Vor 75 jahren : Nur wenige halfen den Verfolgten

Unbeschwertes sommerliches Treiben herrscht am Hafen von Wyk auf Föhr  um 1937. Doch im Hintergrund ist rechts zu erkennen: „Juden sind hier nicht erwünscht“.
Unbeschwertes sommerliches Treiben herrscht am Hafen von Wyk auf Föhr um 1937. Doch im Hintergrund ist rechts zu erkennen: „Juden sind hier nicht erwünscht“.

Heute erinnern „Stolpersteine“ in Friedrichstadt und Husum an das unfassbare Leid der Juden unter den Nationalsozialisten. In unserem Gastbeitrag skizzieren wir die Verfolgungen in Nordfriesland vor dem Hintergrund der Reichspogromnacht im November vor 75 Jahren.

shz.de von
07. November 2013, 17:00 Uhr

In Nordfriesland lebten nur sehr wenige Juden. 1925 waren es nicht einmal 0,1 Prozent der Bevölkerung. Unermesslich groß ist das ihnen angetane Leid. Damals wurden im Kreis Husum acht Einwohner jüdischen Glaubens gezählt, in Eiderstedt drei, in Südtondern 20. Auf den Inseln Sylt, Föhr und Amrum stellten sich viele Juden als Feriengäste ein, und einige unterhielten Saisongeschäfte. Auf die Viehmärkte in Nordfriesland kamen jüdische Händler.

Die einzige jüdische Gemeinde bestand in Friedrichstadt. Um 1850 war sie mit fast 500 Mitgliedern eine der größten im dänischen Gesamtstaat gewesen, doch sank die Zahl infolge starker Abwanderung bis 1933 auf 32. Seit ihrer Gründung 1621 war die Stadt ein Symbol für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Diese Freistatt der Toleranz zerstörten die Nationalsozialisten.


„Sippenkanzlei“ für zwei Kreise


Kurz nach der Machtübernahme entlud sich ihr ganzer Hass gegen die Juden. Am 1. April 1933 wurden wie im ganzen Reich Geschäfte boykottiert, so in Friedrichstadt und Wyk. Ein Friedrichstädter Bürger wollte sich dem Boykott nicht anschließen. Unter Trommelwirbel wurde er 1936 durch den Ort geführt mit einem Plakat um den Hals: „Ich bin ein Lump“. Als er zum zweiten Mal verhaftet wurde, erhängte er sich. Im Olympiajahr 1936 wurde der alte jüdische Friedhof zerstört und von 1939 an als Gelände für Schrebergärten genutzt. Ein fanatischer Nationalsozialist suchte Juden am Baden im Freibad zu hindern: „Keene Judenbeene in der deutschen Treene!“

In Bredstedt wurde 1934 für die Kreise Husum und Südtondern eine „Sippenkanzlei“ eingerichtet, die der Erstellung von „Ariernachweisen“ diente. Deren Leiter Dr. Henry Klaus Röhe-Hansen, Mitglied der SS, erinnerte an eine Aussage Hitlers, es sei „die heiligste Verpflichtung: dafür zu sorgen, daß das Blut rein erhalten bleibt“. In Westerland beschlossen Bade- und Stadtverwaltung 1934, die Aufnahme von Juden sofort abzulehnen. Doch daran hielten sich viele Gastgeber nicht. Die Geheime Staatspolizei bemängelte 1938, dass „bei der Mentalität der Inselbewohner ein geldlicher Vorteil die nationalsozialistische Weltanschauung aufzuwiegen geeignet erscheint“.

In Westerland wurden in einer nächtlichen „Selbsthilfeaktion“ Geschäfte in der Friedrichstraße durch das Wort „Jude“ in großen Buchstaben auf dem Bürgersteig gekennzeichnet. In Husum und Wyk wiesen Schilder darauf hin, dass „Juden unerwünscht“ seien. In der Reichspogromnacht demolierten SA-Männer in Kampen und Westerland Häuser, die Juden gehörten. Man hoffe, hieß es in der Sylter Zeitung, „daß wir von einem Wiederauftauchen dieser Parasiten hier auf unserer Nordseeinsel künftig verschont bleiben“. Nicht zuletzt ging es auch um eine „Arisierung“, also den Raub jüdischen Besitzes.

An der Promenadenmauer in Wyk „prangte“ schon vorher eine meterhohe Schriftzeile: „Hinaus mit den jüdischen Kinderheimen!“ Hier bewegte sich am 10. November ein gegen die Juden gerichteter Demonstrationszug durch die Straßen der Stadt. Der leitende Arzt des Krankenhauses, Dr. Friedrich Schulz, war mit einer Jüdin verheiratet. In der Reichspogromnacht wurde das Haus der Familie mit Parolen wie „Judensau“ beschmiert. Schüler wurden zum Wyker Hafen geführt, wo sie abreisende jüdische Kinder bespuckten und mit Schmährufen verabschiedeten.


