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Husumer Nachrichten

16. Dezember 2017 | 08:50 Uhr

Ohne Augenlicht durch die Stadt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Stationsansagen im Bus und Bürgersteige ohne Hindernisse: Blinder möchte Schleswig behindertenfreundlicher machen

von
erstellt am 21.Aug.2015 | 18:48 Uhr

Carsten Lasarsch war sechs Jahre alt, als er an einem Gehirntumor erkrankte. Er wurde wieder gesund. Aber der Tumor beschädigte seinen Sehnerv so stark, dass er seither blind ist. „Hell und dunkel kann ich noch unterscheiden, aber mehr nicht“, beschreibt es der 47-Jährige.

Der gebürtige Niedersachse zog vor 20 Jahren nach Schleswig. Zunächst arbeitete er hier in der Verwaltung des Landesförderzentrums Sehen. Derzeit versucht er, sich als Berater für Behinderten-Hilfsmittel selbstständig zu machen. Und er setzt sich seit Jahren dafür ein, das Leben in Schleswig für sich und andere Behinderte etwas einfacher zu machen. Mitstreiter hat er jetzt in der Initiative „Bürger machen mit“ gefunden. Für den Herbst planen sie zum Beispiel einen Aktionstag auf dem Kornmarkt zum Thema Barrierefreiheit.

Ein Thema, das Carsten Lasarsch schon lange beschäftigt, sind die Stations-Ansagen in den Stadtbussen. Für jemanden wie ihn, der weder Auto noch Rad fahren kann, ist der Bus das wichtigste Verkehrsmittel. Doch lange Zeit war es für ihn schwierig, ohne fremde Hilfe den richtigen Moment zum Aussteigen zu erwischen. Mehrmals wandte er sich deshalb an die Verkehrsbetriebe Schleswig-Flensburg (VSF) – mit Erfolg. „Wenn ich im Bus sitze, sagen die meisten Fahrer die Haltestellen inzwischen über ihr Mikrofon an. Und wenn nicht, dann kann ich mir über die GPS-Funktion in meinem iPhone sagen lassen, wo ich mich befinde.“ Ganz zufrieden ist Lasarsch trotzdem noch nicht. „Es wäre besser, wenn die Stationen grundsätzlich angesagt werden“, meint er. Schließlich sei nicht jeder Sehbehinderte auf den ersten Blick als solcher zu erkennen.

Auch dieses Problem könnte sich bald gelöst haben, kündigt VSF-Geschäftsführer Jan-Hendrik Möser an. Ab dem kommenden Jahr soll es in allen Bussen digital gesteuerte Stationsansagen geben – ohne dass die Fahrer selbst ins Mikrofon sprechen müssen. Ab wann genau das geschieht, ist noch offen. Es hängt davon ab, wann eine neue Bord-Software zur Verfügung steht, die die Verkehrsbetriebe landesweit anschaffen wollen.

Doch Carsten Lasarsch kann noch eine Reihe weitere Dinge nennen, die ihm den Alltag schwerer als nötig machen. Manches hat schlicht mit Nachlässigkeiten seiner Mitbürger zu tun. Zum Beispiel ärgert es ihn, wenn Spaziergänger beim Gassigehen den Hundekot nicht beseitigen. Andere Passanten können, wenn sie aufmerksam sind, rechtzeitig ausweichen. „Für mich ist das im wahrsten Sinne des Wortes scheiße.“ Auch wünscht er sich, dass Äste, die von Grundstücksgärten auf die Gehwege ragen, regelmäßig zurückgeschnitten werden. „Gerade wenn es nass ist, ist das oft echt unangenehm, wenn ich in Sträucher reinlaufe.“ Ein weiterer Wunsch: Mehr akustische oder Vibrations-Signale an den Fußgänger-Ampeln – so wie am Capitolplatz oder an der Hühnerhäuser-Kreuzung bereits vorhanden. „Ärgerlich ist nur, wenn ich im Winter an den Vibrationsknopf nicht herankomme, weil sich der geräumte Schnee ausgerechnet rund um den Ampelmast türmt.“ Ansonsten aber fühlt sich Carsten Lasarsch wohl in Schleswig. „Es ist nicht so wuselig wie in einer Großstadt, das macht viele Dinge einfacher für mich“, sagt er. Und mit seiner Lebensgefährtin Nina Poppinga hat er sein Glück gefunden. „Wenn mir jemand anbieten würde, dass ich morgen wieder sehen kann – ich würde das ablehnen“, sagt er. „Ich glaube, die vielen Eindrücke würden mich überfordern.“

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