Bestseller-Autorin Dörte Hansen: zweiten Roman : „Nur Amateure warten auf Inspiration“

Ihr erster Roman spielt im Alten Land. Für den zweiten wählte Dörte Hansen ihre alte und neue Heimat Nordfriesland als Schauplatz.
Ihr erster Roman spielt im Alten Land. Für den zweiten wählte Dörte Hansen ihre alte und neue Heimat Nordfriesland als Schauplatz.

Die Husumerin Dörte Hansen hat ihren zweiten Roman fertig. Der spielt in Nordfriesland und soll rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheinen.

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02. August 2018, 10:00 Uhr

Dörte Hansen hat ihren zweiten Roman geschrieben: Der spielt in Nordfriesland und soll rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheinen. Mit ihrem Roman „Altes Land“ landete Dörte Hansen (54) aus Högel einen nachträglich alles andere als überraschenden Überraschungserfolg. In zehn Sprachen übersetzt soll das Buch jetzt sogar verfilmt werden. Mit Mann und Tochter ist Hansen inzwischen nach Husum gezogen, aber nicht, um vor den Reaktionen der Altenländer zu fliehen. Vielmehr hat sie sich hingesetzt und ihren zweiten Roman geschrieben. Der soll im Oktober erscheinen und spielt in Nordfriesland. Mehr darf sie nicht verraten. Wohl aber, wie ein Roman entsteht und wie gut es tut, wenn er fertig ist.

Haben Sie den Erfolg Ihres Erstlings schon verdaut? Es hat eine Weile gedauert. Ich habe irgendwann beschlossen, keine Lesungen mehr zu machen und auch keine Interviews mehr zu geben. Danach lief das Leben wieder normal. Und meiner Familie, meinen Freunden, meinen Nachbarn ist es ja sowieso egal, ob ich Bestsellerautorin bin oder nicht. Das spielt im Alltag keine Rolle.

Wie schwer war es, sich wieder hinzusetzen und ein zweites Buch zu schreiben? Ich glaube, das zweite Buch ist immer schwierig, egal, ob der Erstling ein Erfolg gewesen ist oder ein Flop. Das zweite Buch ist eine Lektion in Demut, weil man begreifen muss, dass man wieder ganz bei Null anfängt. Nach dem ersten fühlt man sich wie ein Drachentöter: Gekämpft, geblutet, Schreibblockaden überwunden – und das Biest erledigt. Triumphaler Sieg. Beim zweiten stellt man fest: Der Drache lebt, und seine Köpfe wachsen nach.

Sie haben von Anfang an gesagt, dass die Leser kein „Altes Land 2.0.“ erwarten sollen. Was macht das neue Buch anders? Ich drehe es mal um und sage, was die beiden Romane gemeinsam haben: Sie spielen in norddeutschen Dörfern, und in beiden Büchern geht es um die Themen Heimat und Zugehörigkeit. Ein weites Feld, man kann es immer wieder neu beackern!

Wie lange haben Sie am neuen Buch gearbeitet? Die Idee zu „Mittagsstunde“ hatte ich schon seit vielen Jahren im Kopf, aber mit dem Schreiben ging es erst richtig los, als sich der Wirbel um „Altes Land“ gelegt hatte. Und dann hat es immer noch lang genug gedauert, weil ich sehr langsam schreibe.

Standen Sie nicht unter Zeitdruck? Ganz ohne Zeitdruck geht es nicht, sonst würde ich wohl immer noch an meinem Manuskript herumschleifen. Je näher der Abgabetermin rückt, desto stärker fühlt man natürlich die Faust im Nacken.

Wie sah während des Schreibens Ihr Alltag aus? Der amerikanische Schriftsteller Philip Roth hat mal gesagt: „Amateure warten auf Inspiration, Profis setzen sich hin und arbeiten.“ Das ist ein weiser Satz. Es hat keinen Zweck, auf die Musen zu warten. Ich sitze morgens um acht am Schreibtisch, egal, ob ich mich gerade inspiriert fühle oder nicht.

Inzwischen haben Sie ein Büro, arbeiten nicht mehr zuhause. Warum? Wenn man in einen Roman einsteigt, lebt man zeitweise in einer Art Parallelwelt. Das ist für die Familie nicht toll, wenn da immer so ein abwesender Geist durchs Haus schleicht. Ich freue mich, dass ich jetzt eine räumliche Trennung habe zwischen dem fiktiven Leben und dem echten. Der Plan ist, dass das Gespenst dann bitte im Büro bleibt.