Feuer im Betsaal gelegt


Schlimm heimgesucht wurden die Friedrichstädter Juden. Am frühen Morgen des 10. November 1938 trafen SA-Männer, großenteils aus Husum und Eiderstedt, in der Stadt ein. In der Synagoge lösten sie eine Detonation aus und legten im Betsaal Feuer. Immerhin verhinderte der Bürgermeister das völlige Abbrennen. Das Gotteshaus wurde später als Kornspeicher und Wohnung eines SS-Führers missbraucht. Die SA-Männer zerstörten vier jüdische Geschäfte und Wohnungen. 1939 lebten in Friedrichstadt noch 14 Juden. Wie schon in den Vorjahren zogen mehrere nach Hamburg, weil sie in der Anonymität der Großstadt Schutz zu finden hofften. Die meisten wurden in Konzentrationslagern ermordet. Zwei Friedhöfe und das Gebäude der ehemaligen Synagoge, seit 2003 Kultur- und Gedenkstätte, erinnern an die einst blühende Gemeinde.

Ein Opfer der Nationalsozialisten wurde der Kunstmaler Franz Korwan, der fast fünf Jahrzehnte lang auf Sylt wohnte und 1908 zum evangelischen Glauben übergetreten war. Er bekleidete wichtige Ehrenämter. 1937 verließ er mit seiner Lebensgefährtin Elsa Sänger die Insel. Beide kamen in nationalsozialistischen Lagern um. Ende 1942 wurde von Husum aus ein „Feldpostblatt“ mit einem plattdeutschen „Lagebericht“ an die Front gesandt: „Weet Jüm noch, as wi sing’n dän: So steh’n wir Sturmkolonnen/Zum Rassenkampf bereit,/Erst wenn die Juden bluten,/Erst dann sind wir befreit.“ Inzwischen hatte die Vernichtung der europäischen Juden in Auschwitz, Majdanek, Sobibor, Treblinka begonnen. Nur sehr wenige Menschen in Nordfriesland halfen den Verfolgten. Auf Föhr, in Rantum auf Sylt, in der Breklumer Mission, in Hattstedt aber überstanden Juden die NS-Zeit.


Der Holocaust beginnt


Am 9. und 10. November 1938, vor 75 Jahren, überfielen Nationalsozialisten, angestachelt von ihrer Führung, im ganzen Deutschen Reich die Juden. Man sprach bald von der „Reichskristallnacht“. Heute werden die Übergriffe zumeist als Reichspogromnacht oder Novemberpogrom bezeichnet. Auch in den Tagen davor und danach gab es Ausschreitungen. Nach jahrelanger Entrechtung der Juden, Verleumdung und Hetze gegen das „jüdische Ungeziefer“, wie es immer wieder hieß, war der Boden bereitet für die zentral gelenkten Aktionen.

Den Vorwand bot das Attentat auf den der NSDAP angehörenden Legationssekretär Ernst Eduard von Rath in der deutschen Botschaft in Paris, das der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan am 7. November verübt hatte. Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen in ganz Deutschland wurden niedergebrannt, zerstört, verwüstet, Menschen verhaftet und umgebracht. Man geht von etwa 400 Toten aus. Die systematische Entrechtung und Verfolgung der Juden trat im Novemberpogrom in ein neues Stadium und mündete bald in den Holocaust ein.


Dem Vergessen entreißen


In Nordfriesland spiegelt sich das den Juden angetane Unrecht im Leidensweg der Familie Cohen in Friedrichstadt wider. Seit 1928 war Dr. Benjamin Cohen Bezirksrabbiner von Friedrichstadt-Flensburg mit Sitz in Friedrichstadt. Er wohnte in der Westermarktstraße 24, neben der Synagoge. Seine Tochter Mirjam besuchte die Theodor-Storm-Schule in Husum. Die Familie zog 1937 nach Hamburg. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Dr. Cohen in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Seit Ende 1938 lebte die Familie in Amsterdam und wurde von dort deportiert, nachdem die deutschen Besatzer ihr Terrorsystem auf die Niederlande ausgeweitet hatten. 1943/44 wurden Eltern und Tochter in Auschwitz ermordet.

Wie an mehrere andere Juden Nordfrieslands erinnern „Stolpersteine“ in Friedrichstadt und Husum an sie. Die Theodor-Storm-Schule befasste sich unter dem Leitwort „Dem Vergessen entreißen – der Gegenwart zurückgeben“ 2010 in einem eindrucksvollen Theaterstück mit dem Leben und Sterben Mirjam Cohens und schuf einen Erinnerungsort an der Schule. Die Gesellschaft für Friedrichstädter Stadtgeschichte erwarb sich große Verdienste um die Erforschung der Vergangenheit, die nicht vergeht.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen