Schüler fragen Politiker : Politische Meinung als Luxusgut

Debattierfreudig: Michel Schröder, Brian Zube, Philipp Gutermann, Henning Mextorf und Fynn-Lucas Schuldt  befragten Kerstin Mock-Hofeditz, Christian Ott und Klaus Jensen (v. l.). Foto:  vb
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Debattierfreudig: Michel Schröder, Brian Zube, Philipp Gutermann, Henning Mextorf und Fynn-Lucas Schuldt befragten Kerstin Mock-Hofeditz, Christian Ott und Klaus Jensen (v. l.). Foto: vb

Was bewegt junge Leute? Schüler fragen, Landtagskandidaten antworten - die Husumer Nachrichten luden zur Diskussionsrunde ein

shz.de von
19. April 2012, 08:13 Uhr

Husum | Politikverdrossenheit, Diskussionskultur, Studiengebühren - das sind einige der Themenbereiche, die politisch interessierten Jugendlichen besonders am Herzen liegen, wie eine Debatte in unseren Redaktionsräumen ergab. Drei Landtagskandidaten aus dem Wahlkreis Husum stellten sich den Fragen von fünf Schülern im Alter von 16 bis 20 Jahren. Je zwei kamen von der Hermann-Tast-Schule (HTS) und der Theodor-Storm-Schule (TSS), einer von der Berufschule des Kreises Nordfriesland - und es gelang ihnen schnell, Klaus Jensen (53 Jahre, CDU), Kerstin Mock-Hofeditz (45 Jahre, Grüne) und Christian Ott (35 Jahre, Piraten) aus der Reserve zu locken.

Schon bei der Frage der Studiengebühren ergaben sich die ersten Differenzen: Wie sie denn überhaupt zur Erhebung von derartigen Gebühren stehen würden, wollte Michel Schröder (17 Jahre, TSS) wissen. Und: "Sollen die möglicherweise auch nachträglich erhoben werden?" Während sich Mock-Hofeditz - "Ein Studium muss unabhängig vom Geldbeutel der Eltern bleiben" - und Ott - "Bildung sollte ganz allgemein kostenlos und frei sein" - unisono gegen Gebühren aussprachen, schränkte Jensen ein: "Wir erheben im Land keine Studiengebühren und ich möchte auch jetzt nicht die Fahne für deren Einführung vornweg tragen, aber es ist vorstellbar - wenn das Geld auch tatsächlich zur Verbesserung der Bedingungen an den Universitäten und Fachhochschulen eingesetzt wird."

Durchaus unterschiedliche Ansichten konnten die Schüler auch bei der Frage nach dem Wahlalter herauskitzeln. Während in Schleswig-Holstein Jugendliche bei Kommunalwahlen schon ab 16 Jahren an die Urnen dürfen, ist das vollendete 18. Lebensjahr weiter Voraussetzung für die Teilnahme an Landtags- und Bundestagswahlen. Das fand Jensen völlig in Ordnung: "Ich bin ein großer Anhänger der Kommunalwahl mit 16, aber für die anderen Wahlen wäre das zu früh. Man muss stattdessen überlegen, wie man den Zugang zur Politik erleichtert - das ist ja auch eine Grundlage des Erfolgs der Piraten, hier den Finger in die Wunde gelegt zu haben." Das allein reichte Ott jedoch nicht, der sich vehement für eine Absenkung des Wahlalters einsetzte, sich aber dabei von Henning Mextorf (19 Jahre, HTS) fragen lassen musste, ob Jugendliche nicht viel zu leicht zu beeinflussen wären. Die Gefahr sah der Vertreter der Piraten aber nicht als gravierend an, denn: "Auch Erwachsene kann man beeinflussen." Mock-Hofeditz plädierte ebenfalls dafür, junge Leute früher mitentscheiden zu lassen, um sie auf diese Weise auch mehr in die Politik einzubinden. Fynn-Lucas Schuldt (16 Jahre, HTS) gab allerdings zu bedenken: "Früher wählen können bedeutet natürlich, dass sich der Einzelne dann eher mit den aktuellen Themen ausein andersetzen muss - aber das wird er nur, wenn ein Grundinteresse vorhanden ist."

