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Nordfriesland : Operation Klinikum-Rettung läuft an

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Gutachter-Vorschläge zur Gesundung des defizitären Klinikums Nordfriesland machen in den Fachausschüssen des Kreises die Runde. Unterdessen warnt Niebülls Bürgermeister vor übereilten Entscheidungen.

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erstellt am 18.Nov.2015 | 19:04 Uhr

Der Zeitplan ist eng. Um das an laufenden Millionen-Verlusten krankende Klinikum Nordfriesland vor dem endgültigen Kollaps zu bewahren, muss der Gesundungsprozess jetzt möglichst schnell eingeleitet werden. Auf der Grundlage eines entsprechenden Gutachtens, das der ehemalige Kaufmännische Vorstand der Diako Flensburg, Diplom-Kaufmann Karl-Heinz Vorwig, Anfang November vorgestellt hat, soll für die Kreistagssitzung am 11. Dezember zumindest ein richtungsweisendes Gesamtpaket geschnürt werden. Bis spätestens zum 25. Februar 2016 – so die Zielsetzung der Verwaltung – seien die vorgeschlagenen Handlungsempfehlungen für die vier Häuser mit ihren 429 Betten in Husum, Tönning, Niebüll und Wyk auf Föhr zu beraten und zu konkretisieren. Dazu soll zu diesem Stichtag kurzfristig ein umsetzungsreifer Strukturierungs- und Wirtschaftsplan vorbereitet sein.

Die einzelnen Gremien des Kreistags treten zu diesem Zweck in dieser Woche buchstäblich jeden Tag zusammen. Den Anfang machten jetzt der Hauptausschuss sowie der Finanz- und Bauausschuss. Dabei ist allen bewusst, dass an dem vorgeschlagenen Maßnahmen-Bündel, das harte Einschnitte vor allem für die Klinik-Standorte Tönning und Niebüll bedeuten würde, wohl kein Weg vorbeiführt. Nicht einfacher macht die Entscheidungsfindung der – allerdings nicht unerwartete – massive Widerstand zahlreicher Nordfriesen, der sich gegen die Pläne zur Gesundschrumpfung regt. Gerade auch besonders in Tönning, wo das stationäre Krankenhaus einem ambulanten Versorgungszentrum weichen soll, ist die Angst vor einem medizinischen Kahlschlag vor der Haustür groß – und manifestiert sich in öffentlichen Unmutsäußerungen und konzertierten Protesten.

Die nachvollziehbaren Sorgen der Bevölkerung teilt man auf kommunaler Ebene. So war zur jüngsten Hauptausschuss-Sitzung eigens auch Wilfried Bockholt ins Husumer Kreishaus gekommen. Der Bürgermeister der Stadt Niebüll, wo der Gutachter für die Geburtshilfe und die HNO-Abteilung keine Zukunft mehr sieht, warnte vor übereilten Entscheidungen. „In Südtondern – mit Föhr und Sylt zusammengerechnet – leben rund 70  000 Menschen, für die es in unmittelbarer Nähe dann keine Geburtshilfe mehr gibt – das geht nicht. Wir haben im nördlichen Nordfriesland genauso viel Anspruch auf eine leistungsfähige Regelversorgung wie der südliche Teil des Landes“, erklärte Bockholt. „Die Patienten-Mathematik ,Streiche Niebüll und füge Husum hinzu‘ wird nicht aufgehen“, so der Bürgermeister.

Die Entscheidung über die Zukunft des Klinikums nimmt denn auch auf Kreisebene niemand in der Politik und der Verwaltung auf die leichte Schulter. So betonte Thomas Nissen (SPD) in beiden Ausschuss-Sitzungen: „Wir müssen die Auswirkungen kennen!“ Man könne nicht einfach alles streichen, ohne die Alternativen auszuloten. So müsse sich der Kreis überlegen, wo die rund 400 Geburten denn sonst stattfinden, wenn Westerland und Wyk geschlossen sind und gegebenenfalls auch Niebüll dichtgemacht wird. Nach seinen Informationen habe die Geburtshilfe auf Föhr für den Kreis unterm Strich keine Zusatzkosten verursacht. Nun müsse man aber ergänzende Bereitschaftsdienste organisieren, um weiterhin die Versorgung der werdenden Mütter zu gewährleisten. Das hieße, es könnten künftig Kosten entstehen, die es vorher nicht gegeben habe – eine abstruse Situation, so Nissen.

