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Keine Schmerztherapie : Patienten bleiben auf der Strecke

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Husumer Praxis für Schmerztherapie schließt im Laufe des Jahres 2015. Sehr zum Leidwesen vieler Betroffener, denn alternative medizinische Angebote gibt es nur in Kiel und Hamburg.

Jeden Tag Schmerzen, von morgens bis abends. Es gibt annähernd 6.000 Menschen an der gesamten Westküste, die damit leben müssen. Mit Dr. Albrecht Bästlein aus Husum haben sie einen ambulant praktizierenden Schmerztherapeuten in ihrer Nähe. Allerdings gibt er seine Praxis 2015 auf und verlässt die Storm-Stadt, um sich an einem anderen Ort niederzulassen. Der Grund: Innerhalb von 19 Jahren hatte die Husumer Praxis 40 Prozent Einkommensschwankungen, was es wiederum unmöglich machte, zu wirtschaften, wie Bästlein erklärt. Außerdem musste er eine Fallzahldeckelung – eine Patientenhöchstzahl, die nicht überschritten werden darf – und gleichzeitig ein Honorarbudget, das jedes Jahr fünf bis zehn Prozent weniger Einkommen bedeutete, in Kauf nehmen.

Mehr arbeiten und damit mehr verdienen konnte das Praxisteam aufgrund der Fallzahldeckelung allerdings nicht. Mit der Bürokratie und den damit verbundenen Gesetzesvorlagen kann und will Bästlein nicht mehr dauerhaft leben, zumal er zwischenzeitlich einen Herzinfarkt hatte. Der Versuch, die Praxis an die Diako zu verkaufen, scheiterte. Zwar sei genug Geld dafür da, allerdings nicht für die Schmerztherapie, so Dr. Albrecht Bästlein. Die anschließenden Verhandlungen mit dem Klinikum Nordfriesland in Husum das eine Ambulanz für eben jene Patienten aufbauen wollte, sieht er inzwischen als „sinnlos“ an. Vor wenigen Tagen erhielt er eine Absage.

Das Klinikum Nordfriesland bedauert die Entscheidung Bästleins. Die Sicherung der ambulanten Schmerztherapie in Nordfriesland sollte aber in ein stationäres Konzept eingebettet werden, um eine komplette Rund-um-Schmerzversorgung zu ermöglichen, heißt es dazu in einer Mitteilung des Klinikums. Für den stationären Part verfügte die Klinik über einen geeigneten Krankenhausarzt, der diese Konzeption aufbauen und im Klinikum die stationäre Patientenbehandlung steuern und wahrnehmen sollte. „Nun hat sich dieser Arzt aus privaten Gründen leider kurzfristig entschlossen, das Klinikum zu verlassen“, heißt es von Seiten des Klinikums. Vorrangig nur durch die Kombination mit einer stationären Schmerzbehandlungskomponente hätte das Klinikum eine wirtschaftlich tragfähige Option entwickeln können. Diese sei zwingend erforderlich, da weder das Land, noch die Kassenärztliche Vereinigung oder der Landkreis eine Anschub-/Investitionsfinanzierung oder eine dauerhafte Subventionierung eines ambulant-medizinischen Angebotes vornehmen könne. Aufgrund der fehlenden Darstellung einer stationären Komponente ist die Führung der Schmerzpraxis für das Klinikum wirtschaftlich deutlich erschwert worden. „Es wäre eine sichere Sache gewesen, denn wir hatten einen Kollegen mobilisiert, der alles weitergeführt hätte“, hält Bästlein dagegen.

Dem Klinikum blieb jedoch keine andere Wahl. „Da Herr Bästlein kurzfristig eine Entscheidung über den Praxiskauf benötigte, konnten keine Lösungen entwickelt werden“, lässt die Klinik verlauten. Der Einrichtung sei aber sehr wohl bewusst, dass Schmerzpatienten eine ortsnahe und auch kontinuierliche Betreuung benötigen. Sollte daher kein Nachfolger für Bästlein gefunden werden, wird das Klinikum Nordfriesland gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung versuchen, eine Lösung zur Sicherung der schmerztherapeutischen Versorgung in der Region zu erreichen. Die Klinik wartet derzeit die Situation ab, ist aber bereit, gegebenenfalls kurzfristig neue Optionen zu entwickeln.

Für Stephan Gosch (51) bleibt mit der Praxisaufgabe des Schmerztherapeuten nur der Weg nach Kiel oder Hamburg, um sich behandeln zu lassen, wie er erzählt. Der Oldensworter ist seit 15 Jahren bei Bästlein in Therapie. Nach einem schweren Motorradunfall 1984 musste er sich 25 Operationen unterziehen, wodurch sich letztendlich ein chronisches Schmerzbild abzeichnete. Mit zwei künstlichen Kniegelenken, einem künstlichen Darmausgang und als Folge davon Neurodermitis, muss er leben. Die alltäglichen Schmerzen kommen noch dazu. Bästlein führte mit ihm eine spezielle Schmerztherapie durch und stellte ihn medikamentös ein. „Die Medikamente halten sich zwölf Stunden als Depot im Körper und damit kann ich mittlerweile gut zurecht kommen“, so Stephan Gosch. Kraft gibt ihm seine Familie mit Frau und zwei Kindern sowie seine kirchlichen Ehrenämter.

Da er aufgrund seines Unfalls und den Jahren danach Erfahrungen in Selbsthilfegruppen sammeln konnte, hat er gemeinsam mit Susanne Linke aus Niebüll die Selbsthilfegruppe „Leben mit Schmerz“ gegründet. Auch auf diesem Gebiet ist das Klinikum bereit, zu unterstützen – beispielsweise durch das Angebot, sich in Räumen des Klinikums zu treffen.

 

Selbsthilfe-Gruppe gegründet: Mit Unterstützung der Deutschen Schmerzliga startet die Gruppe NF-Nord in Niebüll heute (27. November), 19 Uhr, in der Arche (Bachstelzenring 1) und trifft sich jeweils am vierten Donnerstag im Monat.

Die Gruppe NF-Süd wird sich erstmals am 11. Dezember, 19.30 Uhr, im Oldensworter Gemeindehaus der Kirchengemeinde (Osterender Chaussee 3) treffen. Danach jeweils am zweiten Donnerstag im Monat.

 

 

 

 

 

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