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24 Stunden Husum: 5 bis 6 Uhr : Nur Zeitungen begleiten ihn

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Wenn sich Thomas Unger morgens auf die Socken macht, liegen viele Menschen noch in Federn. Unger ist Zeitungsausträger und mit seinem „Job“ mehr als zufrieden. Hier sei er sein eigener Herr, sagt der 46-Jährige.

Was macht eigentlich ein Schleusenwärter? Wie geht es beim Bestatter zu? Von der Kabine eines Kranführers über den Kreißsaal im Krankenhaus bis hin zur Küche im Altenheim: In unserer heute beginnenden Serie
„24 Stunden Husum“ begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt – jeweils für eine Stunde. Teil 1: Frühschicht mit einem Zeitungsausträger.

 

Wäre Thomas Unger nicht mit dem Fahrrad unterwegs, könnte das Ganze konspirativ anmuten. Eine offene Garage in Schobüll – in schummriges Licht gehüllt, aber eigentlich unverdächtig. Nicht jedoch um diese Zeit. Die Vögel veranstalten ein Pfeifkonzert, als sei der letzte Tag angebrochen. Schön, aber unheimlich – jedenfalls für einen, der nicht am Waldrand wohnt und normalerweise noch sanft in seinen Kissen schnorchelt.

Nicht so für Tom Unger. Der 46-Jährige ist hier jeden Morgen unterwegs, bringt einem Teil der Schobüller Zeitungen und Post ins Haus. Die Garage am Ende der Straße ist sein Depot. Vor der Einfahrt hält ein Lieferwagen mit Rendsburger Kennzeichen. In Büdelsdorf werden die Zeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages gedruckt und versandfertig gemacht.

Unger, schlank, hochaufgeschlossen, kurze Haare, grauer Bart, schwarze Funktionsjacke (oder liegt das nur am dämmrigen Licht?) und kurze Radlerhose, greift sich zwei Pakete von der Ladefläche und trägt sie in die Garage. Dort verteilt er den Inhalt sorgfältig auf die Taschen seines Fahrrads. Für Briefe hat sich Unger am Lenker eine eigene Holzkonstruktion gebaut, die allerdings nur an trockenen Tagen zum Einsatz kommt. Heute ist so ein Tag. „Tom“, wie ihn Kollegen und Freunde nennen, schaltet die Stirnlampe auf seiner Schirmmütze aus. Es kann losgehen.

Vor 13 Jahren ist er aus Stuttgart hergekommen und „irgendwie hängen geblieben“. Hängen geblieben ist aber auch sein Akzent. Der Mann erscheint wie das lebende Abziehbild der TV-Landes-Werbung für Baden-Württemberg: „Wir können alles, außer Hochdeutsch.“ Ihm auf dem Fahrrad zu folgen, ist allerdings fast genauso schwer wie auf Schwäbisch. Dabei ist er heute – wahrscheinlich aus Rücksicht – eher gemütlich unterwegs.

Das frühe Aufstehen macht dem Zusteller nichts aus. „Ich brauch’ nicht viel Schlaf“, sagt er. Aber nicht immer spielt das Wetter so mit wie heute. Allerdings: „Wenn wir mit der Tour durch sind, wird es zu regnen anfangen“, prophezeit Unger – obwohl es gar nicht danach aussieht.

Von den Vögeln mal abgesehen, ist es ausnehmend still im Ort. Doch der 46-Jährige traut der Ruhe nicht. Er weiß, dass früh morgens „Verrückte unterwegs sind, die hier mit 100 Sachen durchknallen“. Manchmal springt ihm auch ein Bock vor den Reifen. Einmal sei er sogar von einer Ratte angegriffen worden. „Ja, die Tierwelt ist mir bestens vertraut“, sagt er lächelnd. Gelegentlich hat er auch ein Tête-à-tête mit seiner Lieblingskatze. Besonders erinnert er sich an einen Fuchs. „Der ist eine ganze Weile neben mir hergelaufen. Aber wenn sie so zutraulich sind, dann haben sie meist was“, sagt er – „wahrscheinlich war er krank“.

Die Tour führt uns kreuz und quer durch den Ort – als folge sie einem geheimen Plan. Und das tut sie wohl auch. Rund 6,5 Kilometer sind zu bewältigen, und anders als anderswo in Nordfrieslands auch der eine oder andere Höhenmeter. Einen kurzen Boxenstopp legt Unger in der Bushaltestelle gegenüber dem Süderbergweg ein. „Hier kann ich auch bei Regen und Schnee in Ruhe umpacken“, erklärt er – „und das Fahrrad anlehnen, ohne dass es umfällt“. Überhaupt drängt sich der Eindruck auf, als habe sich die Topografie seiner Wegstrecke tief in sein Bewusstsein eingegraben. So parkt er das Fahrrad, ohne nachzudenken, zwei Meter von der Eingangspforte eines Hauses entfernt: „Weil der Untergrund da eben ist.“

Insgesamt dürfte Tom Unger mit dem Rad schon um die 70 000 Kilometer gefahren sein, „mehr als meine Mutter mit dem Auto“. Am Horizont schiebt schweres milchiges Grau vor den schwächelnden Nachthimmel, reckt die Sonne tastend zwei, drei Strahlen empor. Es geht wieder bergan. Ein Auf und Ab, das Unger nur zu gut vertraut ist. Zwei Jahre lang war er als Sanitäter mit dem Roten Kreuz in Krisengebieten unterwegs – von Ruanda über Venezuela und Armenien bis nach Indien. Nicht jedermanns Sache – genauso wenig wie dieser Job hier. Aber für ihn genau das Richtige. Hier ist er sein eigener Herr.

„Ich habe Magen- und Darmkrebs“, sagt Unger unvermittelt. „Seit 20 Jahren – eine Familienkrankheit.“ Aber Chemo und all das will er nicht. „Noch leb’ ich gut damit“, erklärt er am höchsten Punkt seiner Tour, bevor er die letzte Zeitung in den Postkasten schiebt. Von hier aus betrachtet, gleicht Husum im Dunst der frühen Stunde einer Modelleisenbahn-Landschaft. Unwirklich, aber schön! Als sich Unger auf den Heimweg macht, fängt es an zu regnen – genau wie er vorhergesagt hat. Aber das stört ihn nicht. Er hat jetzt Feierabend und freut sich auf den Morgenkaffee.

Rüdiger Otto von Brocken

Teil 2 morgen: Einem Marktbeschicker über die Schultern geschaut.

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erstellt am 02.Sep.2013 | 12:00 Uhr

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