Für die Fachausschüsse geht es nun in diesen Tagen im Wesentlichen darum, das komplexe Thema möglichst vollumfänglich zu überblicken und auf Basis des Vorwig-Papiers Aufträge für die eingeschaltete Flensburger Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO zusammenzutragen. Am Ende stehen dann jeweils noch keine Beschlüsse, sondern lediglich Vorlagen, die zur Kenntnis genommen werden. Wobei Schnittmengen und Übereinstimmungen in den Formulierungen nicht nur erwünscht sind, sondern auch in der Natur der Sache liegen – schließlich spiegelt sich in den Ausschüssen die ganze Bandbreite der Fraktionen, deren Mitglieder sich zuvor intern jeweils auf eine gemeinsame Linie geeinigt haben. Und auch die Verwaltung steuert – in Form von Schriftstücken, unter die Kreispräsident Heinz Maurus und Landrat Dieter Harrsen ihre Namen setzen – ihre Schlussfolgerungen aus den laufenden Gesprächen mit dem Sozialministerium des Landes, den Krankenkassen und der kassenärztlichen Vereinigung bei.

Viele Prüfaufträge für ein Ziel: Gute medizinische Qualität und Wirtschaftlichkeit

Sie trägt die laufende Nummer 146/2015, Sachbearbeiter sind Kreispräsident Heinz Maurus und Landrat Dieter Harrsen persönlich: „Beratung und Beschlussfassung über Handlungsempfehlungen für die Klinikum Nordfriesland gGmbH“ ist die Vorlage überschrieben, die gerade die Runde durch die Gremien macht. Am 16. November befasste sich der Hauptausschuss damit, einen Tag später der Finanz- und Bauausschuss. Am 19. November ist der Arbeits- und Sozialausschuss dran, bevor das Thema am 30. November erneut im Hauptausschuss auf den Tisch kommt – und schließlich am 11. Dezember im Kreistag.

Bestandteil der Vorlage ist folgende Zielformulierung: „Zur Sicherung guter medizinischer Qualität sowie zur Erlangung der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens ,Klinikum Nordfriesland‘ ist es notwendig, sich auf die vorhandenen Angebotsstrukturen des Klinikums und seiner Abteilungen zu konzentrieren und gegebenenfalls Kooperationen beziehungsweise Fusionen mit benachbarten Partnerkliniken einzugehen, um durch ein gemeinsames und abgestimmtes medizinisches Leistungsangebot die Qualität zu sichern sowie die Stellung am Markt zu verbessern.“ Zugleich seien die vorhandenen Synergien im Sekundär-und Tertiärbereich des Klinikums zu heben.

Daneben beinhaltet das Schriftstück den Auftrag an ein Wirtschaftsberatungsunternehmen, die Schlussfolgerungen aus der Analyse des Gutachters hinsichtlich ihrer betriebswirtschaftlichen Auswirkungen und der Folgen für die stationäre Krankenhausversorgung im Kreisgebiet zu untersuchen. Dabei seien im Besonderen folgende Empfehlungen zu prüfen:

❍Standort Niebüll:

>  Ausbau der geriatrischen Kapazitäten.

>  Beibehaltung der internistischen Kapazitäten.

>  Umwandlung der Intensivstation auf eine Intermediate Care mit deutlich weniger Betten als Anhang zur Internistischen Abteilung.

>  Umorganisation der Chirurgie in eine Tageschirurgie beziehungsweise in ein Medizinisches Versorgungszentrum/MVZ (möglichst in Zusammenarbeit mit dem MVZ der Diako in Niebüll).

>  Schließung der Abteilung Gynäkologie/Geburtshilfe zum 1. Januar 2017, bis dahin Aufbau der notwendigen Kapazitäten in Husum und gegebenenfalls Flensburg.

