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Husumer Nachrichten

22. Oktober 2017 | 18:26 Uhr

Entschleunigung : Per E-Bike durch den Norden

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mit einem Elektrofahrrad lassen sich die Besonderheiten des Kreises Nordfriesland auf beinahe meditative Art erkunden – unser Mitarbeiter Frank Deppe nahm sich dafür eine kleine Auszeit.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2014 | 18:00 Uhr

Vom Eiffelturm über die Dächer von Paris geblickt, in den Alpen Bergkristall aus dem blanken Fels geschlagen, in Norwegens tiefen Fjorden die Angel ausgeworfen – aber die Heimat vor der Haustür? Hat sie nicht eigentlich mehr verdient als die flüchtigen Blicke auf der Durchreise, die sich begrenzen wie der Straßenrand die Autofahrt? „Ich bin dann mal weg“, hat Hape Kerkeling gesagt – und ich bin es auch, zumindest für drei Tage. Eine kleine Auszeit im Alltag, eine kleine Exkursion durch den vertrauten und doch fremden Norden Nordfrieslands. Der Kauf eines E-Bikes ist der willkommene Anlass.

Ganze neun Minuten währt die erste Etappe. Dann hat der Zug mein Heimatdorf Morsum und den Hindenburgdamm hinter sich gelassen und legt in Klanxbüll den ersten Halt ein. Wenig später schnurrt der Fahrradmotor im kleinen Gang durch beschauliche Dörfer. Mannshohe Sonnenblumen flankieren Haustüren, in Holzscheiben graviert sind die Namen aller Familienmitglieder.

Eine getigerte Katze huscht über die Straße, in der Ferne knattert ein Trecker. Und doch: Die Idylle ist brüchig. Leer sind die Auslagen hinter den verblichenen Fensterscheiben von „Blumen-Möller“ und auch die Apotheke vis-a-vis hat für immer geschlossen. Tatsächlich, etwas fehlt in dieser dörflichen Harmonie. Menschen.

Kurz vor dem Ortsausgang regt sich doch noch etwas. Eine alte Frau jätet mühsam die Beete. Sie wischt sich mit der flachen Hand über die Stirn. „Es sind doch alle zur Arbeit, irgendwo außerhalb. Wir sind“, nun kramt sie nach einem Taschentuch und tupft den Schweiß ab, „nur noch ein Schlafdorf, wie man heute wohl sagt.“

An abgeernteten Stoppelfeldern vorbei und an saftigen Weiden, auf denen Jungbullen vorwitzig ihre Kräfte messen, geht es im schnellen Tritt voran. Plötzlich erhebt sich aus der flachen Marsch eine Warft mit einem Gebäude, das sich so gar nicht in das Umland fügen will. Und das mag vor 84 Jahren noch viel gravierender gewesen sein, als der Maler Emil Nolde das Wohnhaus nach seinen Entwürfen im pragmatischen „Bauhausstil“ errichten ließ.

Rot und Blau, Gelb und Weiß strebt es zur Sonne. Die üppige Spätsommerpracht in Noldes Garten verzückt die wenigen Besucher, die ihrerseits ihre Handys zücken und jede Blüte sorgsam ablichten. Der Blumenteppich blüht so farbenfroh nicht von ganz allein. Acht Stunden, sagt der junge Gärtner, sei er tagtäglich hier im Grünen und mit ihm noch ein Kollege.

Unteregg ist eine bayerische Enklave mit kaum 1500 Einwohnern, stolz auf sein spätgotisches Gotteshaus – und zudem die Partnergemeinde von Emmelsbüll. Auch so etwas erfährt man, wenn man im gesteigerten Schritttempo gemütlich radelnd die Ortsschilder der kleinen Flecken passiert.

Die Straße wird schmaler und windet sich an Gehöften vorbei bis zum Deich. Neugierig äugt ein Reh aus dem Schilf, gemächlich drehen sich die mächtigen Flügel der Windräder, zu deren Füßen Traktoren ihre Furchen ziehen. Der summende Motor meines Rades stellt sich tapfer dem Gegenwind entgegen, bis Dagebüll die endlose Deichlinie unterbricht. Kurze Rast bei einem Lachsbrötchen am Fischimbiss und weiter gen Süden.

Nahe Schlüttsiel haben sich viele lärmende Gäste eingefunden, die keine Kurtaxe zahlen und auch auf kostenfreie Kost und Logis bestehen. Zu Tausenden bevölkern sie die Speicherseen im Hauke-Haien-Koog. Wie viele Vögel da wohl umher schwirren? Der Vogelwart des Vereins „Jordsand“ hat es in einem Schaukasten handschriftlich dokumentiert: Mehr als 11.000 ergab seine letzte Zählung, darunter allein 2650 Alpenstrandläufer und 2440 Goldregenpfeifer, aber nur eine Flussseeschwalbe und zwei Große Brachvögel.

