Sorgen um Einrichtung : Nordstrand: Kinderheim droht das Aus

Das Hamburger Erzbistum beziffert die Kosten der nötigen Sanierung des Kinder- und Jugendhauses auf auf 1,7 Millionen Euro. Die 43 Bewohner und mehr als 30 Mitarbeiter wären von Schließung betroffen.

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16. Januar 2015, 14:00 Uhr

Nordstrand | Seit Wochen schwebt die Schließung des Kinder- und Jugendhauses St. Franziskus auf Nordstrand wie ein Damoklesschwert über den Betroffenen: Kinder, Mitarbeiter und Gönner sind in Sorge. Udo Prinz von Schoenaich-Carolath-Schilden setzt sich seit mehr als 35 Jahren für die Kinder auf Nordstrand ein. Als Papst Franziskus gewählt wurde, schrieb ihn der Prinz sofort an. „Ausgerechnet unter dem neuen Papst soll das Heim geschlossen werden, der doch den Namen des heiligen Franziskus angenommen hat“, sagt Prinz Carolath – wie er angesprochen werden möchte. Am 23. Dezember des vergangenen Jahres machte er sich mit seiner Frau in Richtung Nordstrand auf den Weg. Wie in jedem Jahr hatten sie Geschenke übergeben. Mit einem desolaten Zustand des Hauses beschreibt der Gönner seine Eindrücke: „Am Eingang tropft das Wasser unentwegt vom Gemäuer.“

Das Kinder- und Jugendhaus ist die Heimat von 43 jungen Menschen aus problematischen Verhältnissen, die dort leben und betreut werden. „Die verlieren ihre Heimat, ihr zu Hause“, äußerten mehrere Mitarbeiter der Einrichtung auf Nachfrage gegenüber unser Zeitung. Obwohl ihnen ein Redeverbot vom Träger, der Caritas Schleswig-Holstein, verordnet wurde. Die Immobilie ist im Besitz des Erzbistums Hamburg. Gestern debattierten das Erzbistum und die Caritas über das Wohl und Wehe der Einrichtung. Die Kirche erwägt laut Manfred Nielen, Sprecher des Erzbistums Hamburg, tatsächlich eine Schließung des Kinder- und Jugendhauses wegen des maroden Zustands der Immobilie. Laut Einschätzung von Nielen belaufen sich die Kosten einer baulichen Sanierung auf mindestens 1,7 Millionen Euro. Prinz Carolath bezweifelt allerdings die Höhe dieser Summe. Vielmehr gehe es um die Frage der Caritas an das Erzbistum, ob die Konzeption des Hauses noch zukunftsfähig sei.

Manfred Nielen interpretiert den Ansatz der Jugendämter so, dass eine Unterbringung im ländlichen Raum nicht mehr gewünscht sei. Eine Abkehr von Nordstrand sieht Sorina Weiland, Pressesprecherin des Bezirksamts Hamburg-Mitte, nicht. Denn: die Klienten müssen als Einzelfall betrachtet werden – nicht pauschal. „Die Nordseeluft ist beispielsweise genauso ein Kriterium für Nordstrand wie die Abgeschiedenheit von der Großstadt“, skizziert Sorina Weiland Kriterien des Bezirksamts bei der Auswahl eines Heims, das eine Vielzahl von Klienten nach Nordstrand transferiert.

Ein jahrelanges Tauziehen schien 2011 beendet, als das Erzbistum die Immobilie von der Nordstrander Kirchengemeinde übernahm. Laut Prinz Carolath erfolgte die Übernahme nur halbherzig. „Seit zehn Jahren steht die mit dem Kinderheim verbundene einstige Bildungsstätte leer und verrottet.“ Sein Verdacht, es laufe alles auf eine schleichende Auflösung hinaus.

Die katholische Einrichtung wurde zunächst von Nonnen geführt. Als letzte Ordensschwester wurde seines Wissens Schwester Constanze herausgeekelt. Die Nonne wollte ein Mütter-Genesungswerk in das Heim integrieren. „Die Nonnen sind so rührend zu den Kindern gewesen und waren billige Arbeitskräfte“, erinnert sich Prinz Carolath. Dass jetzt auch noch der Hausmeister keinen Anschlussvertrag bekommen hat, ist ein weiteres Indiz für den Prinzen, dass sich das Erzbistum hinter dem Prüfungsverfahren mit der Caritas versteckt. „Es geht den Parteien doch nur um das Geld und nicht um die Kinder, die oft schlimme Schicksale hinter sich haben, und auf Nordstrand bestens betreut werden“, sagt er abschließend.

Als seinerzeit der Erzbischof, Dr. Werner Thissen, ein Machtwort gesprochen hatte, einigten sich der Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke, der Generalvikar und der Landescaritas-Direktor mit Vertretern der katholischen Kirchengemeinde und dessen Pfarrer in Husum auf das Fortbestehen des Heimes. „2011 hat das Erzbistum die Pfarrei gekauft“, bestätigt Manfred Nielen. Aber die Caritas sei seit 2006 verantwortlich. Derzeit befindet sich die Landescaritas-Direktorin Angelika Berger in Gesprächen mit dem Erzbistum, um über die Zukunft zu entscheiden. Sie war aber gestern nicht bereit, einen Zwischenstand zur Sache zu formulieren.

Der jetztige Leiter des Kinder- und Jugendhauses, Ulf Hamann, darf sich auch nicht äußern. Jedoch haben sich die Verhältnisse für alle Beteiligten, vor allem auch für die Bewohner, die auf Nordstrand eine Heimat gefunden haben, und für die Mitarbeiter, in der aktuellen Situation kaum verändert. Dass sich die Einrichtung rechnet, hat Hamanns Vorgänger unter Beweis gestellt. Mit 43 Bewohnern und mehr als 30 Mitarbeitern könnte das Haus nach Einschätzung von Insidern auch derzeit noch schwarze Zahlen schreiben. Denn der Schritt weg vom reinen Kinderheim zu einer Einrichtung mit einem breiten Angebots der Jugendhilfe, habe sich bewährt. Was die Mitarbeiter immer noch freut, ist die große Rückendeckung, die sie nicht nur von privaten Förderern, sondern auch aus der Gemeinde spüren. „Nordstrand freut sich über jedes Kind“, sagt Bürgermeister Werner-Peter Paulsen. Denn das seien auch die Nordstrander von morgen. Viele ehemalige Heimkinder hätten sich nämlich auf Nordstrand niedergelassen. Wichtig sind für das Gemeindeoberhaupt auch die Mitarbeiter und die Gewerke, die mit ihren Arbeiten am und im Kinder- und Jugendhaus ihr Einkommen haben und Kaufkraft in die Region bringen.

Nun drücken alle die Daumen, dass eine gute Lösung gefunden wird.

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