gericht einen Täter freisprechen dürfe, wenn sich die Frau nicht genügend gewehrt habe.

Fälle von „Antanzen“ sind bekannt



„Vergleichbare Delikte, wie in Köln oder Hamburg, hatten wir bisher in der Polizeidirektion Flensburg nicht“, erklärt auf Anfrage Pressesprecherin Franziska Jurga. Nach ihren Angaben kommt es allerdings zu Fällen, in denen ein oder zwei Täter die Distanz zu ihrem Opfer verringern, sie sozusagen „antanzen“, ablenken und währenddessen die Taschen nach wertvollen Sachen durchsuchen. Ein sexueller Hintergrund sei bei diesen Trickdiebstählen nicht bekannt, betont Jurga.

Im Bereich der Kriminalpolizeistelle Husum gab es 2014 insgesamt 43 Fälle von Sexualdelikten. Dabei ging es neben sexuellem Missbrauch und sexueller Nötigung auch um exhibitionistische Handlungen. Nur einer der Verdächtigen war ein Ausländer. Die Zahlen für 2015 liegen erst im Frühjahr vor. Auch in den vergangenen Monaten wurden im Raum Husum Sexualstraftaten angezeigt. „Nach ersten Einschätzungen ist aber nicht mit einer signifikanten Steigerung derartiger Delikte zu rechnen“, sagt die Sprecherin der Polizei.

Derzeit ermittelt die Kriminaldienststelle Husum zum Beispiel in einem Fall der sexuellen Nötigung. Wie Franziska Jurga berichtet, hatten sich eine Frau und ein Mann in einer Gaststätte kennengelernt. Zunächst kam es zu einem einvernehmlichen Austausch von Zärtlichkeiten. Mit der Zeit wurde der Mann, ein syrischer Staatsbürger, zudringlicher. Der 29-jährigen, alkoholisierten Frau gelang es, ihn abzuwehren.

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