Dörfer im Fokus : Ockholm: Kleiner Einkaufsladen als großes Winterhobby

Der Küstenkoopmann Norbert Hansen und seine Tochter Lena Autzen sind zu jeder Jahreszeit für ihre Kunden da.
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Der Küstenkoopmann Norbert Hansen und seine Tochter Lena Autzen sind zu jeder Jahreszeit für ihre Kunden da.

Das kleine Geschäft ist für seinen Inhaber Nobert Hansen eine Herzensangelegenheit. Die Familie kann sich nicht vorstellen, woanders zu wohnen.

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29. Dezember 2017, 13:00 Uhr

Ockholm | Küstenkoopmann prangt in weißen Lettern auf dem Backstein des alten Pastorats auf der Kirchwarft. Davor im Garten eine Schaukel, Rutsche und Sandkiste. Nebenan vor der Kirche Grabsteine – der Friedhof der Gemeinde. „Im Sommer ist im Laden viel los, im Winter ist er eher ein Hobby“, sagt Norbert Hansen (69). Er hat vor rund zehn Jahren den kleinen Kaufmannsladen in der Gemeinde übernommen. „Vor einigen Jahren lief das Geschäft noch besser, doch die Hälfte unserer Kunden ist gestorben oder nach Bredstedt gezogen.“ In viele der danach leerstehenden Häuser seien keine neuen Ockholmer eingezogen, sondern Ferienwohnungen eingerichtete worden. Deshalb rentiere sich der kleine Laden gerade im Sommer, wenn die Ferienwohnungen alle bezogen sind. Dann würden sie fast das Zehnfache vom Winterumsatz einnehmen.

In unserer Dorfserie werfen wir einen genauen Blick in drei Ortschaften. Im Norden Ockholm, im Süden Westerhever und in der Mitte Viöl. Wie gestaltet sich das Dorfleben, war früher alles besser und was machen die Bewohner in ihrer Freizeit?  In Ockholm lobt die Bürgermeisterin den Zusammenhalt, der Kaufmann stellt ihn unter Beweis und der Posaunenchor zeigt, was in ihm steckt.

„Wir können den Laden auch außerhalb der Saison offen halten, weil er quasi in unserem Haus ist und ich ihn gemeinsam mit meine Familie betreibe“, sagt Betreiber Norbert Hansen. Für ihn fallen damit keine Personalkosten an. Geöffnet hat er von 6 bis 10 Uhr. Wer später vor seiner Tür steht, klingelt und kann darauf hoffen, dass er öffnet. „Wenn wir da sind, machen wird das gerne.“ Norbert Hansen lebt mit seiner Frau eigentlich ein Haus weiter. In dem Gebäude, in dem auch der Kaufmannsladen ist, wohnt eine seiner Töchter, Lena Autzen (35), mit Mann und drei Kindern.

Das Haus des Küstenkoopmanns steht auf der Kirchwarft.
Lempfert

Das Haus des Küstenkoopmanns steht auf der Kirchwarft.

 

„In der Früh sind die Kunden meist Bauarbeiter, die in Dagebüll arbeiten, oder auch einheimische Stammkunden, die ihre Zeitung kaufen.“ Bei letzteren ist der Einkauf beim Küstenkoopmann häufig auch mit einem kurzen oder längeren Schnack verbunden. „Das kann dann auch mal eine halbe Stunde dauern“, sagt Hansens Tochter. An den Wochenenden liefe es zudem auch im Winter gut. „Dann kommen die Ockholmer und kaufen sich ihre Zutaten für ein gemütliches Frühstück. Es wäre super, wenn immer so viel los wäre.“

Den Namen von jedem Kunden wissen sie nicht, gerade im Sommer bei vielen Urlaubern sei das unmöglich. „Einige aus dem Dorf kennen wir seit Jahren und ihre Namen sind uns bekannt – zumindest die Vornamen oder Spitznamen“, sagt Lena Autzen schmunzelnd. Das sei irgendwie typisch fürs Dorf, Berufe oder Merkmale zum Spitznamen.

