Energie-Versorgung für Wohnquartier : Planer passen sich dem Ölpreis an

Präsentierten ihre favorisierten Wärmekonzepte (von links): Bendix Thomsen, Matthias Matthiesen (beide aus der Vertriebsabteilung der Stadtwerke), Peter Bielenberg, Benn Olaf Kretschmann, Jörg Wortmann und Michael Knitter (stehend).
Präsentierten ihre favorisierten Wärmekonzepte (von links): Bendix Thomsen, Matthias Matthiesen (beide aus der Vertriebsabteilung der Stadtwerke), Peter Bielenberg, Benn Olaf Kretschmann, Jörg Wortmann und Michael Knitter (stehend).

In welcher Form soll das künftige Husumer Wohnquartier Hockensbüll mit Energie versorgt werden? Die Planer haben jetzt ein vierstufiges Modell vorgelegt, das die Entwicklung des Ölpreises berücksichtigt.

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17. Januar 2015, 17:00 Uhr

Das Wohnquartier Hockensbüll ließe sich künftig in vier Abschnitten mit Energie versorgen. Einen entsprechenden Stufenplan, der erklärtermaßen den Spagat zwischen Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit schaffen soll, stellte die Planungsgemeinschaft am Donnerstag, 15. Januar, im „Alten E-Werk“ vor. Rund 20 Husumer, denen im Quartier an der Schobüller Straße eine Immobilie gehört, waren der Einladung der Stadtwerke zu dieser dritten Info-Veranstaltung gefolgt. Eine der zentralen Botschaften, mit der sie nach zwei Stunden den Tagungsraum am Binnenhafen wieder verließen: Der Staat nimmt Hausbesitzer in Sachen Klimaschutz – aktuell eine der größten Herausforderungen – immer mehr in die Pflicht, fördert die energetische Sanierung dafür aber auch mehr denn je.

Seit der letzten öffentlichen Runde im vergangenen Herbst haben die Planer von IPP ESN (die Firmen Ingenieurgesellschaft Possel und Partner sowie EnergieSystemeNord), E/M/N (Energie Manufaktur Nord) und wortmann-energie im Auftrag der Stadtwerke zahlreiche unterschiedliche Szenarien berechnet und bewertet. „Think big“ (groß denken) heißt dabei die Devise: Schließlich soll am Ende eine klima- und ressourcenschonende Lösung herauskommen, die nicht nur das Sanierungsgebiet der ehemaligen Gewoba-Siedlung umfasst, sondern auch die umliegenden Häuser – kurz: ein Stadtteil mit innovativem Modellcharakter.

Dass ein derart ehrgeiziges Projekt ein Höchstmaß an Flexibilität erfordert, wissen die handelnden Personen spätestens, seitdem sich der Heizölpreis im rasanten Sinkflug befindet. Als die Planungen vor einem Dreivierteljahr ihren Anfang nahmen, kostete der Liter noch 83 Cent – am Abend, als die favorisierten Wärmekonzepte vorgestellt wurden, 30 Cent weniger. Ergo, so Stadtwerke-Geschäftsführer Benn Olaf Kretschmann: „Zum jetzigen Zeitpunkt lohnt sich ein Anschluss von Bestandsbauten ans geplante Fernwärmenetz rein rechnerisch natürlich nicht – denn wer investiert dafür schon freiwillig das 1,3- bis 1,5-fache als er fürs Öl zahlen müsste?“ Für Kretschmanns Energieversorgungs-Unternehmen macht erst eine Anschlussquote von mindestens 65 bis 70 Prozent finanziell Sinn.

Das nun vorgelegte Stufenmodell trägt den aktuellen Entwicklungen auf dem Heizölmarkt Rechnung. Es unterteilt das Quartier in vier Abschnitte und führt langfristig zu einer effizienten klimaschonenden Versorgung. Vorteil: Eigentümern von bestehenden Häusern wird Zeit für eine gründliche Planung der energetischen Sanierung gelassen und auch noch ein späterer Anschluss ans Fernwärmenetz ermöglicht. „So kommt niemand unter Druck und kann bei den aktuell günstigen Preisen seinen alten Kessel noch eine Weile weiterbetreiben“, sagte Kretschmann.

Die aktuelle Situation ändert nach Aussage von Peter Bielenberg (E/M/N) allerdings nichts daran, dass Öl ein knappes und immer schwieriger zu förderndes Gut sei – mit sehr schwankenden Preisen. „Für den Wert einer Immobilie hat der Energiebedarf heute bereits eine zentrale Bedeutung – der Energieausweis ist Pflicht bei Verkauf und Vermietung“, ergänzte Jörg Wortmann (wortmann-energie): „Auch von daher lohnt es sich, über eine Investition in die energetische Sanierung nachzudenken, selbst wenn die Amortisation zum heutigen Zeitpunkt rechnerisch länger dauert als noch im vergangenen Herbst.“ Außerdem gebe es so viele Zuschüsse wie nie zuvor, selbst für die Beratung.

Um die neue Energieversorgung zu realisieren, nehmen sich die Experten nun folgende vier Unterquartiere vor: Mehrfamilienhäuser der Gewoba (laut Planungsstand neun an der Zahl), die Bestandsbauten in der Schobüller (neun) und Marienburger Straße (25), die geplanten Neubauten auf dem eingeebneten Gewoba-Gelände (rund 40 Einfamilienhäuser) und der restliche Bestand (89 Gebäude).

In der ersten Stufe sollen die Mehrfamilienhäuser der Gewoba mit Fernwärme aus dem bestehenden Blockheizkraftwerk in der gegenüberliegenden Volkshochschule versorgt werden. Die Wohnungsbau-Genossenschaft dimensioniert den Anteil der Sonnenwärme für die Gebäude dafür etwas kleiner als bisher geplant, was die Wirtschaftlichkeit der Anlagen insgesamt erhöht. Mit angeschlossen werden könnte in diesem Schritt bereits der zweite Abschnitt: die Häuser in der Schobüller und der Marienburger Straße. Die Wege dorthin sind kurz, der Abstand zwischen den Gebäuden ist gering.

Die Wärmeleitungen wollen die Planer gleich so dimensionieren, dass das Netz später ausgebaut werden kann, um weitere Immobilien anzuschließen. auch die Heizzentrale ließe sich bei Bedarf erweitern, zum Beispiel durch einen Holzpellet-Kessel. Auf diese Weise ließe sich die Umweltbilanz weiter verbessern.

Für die auf dem Gewoba-Gelände vorgesehenen Einfamilienhäuser stellten die Planer, zu denen an diesem Abend auch Michael Knitter (IPP ESN) gehörte, eine ebenso innovative wie effiziente Option vor: kalte Fernwärme. Was sich zunächst wie ein Widerspruch in sich anhört, ist ein Fernwärmenetz, das nicht mit Wasser gespeist wird, das 70 bis 90 Grad Celsius warm ist, sondern lediglich zwischen fünf und 15 Grad. Dieses Wasser wird in den Einfamilienhäusern über Wärmepumpen auf die für Brauchwasser und Heizung erforderliche Temperatur gebracht. Eine Lösung mit zwei Vorteilen: Das konventionelle Fernwärmenetz für die Bestandsbauten wäre effizienter und die aufwendigen Bohrungen für Erdwärmepumpen – wie ursprünglich für jedes Haus vorgesehen – würden entfallen. Beides trage zur Wirtschaftlichkeit bei. Über die Details zum Prinzip der kalten Fernwärme wollen Stadtwerke und Planer Interessenten und künftige Bauherren demnächst separat informieren.

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