Mitten auf dem Deich thront ein Hotel. Das soll die passende Unterkunft für die nächsten beiden Nächte sein, eines der nach den Halligen benannten Zimmer ist noch frei. Die Sonne macht sich rar am nächsten Tag, dafür ist der Wind eingeschlafen. Vorbei an einem der Speicherseen und einer Flotte von weißen Schwänen. Wenn sie mit ihren langen Hälsen zum Gründeln abtauchen, muten ihre Körper an wie schneeweiße Yachten auf einem welligen Meer.

Wieder allein auf weiter Flur. An alten Bauernhäusern vorbei, die trotzig auf Warften thronen. Ein Stück hinter Fahretoft lädt ein kleiner Teich am Wegesrand zur Abkühlung ein. Das Wasser ist angenehm kühl, sanft wiegen sich tiefbraune Schilfkolben, eine dicke, blaue Libelle umkreist den Badegast wie ein brummender Hubschrauber.

Weiter geht es. Nicht immer ganz nach Plan, aber was soll’s: Der Weg ist das Ziel. Auf der Terrasse des Gasthauses in Bongsiel mundet die Ofenkartoffel mit Krabben. Zwei Ehepaare gesellen sich an den Nebentisch. „Guten Tag!“, sagt eine der Frauen und wird von ihrem Gatten sogleich korrigiert: „Nee, dat heißt hier doch Moin“, bekundet er in breitem Westfälisch. Auch das Quartett ist mit E-Bikes unterwegs. Der Frontmann hat, ganz professionell, auf seinem Lenker ein i-Pad mit Navigationskarte installiert. Dagegen ist meine faltbare Radwanderkarte altbacken, doch mit ihr kommt man auch durch die Lande.

Am späten Nachmittag legt im kleinen Hafen von Schlüttsiel das letzte Fährschiff des Tages an. Kichernd und feixend ergießt sich seine Fracht auf die Mole. Eine fröhliche Klassenfahrt nimmt ihr Ende, der Bus für die Rückfahrt nach Herne wartet schon mit laufendem Motor.

Ruhe senkt sich nun über den Hafen und ein Netz in das Brackwasser vor der Schleuse. Einige Minuten verbleibt das große, quadratische Geflecht auf dem Grund, dann kurbelt Martin es nach oben. Auf Aale und Forellen hat er es abgesehen, doch nur kleiner Jungfisch zappelt in den Maschen. „Aber“, sagt der Hobbyfischer, „es hat sich heute doch gelohnt.“ Vor zwei Stunden ist ihm eine prächtige Forelle ins Netz gegangen, die jetzt im Kofferraum des Autos liegt. Ein stattliches Exemplar, sicherlich an die fünf Pfund schwer.

Es ist „Schnitzeltag“ drüben im Restaurant, und nach dem Essen lässt es sich auf der Terrasse bei einem kühlen Bier noch angenehm verweilen. Gelassen versinkt am fernen Horizont die Sonne, in deren glutroten Schein ein Krabbenkutter dem kleinen Hafen zueilt. Postkartenidylle – unfassbar schön.

Auf der Rücktour am nächsten Vormittag steht am Außenweg des Deiches plötzlich ein Verkehrsschild, das dort ausnehmend fremd wirkt. Es kündigt Bahnschienen an – und tatsächlich kreuzen schmale Gleise den Weg. Da naht auch schon ein Zug, der allerdings mehr einem fahrenden Kleiderschrank ähnelt. Eine Lore bringt Urlauber rumpelnd hinüber zur Hallig Oland, die schon seit 86 Jahren Gleisanschluss hat.

Weiter am Deich entlang. Schwer tragen Holunderbüsche an ihren reifen, schwarzen Beeren, an der Böschung sprenkeln pralle Champignons die Grasnarbe. Kilometerlang immer schnurgeradeaus, das ist zunächst ein wenig monoton, doch nach einer Weile recht meditativ. Voran durch die Dörfer, am Straßenrand ein wackliger Holzverschlag voller Gläser mit selbst gemachten Marmeladen. Sechs Euro in die kleine Kasse und zwei Mitbringsel für die Lieben daheim in die Fahrradtasche.

Der Zug hat zehn Minuten Verspätung und ist sehr bevölkert. Mit Mühe finden mein Zweirad und ich einen Platz. Drangvolle Enge statt weiter Landschaft, Stimmengewirr statt Vogelzwitschern. Die Zivilisation hat mich wieder, fraglos. Aber schön war’s und richtig wohltuend. In der Heimat gleich vor der Haustür.

 

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