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30 Jahre Husumer Filmtage : Plädoyer für eine offene Debatte

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

„Willkommen auf Deutsch“ von Carsten Rau und Hauke Wendler spielt im Hamburger Umland und wirft einen berührend anderen Blick auf die Flüchtlings-Thematik. Er wird zu den Filmtagen in Husum gezeigt.

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erstellt am 30.Sep.2015 | 15:30 Uhr

Im Landkreis Harburg scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch die Flüchtlingswelle macht auch vor malerischen Backsteinhäuschen und Weideflächen keinen Halt. Was aber passiert, wenn junge Männer – von Bürgerkrieg und Terrorismus traumatisiert – auf die „heile Welt“ eines 400-Seelen-Dorfes ohne Bäcker und Supermarkt treffen? Davon und von einigem mehr berichtet am Sonntag, 4. Oktober, ab 16 Uhr Carsten Raus und Hauke Wendlers Film „Willkommen auf Deutsch“ – als Teil der 30. Husumer Filmtage. Ein Gespräch mit Hauke Wendler.

 

Seit 25 Jahren beschäftigen Sie sich mit Flucht und Migration, seit zehn Jahren machen Sie Filme dazu. Schwillt Ihnen nicht manchmal der Kamm, wenn Sie sehen, wie vergleichsweise unvorbereitet die Politik mit diesen Fragen umgeht?

Ja klar, das ist so. Gerade in den letzten Monaten ruht sich die Politik meiner Meinung nach auf den vielen ehrenamtlichen Helfern aus, die sich engagieren. Aber an die wichtigen Schritte und Gesetzesprojekte, die seit Jahrzehnten überfällig sind, traut sich auch diese Koalition nicht ran. Weil Politiker halt Angst haben, mit diesem Thema Wahlen zu verlieren. Und leider bestätigen die jüngsten Umfragen und Politbarometer, dass sich daran wohl wenig ändern wird. Das ist tragisch und fahrlässig.

 

Was hat Sie bewogen, in gerade dieses Thema einzutauchen?

Ich habe während meines Studiums Anfang der 1990er-Jahre begonnen, mich damit zu beschäftigen. Rostock, Mölln, Solingen, die Anschläge, die Toten – das alles hat mich damals umgehauen. Dass mein Kompagnon Carsten Rau und ich noch immer Filme zu dem Thema machen, liegt aber auch daran, dass sich hier das ganz Große im ganz Kleinen erzählen lässt – für Dokumentarfilmer natürlich immer spannend. Denn letztlich sind Flucht und Migration heute ja nicht nur Teil der Menschheitsgeschichte, sondern eben auch die direkte Folge einer globalisierten und ungerechten Weltwirtschaftsordnung.

 

Was unterscheidet die Botschaft von „Willkommen auf Deutsch“ von der täglichen Berichterstattung?

Erstmal ist jede Berichterstattung wichtig, finde ich, egal ob in der Lokalzeitung oder in den Abendnachrichten. Nur geht es mir dabei oft zu Klischee-beladen und stereotyp zu – das bringt uns nicht weiter. Wenn es zum Beispiel Ängste und Sorgen in der Bevölkerung gibt, dann müssen die genauso ernst genommen werden, wie es die eklatanten Mängel in unserem Ausländerrecht oder das Versagen der Politik zu kritisieren gilt. Da bringt uns nur eine breite, offene Debatte weiter, glaube ich, und dazu wollen wir mit „Willkommen auf Deutsch“ einen Beitrag leisten.

Was werden unsere Bemühungen, das Leid der Flüchtlinge zu lindern, nützen, wenn sich die Dinge in ihren Herkunftsländern nicht ändern? Tragen wir da eine Mitschuld, die wir am Ende gar nicht mehr tilgen können?

Von einer Mitschuld zu reden, die wir „nicht tilgen können“, ist mir persönlich zu negativ. Klar: Der Wohlstand, den wir uns in Deutschland leisten können, gründet sich auch auf der ungerechten Weltwirtschaftsordnung, die ich ja vorhin schon erwähnte. Aber es bringt uns und vor allen den Flüchtlingen nichts, wenn wir uns davon gegen die Wand drücken lassen. Stattdessen sollten wir Flucht und Migration eben als einen Teil der Menschheitsgeschichte betrachten, ohne den es dieses Land und diesen Kontinent so gar nicht gäbe. Und letztlich bringen die Menschen ja nicht nur Probleme mit sich, sondern auch ganz viel Potenzial. Das, finde ich, sollten wir sehen und mit einer besseren, mutigeren Politik dann auch für alle Beteiligten nutzen.

 

Es ist derzeit viel von „Willkommenskultur“ die Rede. Sie lassen in „Willkommen auf Deutsch“ auch die Grautöne der Debatte erkennen. Können Sie sich vorstellen, dass die Stimmung kippt, wenn der Flüchtlingsstrom nicht abreißt? Und was können wir dagegen tun?

Unserer Erfahrung nach ist die Stimmung bereits am Kippen. Es sind längst nicht mehr nur Neonazis und Rechtsradikale, die unsere Protagonisten und uns beschimpfen, wenn „Willkommen auf Deutsch“ mal wieder im Fernsehen gelaufen ist. Da melden sich auch ganz normale Bürger aus der Mittelschicht – Ingenieure, Handwerker, Rechtsanwälte – und lassen ihrem Hass teils freien Lauf. Gerade deshalb ist es unserer Meinung nach so wichtig, dieses Thema breit anzugehen und nicht locker zu lassen. Wir brauchen eine offene Diskussion. Und wir müssen uns in der Mitte dieser Gesellschaft darauf verständigen, wie wir uns diese Welt vorstellen und wie eben nicht. Sonst wird sich die Politik einmal mehr vor diesem schwierigen, komplexen Thema wegducken.

 

 

 

Das Programm auf einen Blick

 

Donnerstag, 1. Oktober
19.30 Uhr: Eröffnung –

Dessau Dancers

Freitag, 2. Oktober
16 Uhr: Jack, Laila (Kurzfilm)

17 Uhr: Another Year

20 Uhr: A Most Wanted Man

und Der Verlust

22.30 Uhr: Gefällt mir

Sonnabend, 3. Oktober
16 Uhr: Von Mädchen und

Pferden u. Tabu - Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

18 Uhr: Die Frau, die sich traut

20 Uhr: Wacken in 3  D und

Als wir träumten

Sonntag, 4. Oktober
11 Uhr: Guitar Heroes in Joldelund Volume 1 & 2

16 Uhr: Willkommen auf Deutsch und Tango Pasión

18 Uhr: Nebraska

20 Uhr: Taxi und Das weiße

Band mit dem gebürtigen

Kieler Schauspieler Rainer

Bock als Ehrengast

 

Montag, 5. Oktober
16 Uhr: Citizen four und

Bloß kein Stress

18 Uhr: Quartett

20 Uhr: Lauf, Junge, lauf


Dienstag, 6. Oktober
15.30 Uhr: Und wenn wir alle zusammenziehen? Anschließend Vortrag von Henning Scherf, ehemaliger Oberbürgermeister der Hansestadt Bremen

16 Uhr: Stereo

20 Uhr: Freistatt und Kurzfilmrolle 2015

Mittwoch, 7. Oktober
16 Uhr: Lina Braake und Deutschland im Jahre Null

18 Uhr: Der Hundertjährige...

20 Uhr: Zwei Leben u. Der Bau

 

Kino-Center Husum, Neustadt 114, Kartenvorbestellung ab 14 Uhr 04841/2569

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