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Wechsel im Husumer Kulturzentrum : Noren Fritsch verlässt den Speicher

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Neuer Geschäftsführer wird Enzo Giovanni Panozzo. Und die Strukturen sollen überarbeitet werden.

von
erstellt am 13.Mai.2016 | 16:00 Uhr

Noren Fritsch könnte und würde gern noch viel mehr tun als bisher. „Aber allein ist das nicht zu schaffen“, sagt die Geschäftsführerin des Speichers. Und weil das so ist, zieht sie nach sieben erfolgreichen Jahren an der Hafenstraße 17 Konsequenzen. Und wohin geht die Reise? Die 47-Jährige lächelt und verrät: „Auf jeden Fall nach Berlin. Ich habe viele Ideen und führe Gespräche.“

Was sie letztlich bewogen hat, dem Speicher – ihrem Speicher –, den Rücken zu kehren, ist die Konzentration zu vieler Aufgaben auf eine Person. Die Geschäfte führen, Veranstaltungen organisieren und dann auch noch das Haus als soziokulturelles Zentrum fortzuentwickeln – das ist für eine allein zu viel. Und das sieht nicht nur Fritsch so, sondern auch ein Teil der Ehrenamtlichen. Einig sind sich die einzige hauptamtliche Kraft und die mehr als 50 ehrenamtlichen Mitarbeiter darin: „Wir stellen ein qualitativ hochwertiges Programm auf die Beine. Doch für die Projektentwicklung fehlt es an Raum, Zeit und Geld“, betont Fritsch. Und genau das habe sie in den vergangenen Jahren vermisst, bekennt die scheidende Geschäftsführerin.

„In der vorhandenen Struktur ist das so tatsächlich nicht leistbar“, räumt Vorstandsmitglied Kuno Guderian ein. Das ginge nur auf professioneller Basis. „Doch eine zweite Stelle ist nicht in Sicht.“ Und da ist noch etwas. Nicht zuletzt, weil der Speicher mangels personeller Ausstattung immer mehr zu einem Veranstaltungshaus werde, „müssen wir über unsere Struktur nachdenken“, sagt Guderian. Das soll zeitnah und im Rahmen eines Workshops geschehen. Dort wird die Frage zu klären sein, „ob unsere Satzung, die vor bald 35 Jahren in einer ganz anderen Ära entstand, noch zeitgemäß ist“. Für Guderian muss die Geschäftsführung den „roten Faden“ legen. Aber genau darin liegt für Noren Fritsch ein Teil der Absurdität: „Ich soll die Fäden legen, aber die Entscheidungen treffen andere“, erklärt sie unter Hinweis auf die basisdemokratische Organisation und heterogene Struktur der Montagsrunde.

Fritsch wirft einen Blick aus dem Fenster und sagt versonnen: „Den Arbeitsplatz mit Aussicht werde ich vermissen.“ Aber nicht nur das: Über die Jahre sind in Husum viele Verbindungen und Freundschaften entstanden, die ihr wichtig sind.

„Und die Konzerte im Speicher sind atmosphärisch einfach großartig.“ So habe sie kürzlich in Hamburg die Sängerin und Songwriterin Dota gesehen. „Das war was völlig anderes: kommerzieller Veranstaltungsraum, hoher Eintritt und gepfefferte Nebenkosten.“

Und doch bleibt dieser Wermutstropfen: „Das Haus hätte einfach weit mehr Potenzial. Gern hätte ich ein Straßentheater-Festival auf die Beine gestellt, und auch der Flüchtlingsthematik hätten wir uns ganz anders annehmen können.“ Aber eben nicht mit dieser personellen und finanziellen Ausstattung. Guderian ergänzt, dass tatsächlich immer wirtschaftlicher gedacht werden müsse.

Immerhin: Der Investitionsstau ist abgebaut. Ton, Licht, die Technik am Tresen – all das ist inzwischen auf dem neuesten Stand. Gute Aussichten für Fritschs Nachfolger, der Enzo Giovanni Panozzo heißt und am 15. Juli im Rahmen ihrer Verabschiedung offiziell vorgestellt werden soll. Noren Fritsch bleibt dann noch bis Ende September, um ihren 28-jährigen Nachfolger einzuarbeiten. Der ist Veranstaltungskaufmann und hat als 16-Jähriger in Waggersrott (Kreis Schleswig-Flensburg) ein Musik-Festival aus der Taufe gehoben, das seinen Namen trägt und zum Publikumsmagneten geworden ist. Ein Kulturzentrum hat „der Neue“ noch nicht geleitet. Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal.

 

 

Standpunkt

Reißleine gezogen

Noren Fritsch geht, Enzo Giovanni Panozzo kommt. Geschäftsführer ersetzt Geschäftsführerin. Und für den Speicher bleibt alles beim Alten? Ja, leider! Weil das mehrfach preisgekrönte soziokulturelle Zentrum, was seine finanzielle und personelle Ausstattung angeht, seit Jahren auf der Stelle tritt, hat Noren Fritsch die Reißleine gezogen. Sie will keine eierlegende Wollmilchsau mehr sein. Alles in einer Person geht eben nicht. Eine Erfahrung, die – bei allem Enthusiasmus – über kurz oder lang auch ihr Nachfolger machen wird. Darüber hinaus erscheinen die Entscheidungsstrukturen im Speicher – um es hinreichend ungenau auszudrücken – hier und da nicht mehr ganz zeitgemäß. Nicht, dass Basisdemokratie etwas Schlechtes wäre. Ganz im Gegenteil: Angesichts des Gutsherren-Gehabes, das mittlerweile fast alle gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsbereiche erfasst hat, stünde sie uns bisweilen sogar gut zu Gesicht. Aber dann muss die Botschaft auch gehört werden. Und der Inhalt gewollt sein. Wenn Unternehmen ihre Waren nicht mehr an den Mann bringen können, ist Holland in Not, besteht akuter Handlungsbedarf. Aber ein – wie heißt das in Unternehmer-Sprech so schön – „gut aufgestellter“ Kulturbetrieb soll sich selbst beschränken, weil die zuständigen Politiker und Behörden seine Wachstumspotenziale nicht sehen. Nach uns die Zukunft. Herzlichen Glückwunsch.

Rüdiger Otto von Brocken

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