Was ist das für ein Prozess, ein Buch zu schreiben? Machen Sie alles mit sich selbst ab oder haben Sie sich schon während des Schreibens abgestimmt, um Passagen auf Herz und Nieren zu prüfen? Ich schreibe lange Zeit allein. Erst wenn ich meiner Sache ziemlich sicher bin, zeige ich die ersten Kapitel meinem Mann, meiner Lektorin und einer Freundin, die selbst eine erfahrene Autorin ist. Von diesen Dreien bekomme ich ehrliche Rückmeldungen, darauf kann ich mich verlassen, und das ist ein großes Geschenk.

Wie entstehen Ihre Charaktere – zum Beispiel diese liebenswert schrulligen Leute, aus „Altes Land“? Sind die durchweg fiktiv oder können sich auch Menschen aus Ihrem Umfeld darin wiederfinden? Sie sind fiktiv, aber natürlich bekommen sie von mir auch Eigenarten zugeschrieben, die ich an realen Menschen beobachte – nicht zuletzt an mir selbst übrigens. Im Laufe des Schreibens werden die Figuren immer selbstständiger. Sie scheinen mir irgendwann zu sagen: „Vielen Dank, aber von hier aus finden wir den Weg allein.“ Das ist ein spannender Moment. Ab da folge ich dann ihnen.

Wie fühlt sich das an, wenn ein Buch fertig ist? Sobald es in den Buchhandlungen steht, gehört es mir eigentlich nicht mehr. Es ist ein bisschen wie mit einem Kind, das erwachsen wird. Man winkt ihm wehmütig nach, man hat getan, was man konnte, und jetzt hofft man, dass es klarkommt in der Welt.

Vor drei Jahren sprachen wir darüber, dass Marcel Reich-Ranicki die Klasse einer Autorin oder eines Autor immer erst nach dem zweiten Buch einschätzte. Fürchten Sie die Reaktionen der Kritiker oder lässt Sie das kalt? Ich fürchte sie zwar nicht, aber kalt lassen sie mich auch nicht. Man muss Kritik aushalten können, sonst darf man keine Bücher schreiben. Solange sie halbwegs sachlich bleibt, geht das auch in Ordnung.

Und was passiert mit dem Erstling? Der ließe sich doch gut verfilmen. Hat da schon jemand angeklopft? Die UFA hat sich die Filmrechte für „Altes Land“ gesichert. Nächstes Jahr sollen die Dreharbeiten beginnen. Es gibt auch schon Ideen, was die Besetzung angeht, aber viel mehr weiß ich auch noch nicht.

In wie viele Sprachen ist „Altes Land“ inzwischen übersetzt? Zehn sind es mittlerweile: Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Niederländisch, Tschechisch, Litauisch.

Wie sind die Menschen aus dem Alten Land mit dem Buch umgegangen? Gab es nur Lob oder auch Kritik? Ich habe viel Lob gehört, aber ich weiß auch, dass manche Altländer nicht glücklich sind über mein Buch, weil sie zum Beispiel den Umgang mit den Flüchtlingen im Alten Land zu negativ dargestellt finden.

Sie sind aus dem Alten Land nach Schobüll umgezogen. Wie Ihr Mann, Sven Jaax, stammen auch Sie von hier. Sven kommt ja sogar direkt aus Schobüll. Was hat Sie bewogen, nach Nordfriesland zurückzukehren? Nostalgie? Heimweh? Die Liebe zu Nordfriesland – die unsere Tochter glücklicherweise teilt.

Und wie geht es mit Ihnen persönlich weiter? Ist jetzt erst einmal Ruhe? Oder sind Sie schon wieder voll verplant – Leserreise etc. pp.? Ich dachte eigentlich, das wird ein ruhiger Sommer, aber es geht jetzt doch schon ziemlich rund. Mit Leseterminen bin ich jetzt bis April 2019 ausgebucht. Es zwingt mich aber keiner, ich freue mich ja darauf.

Aber am dritten Buch arbeiten Sie noch nicht, oder? Nein, jetzt schreibe ich erstmal ein paar kurze Texte, Essays für Zeitschriften, mal ein Nachwort oder eine Glosse. Es ist ganz schön, wenn man mal nach drei Tagen oder Wochen etwas Fertiges abliefern kann – und nicht erst nach drei Jahren! Das gefällt mir gerade gut.

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