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Einsatz auf hoher See : Offshore-Rettung: In Windeseile zu den Brennpunkten

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Bei Unfällen in Windparks ist seine Crew gefordert: Der leistungsstarke Offshore-Rettungshubschrauber ist in St. Peter-Ording stationiert.

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erstellt am 02.Aug.2015 | 15:00 Uhr

„Schönwetter-Fliegen kann jeder“, flachst Rüdiger Franz. Aber seine eher beiläufige Bemerkung hat einen ernsten Hintergrund. Der Notarzt gehört zu einem Team hochqualifizierter Spezialisten, die für die Rettung auf hoher See ausgebildet sind – 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag, bei Wind und Wetter. Drehscheibe für die Offshore-Einsätze in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) ist die Halbinsel Eiderstedt. Dort ist der leistungsstarke, in knalligem Gelb und Rot lackierte Rettungshubschrauber vom Typ „Dauphin“ auf dem kleinen Flugplatz von St. Peter-Ording stationiert.

Allein in diesem Jahr musste die fünfköpfige Crew bereits fast 50 Mal raus zu Windparks und Baustellen weit draußen in der Nordsee. „Und die Zahl der Einsätze nimmt stetig zu“, weiß Pilot Sönke Dorn. Denn mit zunehmender Bautätigkeit in der Deutschen Bucht sind Unfälle programmiert. Schon heute arbeiten auf See rund 1000 Ingenieure und Arbeiter, teilweise in schwindelerregender Höhe.

Bei einem Notfall kommt es auf jede Minute an. Erreicht die Hilfe einen Verunglückten binnen der sogenannten „Goldene Stunde“ bis zum Therapiebeginn, ist dies in aller Regel mitentscheidend für seine Gesundheit oder gar sein Leben. Um dies auch unter schwierigsten Bedingungen zu gewährleisten, hat die 1990 gegründete und auch in Niedersachsen tätige Privatfirma Northern Helicopter GmbH (NHC) zusammen mit verschiedenen Partnern eine lückenlose Rettungskette für Offshore-Windparks entwickelt.

Die Wetterlage müssen die Piloten der Station ständig im Blick haben, um im Notfall auf alle Eventualitäten vorbreitet zu sein.
Die Wetterlage müssen die Piloten der Station ständig im Blick haben, um im Notfall auf alle Eventualitäten vorbreitet zu sein.

Ein Clou des „WINDEAcare“-Konzepts: Noch während der Rettungshubschrauber – Funkrufname „Northern Rescue-01“ – in der Luft ist, werden die Rettungsassistenten auf den Konverter-Plattformen oder Versorgungsschiffen von einem Notarzt per Telemedizin bei der Versorgung des Patienten unterstützt. Ist dieser dann an Bord des hochmodern ausgerüsteten Hubschraubers, wird er sofort weiter versorgt und zum am besten geeigneten Krankenhaus transportiert. Kann der Hubschrauber einmal nicht starten, greift eine andere Rettungskette mit telemedizinischer Unterstützung und mit Hilfe von Schiffen.

Der bis zu 270 Stundenkilometer schnelle Luftretter mit einer Reichweite von dreieinhalb Stunden ist grundsätzlich mit zwei Piloten, je einem Notarzt und Rettungsassistenten sowie einem Winden-Operateur besetzt. Sie alle halten sich ständig auf dem kleinen Flugplatz mitten in der grünen Eiderstedter Marsch bereit für den Notfall. Alle vier Tage wechselt die Crew. Insgesamt gehören je zwölf Ärzte und Rettungsassistenten, 16 Piloten und sieben Bordtechniker zum Pool der Offshore-Station.

Obwohl alle ohnehin schon gut ausgebildet sind – die Piloten sind Ex-Militärs – trainieren die Crews des Hubschraubers zusätzlich jeweils bis zu 300 Flugstunden im Jahr. Als „backup“ gibt es ein Pendant im niedersächsischen Emden.

Für jeden der fünf Diensthabenden gibt es auf dem Flugplatz einen kleinen, spartanisch eingerichteten Wohncontainer mit Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und Nasszelle. Komfort sieht anders aus. Permanent wird das Wettergeschehen beobachtet, gibt es den direkten Draht zu den Offshore-Windparks. „Wir leben in der Lage“, formuliert es Pilot Dorn. Wenn es ernst wird, ist die Crew im Schnitt binnen zehn Minuten in der Luft. Wenn das Team aus dem Schlaf gerissen wird, innerhalb von 17 Minuten. „Das ist extrem schnell“, sagt NHC-Geschäftsführer Frank Zabell. Denn es braucht schon mehrere Minuten, um die Sicherheitsanzüge überzustreifen.

Notarzt Rüdiger Franz demonstriert die komplexe Ausstattung des Helicopters. Alle wichtigen Instrumente gibt es zweimal an Bord.
Notarzt Rüdiger Franz demonstriert die komplexe Ausstattung des Helicopters. Alle wichtigen Instrumente gibt es zweimal an Bord.

Der Faktor Zeit ist auch der Grund, warum sich die Firma – trotz guter Infrastruktur und Logistik – schon nach wenigen Wochen vom zunächst gewählten Standort auf dem Flugplatz Husum-Schwesing verabschiedete und im Mai 2014 zum exponierten St. Peter-Ording wechselte. „Das bringt auf dem Weg zu den Windparks locker zehn Minuten“, sagt Zabell. Er und NHC-Betriebsleiter Herbert Janssen sind auch vom Umfeld her überzeugt, mit St. Peter-Ording den idealen Standort gefunden zu haben. Deshalb soll der kleine Flugplatz ausgebaut werden. Geplant sind eine neue Halle für Helicopter und Trainingsmöglichkeiten sowie eine Tankstelle. Fast eine Million Euro werden dafür laut Zabell investiert. Anfang 2016 soll alles fertig sein.

Das Konzept von Northern Helicopter ist noch aus einem weiteren Grund interessant: In Niedersachsen fliegt NHC seit 2008 im Auftrag des Landes mit einem baugleich ausgestatteten Ambulanz-Hubschrauber Patienten von den ostfriesischen Inseln zu den Festlands-Krankenhäusern. Mit Blick auf den demografischen Wandel und die exponierte Lage der Halligen ließe sich dieses Konzept – gepaart mit den Vorteilen der Telemedizin – auch auf Nordfriesland übertragen, hat Landrat Dieter Harrsen bei einem Besuch der Station erkannt. Dies sieht Kiels Verkehrs-Staatssekretär Dr. Frank Nägele ähnlich: „Das ist eine Notfallversorgung mit Zukunft.“

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