>  Verlagerung dieser Kapazitäten im Wesentlichen nach Husum, womit für den dortigen Standort eine Kapazität von etwa 800 Geburten im Jahr erreicht werden kann – dies dürfte künftig die Mindestgröße für eine geburtshilfliche Abteilung werden.

>  Zusammenfassung der MVZs der Diako Flensburg und des Klinikums Nordfriesland möglichst am Krankenhaus.
>  Schließung der HNO-Abteilung, wenn kein Deckungsbeitrag erwirtschaftet wird und nennenswerte positive Deckungsbeiträge durch alternative Nutzung der derzeitigen Belegbetten erzielbar sind.
>  Kann die Notfallambulanz über Nacht geschlossen werden, um damit Fixkosten abzubauen? In diesem Fall Rettungsdienst weiter aufbauen und einbeziehen.

>  Kapazitäten der Physiotherapie: bei Defizit Abbau.

❍Standort Tönning:

>  Schließung des Standortes für stationäre Versorgung und Aufbau einer rein ambulanten Versorgung durch ein MVZ.
>  Schließung der Neurochirurgie und gegebenenfalls Verlagerung nach Husum.

>  Schließung des ambulanten Adipositas-Zentrums und Verlagerung nach Husum.
>  (Ebenso ist die Empfehlung des Aufsichtsrates zur Prüfung der Errichtung einer Geriatrie zu berücksichtigen.)

❍Standort Husum:

>  Ausbau der Gynäkologie und Geburtshilfe (Kreißsaal-Kapazität ist ausreichend, eine Erneuerung des Sectio-OPs sollte erfolgen).
>  Strukturen der Chirurgie – Empfehlung: Aufteilung in eine Allgemein- und eine Unfallchirurgie, das heißt keine spezielle Gefäßchirurgie beziehungsweise diese als Teil der Allgemeinchirurgie bedingt fortsetzen. Keine weitere Differenzierung.

>  Neurochirurgie: bei defizitärem Ergebnis Schließung.

>  Differenzierung der Medizinischen Klinik in Gastroenterologie und Kardiologie, Prüfung der onkologischen Kapazitäten.
>  Physiotherapie: bei defizitärem Ergebnis Abbau der Kapazitäten.

❍Medizinische Versorgungszentren:

Die MVZs sind nicht konsequent auf das stationäre Versorgungsspektrum des Klinikums Nordfrieslands ausgerichtet, deshalb Überprüfung der Standorte und der Kapazitäten. Eine Kooperation oder Zusammenlegung in Niebüll mit dem MVZ der Diako bietet sich an.

❍Sekundäre/Tertiäre Leistungen:

Zusammenfassung der sekundären und tertiären Leistungen mit dem Diakonissenkrankenhaus in Flensburg und gegebenenfalls auch mit dem Malteser-Krankenhaus in Flensburg. Dies betrifft insbesondere die Bereiche Küche, Sterilgutversorgung, Apotheke, Pathologie und gegebenenfalls Labor. Besonders zentrale Küchen- und Sterilgutversorgungen bedürfen zusätzlicher Investitionen (Zeitbedarf).

Jenseits dieser Prüfaufträge sollen laut Vorlage weitere Kooperationsmöglichkeiten in den zuständigen Fachgremien konkretisiert werden – denkbar seien dabei kooperative medizinische Regionalzentren unter anderem in folgenden Bereichen: Unfallchirurgie/Orthopädie; Kopfzentrum Neurologie, Neurochirurgie und HNO; Kardiologie; Onkologie; Geburtshilfe – Perinatalzentrum Stufe 1 – Pädiatrie; Geriatrie.

„Der gesamte Umstrukturierungsprozess ist laufend eng mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit, Wissenschaft und Gleichstellung des Landes Schleswig-Holstein sowie den Krankenkassen und der kassenärztlichen Vereinigung abzustimmen“, heißt es außerdem abschließend. Das Controlling des Klinik-Konzerns sei zwingend kurzfristig zu verbessern, um die Voraussetzungen für eine optimale Steuerung des Unternehmens zu erreichen.

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