Womit der wunde Punkt getroffen war, denn alle Schüler klagten darüber, dass das Interesse an Politik bei den meisten ihrer Mitschüler nicht gerade sonderlich ausgeprägt sei: "Ein Problem ist das breite Themenspektrum, eine intensive Beschäftigung damit kostet Zeit", so Philipp Gutermann (20 Jahre, Berufsschule). "Junge Menschen müssen sich mit der Schule befassen, mit der Frage nach Studium und Zukunft und nicht zuletzt mit ihrer Selbstfindung - dadurch sind sie schon ganz gut ausgelastet." Zudem werde politisches Interesse in der Schule nicht gerade gefördert, weder durch die Lehrer noch durch Mitschüler: "Viele haben Angst, sich zu positionieren, und die meisten Lehrer fördern das auch nicht gerade - die haben Angst, dass das zu viel Zeit kostet und der Lehrplan dann nicht mehr eingehalten werden kann." Doch genau diese Art des Unterrichts würde Brian Zube (17 Jahre, TSS) sehr begrüßen: "Die Stunden würden doch viel interessanter werden, wenn es Exkurse und Diskussionen zu aktuellen Themen gäbe, die alle berühren."

Auch bei den Parteien sahen die Schüler hier Nachholbedarf - und lobten die Piraten: "Bei denen gibt es sehr viele Möglichkeiten der Mitbestimmung, es wird online viel diskutiert und am Ende steht dann ein Kompromiss als Ergebnis", befand Michel Schröder. Streit entzündete sich allerdings an der Frage der Diskussionskultur im Internet, wo viele ihre Beiträge nur anonym - ohne Nennung des tatsächlichen Namens - leisten würden: "Man muss doch zu seiner Meinung stehen und die auch mit seinem Namen unterschreiben", so Mock-Hofeditz, "anonym kommen doch oft ganz unnötige Kommentare." Dem widersprach Ott: "Nur weil es solche Leute gibt, muss es ja nicht heißen, dass eine anonyme Diskussion nicht funktioniert." Bei den Piraten gebe es im Internet viele Debatten mit Leuten, die sich untereinander persönlich gar nicht kennen würden und die trotzdem sinnvoll seien. "Und manch einer hat einfach Angst - wenn auch zumeist unbegründet -, eine Meinung unter seinem Klarnamen kundzutun." Das sei tatsächlich ein Grund, der in Diktaturen durchaus seine Berechtigung habe, hieß es von der Schülerseite. Doch auch wenn das in Deutschland keine Rolle spiele, sollten anonyme Debatten hierzulande durchaus ihren Platz haben: "Sonst ist das doch undemokratisch." Es wolle ja auch keiner verbieten, so Jensen. "Aber auch solche Diskussionen sollten ernsthaft und seriös geführt werden - und die Qualität ist einfach höher, wenn es unter dem eigenen Namen geschieht." Er jedenfalls würde - wie Mock-Hofeditz - "nachvollziehbar geführte Diskussionen immer bevorzugen".

Was allen drei Politikern am Ende gleichermaßen Sorgen machte, war der geringe Stellenwert, den aktuelle Politik ganz offenbar immer noch in den Schulen genieße. "Das war bei uns auch schon so, aber ich hatte geglaubt, dass es längst besser geworden ist", so Jensen, und Mock-Hofeditz erinnerte sich daran, dass ihre Generation "ganz anders aktiv" war. Davon kann die heutige Schüler-Generation nur träumen: "Bei uns in der Schule wurde gefragt, wer an dieser Diskussion hier teilnehmen wolle - aber obwohl die letzten beiden Stunden dafür freigegeben waren, hatte kaum einer Lust", stellte Mextorf bedauernd fest.

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