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Engagement für Flüchtlinge : Ohne Ehrenamtler geht es nicht

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

55 Eiderstedter kümmern sich um die Flüchtlinge auf der Halbinsel – von der Begrüßung bis zum Deutschunterricht. Ihnen zur Seite steht die hauptamtliche Kraft Rebecca Mansel.

Sie sind Tischler, Fliesenleger, Friseur oder Landwirt, manche haben noch keine Ausbildung, andere waren Studenten. Eines eint sie: Sie sind aus ihrer Heimat nach Deutschland geflohen, um vor Krieg und Terror in Sicherheit zu sein. Und noch eins eint die Männer aus Syrien, Afghanistan und Eritrea: Sie besuchen einen Deutschkursus in Tönning, an diesem Abend wird gemeinsam gekocht. Mit ihren Lehrerinnen Christine Koch und Bettina Simon und deren Assistenten Astrid Laß und Fritz Dansmann bringen sie Spaghetti mit Sauce und Obstsalat auf den Tisch.

Die Deutschkenntnisse sind recht unterschiedlich. Manche können nur ganz wenig, dafür aber mehr Englisch, wie der junge Syrer, der in seiner Heimat in einer Tischlerei hochwertige Innenausstattungen angefertigt hat. Stolz zeigt er die Bilder auf seinem Handy. Und wütend die Fotos, von komplett zerstörten Straßenzügen. Auch andere Syrer in der Runde zeigen solche Bilder, und nennen immer wieder die Namen der in ihren Augen Schuldigen: Assad und Putin, der syrische und der russische Staatspräsident. Der junge Tischler hat viele Strapazen auf sich genommen, um nach Deutschland zu kommen, wie er berichtet. Zwei Jahre habe er benötigt, sei durch Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko gelaufen. Dann über Spanien und Frankreich nach Deutschland gekommen. Oder der junge Mann aus Eritrea, der dort zum Militär sollte. Er hat lieber den gefährlichen, viermonatigen Fußmarsch durch den Sudan gewagt, wie er im gebrochenen Englisch erzählt. In Libyen sei er mit dem Auto weitergereist. Gefährlich war auch das, denn es war sehr heiß in der Wüste, Menschen seien verdurstet. Vor den Taliban und einer anderen islamischen Gruppe und ihrem Terror ist ein junger Mann aus Südafghanistan geflohen. Zu Fuß ging er durch den Iran, dann reiste er weiter durch die Türkei, Griechenland, Italien, Frankreich, Belgien nach Deutschland. Er spricht schon gut Deutsch. In Afghanistan hat er Ingenieurwissenschaften studiert. „Deutschland ist uns eine große Hilfe“, sagt er. Angst machen ihm die Überlegungen, dass Afghanen in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollen. „Ich verstehe nicht warum. Dort ist Terror.“

Rund 160 Asylbewerber leben zurzeit auf Eiderstedt. Ihnen zur Seite stehen bei den ersten Schritten im Alltag 55 Ehrenamtler und Rebecca Mansel, die als hauptamtliche Migrationsbeauftragte für Eiderstedt bei der Diakonie Husum angestellt ist. Die Ehrenamtler sind unterschiedlich aktiv: Einige engagieren sich regelmäßig beispielsweise als Deutschlehrer oder bei der Begrüßung der Flüchtlinge, andere machen nur sporadisch mit, springen ein, wenn Not am Mann ist oder bei geselligen Aktivitäten. So gibt es in Tönning einen Lesekreis und eine Kegelgruppe und in Tating einen Spielenachmittag.

Eine ganz wichtige Aufgabe kommt der Begrüßungsgruppe zu. Die Mitglieder nehmen die Männer und Familien in Tönning in Empfang, zeigen ihnen ihre Wohnungen und organisieren erst einmal etwas zu essen, denn oft haben die Ankommenden seit dem Frühstück im Erstaufnahmelager nichts mehr gegessen und sind hungrig, wenn sie am Nachmittag in Tönning eintreffen. Von dort werden sie dann zu ihrem Wohnort gebracht. Die Brüßungsgruppe hilft aber auch bei Behörden- und Arztbesuchen, bei der Anmeldung der Kinder in der Kita oder der Schule. Und hilft die Gepflogenheiten in Deutschland zu verstehen, zum Beispiel, wie man Müll trennt.

Marlies Ritter und Liliane Heynsdijk aus Tönning engagieren sich hierfür. Fünf Aktive sind sie insgesamt, und es können gern noch mehr werden. Marlies Ritter ist seit zwei Monaten dabei. „Ich habe irgendwann die Krise gekriegt, als ich die Bilder von den Menschen im Fernsehen gesehen habe. Da ich im Rentenalter bin, habe ich Zeit, zu helfen. “ Liliane Heynsdijk macht seit dem Sommer mit. Sie gibt auch Deutschunterricht. „Ich habe das Bedürfnis zu helfen. Ich weiß, dass es uns sehr gut geht, dass wir etwas abgeben können.“ Auf ein ebenso wichtiges Aufgabenfeld hat sich Kerstin Thomsen aus Tönning gestürzt. „Ich habe spontan eine Facebook-Gruppe gegründet, um dort Hilfe in jeder Hinsicht zu organisieren.“ Sie sammelt und verteilt vor allen Dingen Spenden: Kleidung, Schuhe, Haushaltsgeräte, Möbel. „Bei mir zuhause stapelt sich schon alles. Dank der Unterstützung des DRK-Ortsvereins darf ich jetzt einen Raum in der alten Rettungswache am Krankenhaus nutzen. Dort haben wir eine Kleiderkammer eingerichtet.“ Außerdem hat ihr die Bürgermeisterin Dorothe Klömmer einen Raum in der Grundschule überlassen, den sie nun als Lager nutzt. Sie lädt alle Tönninger ein, doch einmal in der Kleiderkammer vorbeizuschauen. „Nur keine Scheu, man bekommt einen Kaffee und kann die Flüchtlinge kennenlernen.“ Ihr großer Traum ist ein großes Gebäude in oder in der Nähe von Tönning, wo sie Kleiderkammer, Möbellager, Café und Veranstaltungsraum unter einem Dach hätte. „Dort könnten wir einen Ort der Begegnung schaffen. Wir würden uns sehr freuen, wenn uns jemand ein solches Gebäude zur Verfügung stellen würde.“ Im Augenblick sucht sie einen Raum für eine Fahrradwerkstatt. Und sie betont ausdrücklich, dass die Kleiderkammer und das Möbellager allen Menschen in Not offen stehen, auch denjenigen, die beispielsweise von Hartz IV leben müssen. Kleiderkammern gibt es auch in Garding und Tating. Eine wichtige Stütze ist den Ehrenamtlern und Rebecca Mansel der Iraker Alaa Ahmed. Er dolmetscht und hilft den Flüchtlingen ebenfalls bei ersten Schritten in Deutschland. Der 28-Jährige lebt seit 14 Monaten in Tönning. Er ist oft Ansprechpartner für Probleme, auch nachts, und hat einen Runden Tisch für arabischsprachige Mitglieder initiiert. Wer helfen möchte, wendet sich an Rebecca Mansel unter mansel@dw-husum.de. Für die Ehrenamtler werden Schulungen, Supervision und regelmäßige Treffen zum Austausch angeboten.

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erstellt am 19.Nov.2015 | 19:08 Uhr

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