Besonderen Kunden liefert die Familie auch manchmal ihre Ware: „Wenn ältere Gemeindemitglieder anrufen, weil es ihnen nicht so gut geht und sie es nicht zum Einkaufen schaffen, bringe ich es ihnen auf mal vorbei“, schildert Lena Autzen. „Das ist ja kein Weg, wenn es für den Stammkunden mal gar nicht geht.“

Selbst beliefert wird der kleine Laden mit seinem breiten Sortiment allerdings nicht. „Für weniger als 1000 Euro würden die gar nicht erst los fahren, hieß es damals“, berichtet Autzen. Deshalb kaufen sie die meisten Waren selbst im Einzelhandel ein. „Nur Eier, Brot und Fleisch werden uns von lokalen Anbietern gebracht.“

Zugezogen und doch fest im Dorf verankert

Vor 20 Jahren ist die Familie nach Ockholm gezogen – berufsbedingt. Hansen war Tierwirtschaftsmeister und hat zuletzt in Großviehbetrieben in den Kögen gearbeitet. Für seinen Job war er in ganz Deutschland unterwegs – bis ihn „einer von der Fahrbahn geschubst hat“, wie er es selbst formuliert. Danach konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben und übernahm in der Gemeinde die Küsterarbeit, die mittlerweile sein Schwiegersohn macht.

„Durch meinen Beruf und den meiner Frau kennen wir es nicht anders, als am Ende der Welt zu wohnen.“ Als sie damals nach Ockholm gezogen sind und die Kinder um Teenager-Alter waren, hatten sie Mitspracherecht bei der Ortswahl, auch sie entschieden sich für das beschauliche Dorf. „Wir haben uns auch Wohnungen in Bredstedt angesehen, aber das war nichts für uns.“ Seine Tochter nickt.

„Hier zu leben hat ganz klar Vorteile: meine Tochter kann im Garten spielen, wir haben viel Platz in der Wohnung und auf dem ganzen Grundstück“, sagt Lena Autzen. Außerdem könne die Familie so laut sein, wie sie wolle. „Wir können niemanden stören. Auf der einen Seite leben meine Eltern, die Bewohner der anderen Seite lassen sich nicht mehr stören.“ Sie zeigt in Richtung des Friedhofs.

Das alte Dorfzentrum: Bei Google Maps ist noch die ehemalige Eigentümerin des Küstenkaufmanns eingetragen.
Screenshot Google Maps

Das alte Dorfzentrum: Bei Google Maps ist noch die ehemalige Eigentümerin des Küstenkaufmanns eingetragen.

 

Aber das Leben in Ockholm, weit weg vom Schuss, habe auch Nachteile. Die Kinder seien für den Schulweg auf einen Bus angewiesen, der nur zweimal am Tag fahre, morgens und mittags. „Er fährt um 6.15 Uhr, Schulbeginn ist um 7.30 Uhr.“ Im Allgemeinen seien die Wege immer lang, ob zum Einkaufen oder zum Sportverein. „Das war früher schon so und ist es heute immer noch“, sagt Norbert Hansen. Er sei vor rund 20 Jahren beruflich 45.000 Kilometer im Jahr gefahren, seine Frau 60.000. Seine Tochter Lena musste als Kind nach Bordelum zum Reiten gebracht werden und als sie zur Berufsschule ging, musste sie jemand vom Bahnhof abholen.

Dennoch schätzt die Familie die Dorfgemeinschaft. „Mein Mann ist bei der Feuerwehr und im Schützenverein, eine Tochter ist auch bei den Schützen und ich mache bei den Radringreiterinnen mit“, sagt Lena Autzen. „Trotzdem weiß ich nicht, ob ich hier für immer leben möchte. Aktuell kann ich mir jedoch kaum was anderes vorstellen.“

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