zur Navigation springen

Rekonstruktion des Rungholt-Schädels : Nordsee-Museum macht sich einen Kopf

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Er soll der „Star“ einer neuen Sonderausstellung in Husum werden: Eine Rechtsmedizinerin in Frankfurt verleiht dem Schädel eines Mannes aus der versunkenen Nordsee-Stadt Rungholt menschliche Züge.

von
erstellt am 15.Mai.2016 | 09:00 Uhr

Nasen haben es Dr. Constanze Niess angetan. „Ich bin so gespannt, wie sie bei ihm aussehen wird“, sagte sie im Januar mit leuchtenden Augen. Das war, als in Husum bekanntgegeben wurde, dass die Rechtsmedizinerin einem Rungholter sein Gesicht wiedergeben soll. Jahrzehntelang lag der Schädel des ältesten bekannten Nordfriesen, der vor 654 Jahren bei der „Groten Mandränke“ ums Leben kam, kaum beachtet im Archiv des Nordsee-Museums. Nun soll K  4064 – so lautet die Inventarnummer – ein wichtiger Baustein der Sonderausstellung werden, die dort von Sonntag, 29. Mai, an gezeigt wird.

Den Toten ihr ursprüngliches Aussehen zurückgeben – das kann nur eine Handvoll Experten in Deutschland. Niess gehört dazu. Grundlage ist die einfache Erkenntnis, dass jeder Schädel so individuell ist wie ein Fingerabdruck. Anfang März hat die Frankfurterin damit begonnen, „zu tun, was der Knochen ihr sagt“, erklärt sie. Für die Weichteil-Rekonstruktion wurde extra ein blaues Schädel-Duplikat angefertigt – im 3  D-Druckverfahren – um das Original nicht zu beschädigen. Mittlerweile nimmt das Gesicht im wahrsten Sinne des Wortes Form an. Und eine Nase gibt es auch schon. Sie ist groß und breit. „Ich habe jetzt eine Stufe erreicht, die ich Gesichtsrohling nenne. Unser Rungholter hat neben der Nase jetzt auch Mund, Augen, Weichteile, Kopfschwarte und einen Hals. Was noch fehlt, sind Ohren, Frisur und Augenbrauen“, erklärt Niess. „Im Moment sieht er allerdings noch aus wie ein Knetmännchen“, fügt sie lächelnd hinzu.

Die Wiederherstellung dieses Gesichtes ist kostspielig. 6000 Euro werden dafür benötigt. Deshalb hatte das Nordsee-Museum zusammen mit seinem Partner, dem Nordfriisk Instituut, eine große Spendenaktion ins Leben gerufen. „Die 6000 Euro sind leider nicht zusammengekommen“, sagt Tanja Brümmer, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Nordsee-Museums. Trotzdem: Gut die Hälfte der benötigten Summe sei gespendet worden und das habe schon sehr weitergeholfen. Den Rest trägt das Museum. „Doch ohne die Hilfe der Bürger wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen“, stellt Brümmer klar.

Seit 15 Jahren hat sich Niess, die am Institut für Rechtsmedizin am Klinikum der Frankfurter Goethe-Universität arbeitet, auf die forensische Gesichtsrekonstruktion nicht identifizierbarer Leichen spezialisiert. Sie unterstützt damit vor allem polizeiliche Ermittlungen, der ein oder andere aufgeklärte Fall geht damit auch auf ihr Konto. Seit 2012 beschäftigt sie sich auch mit historischen Fällen. So gab sie etwa einem Steinzeit-Mädchen, einem Adligen aus der Merowingerzeit oder einer jungen Germanin das Gesicht zurück. Sogar beim Münsteraner Tatort-Krimi „Herrenabend“ spielte eine ihrer Gesichtsrekonstruktionen eine zentrale Rolle.

Die 49-Jährige hat bei Experten in den USA gelernt, das Antlitz von längst verstorbenen Menschen zu modellieren, von denen nicht mehr als die Schädelform bekannt ist. Dafür häuft sich auf ihrem Schreibtisch jede Menge Plastilin, eine braune, elastische Modelliermasse, die an Knetgummi erinnert. Die Rechtsmedizin kennt für rund zwei Dutzend charakteristische Punkte in einem Gesicht Standardwerte, wie viel Haut und Muskeln sich zu Lebzeiten darüber spannten. An diese genau definierten Stellen setzt Niess kleine Plastiktürmchen, Weichteilmarker genannt: Zum Beispiel direkt über die Augenhöhle, genau darunter, oder an die Kinnspitze. Die Zwischenräume zwischen den Punkten verbindet sie anschließend mit Plastilin-Streifen. Danach beginnt die Feinarbeit: Eine schmale Nasenöffnung bedeutet, dass die Person auch eine schmale Nase hatte. Der Abstand der Augenmitten ergibt die Breite des Mundes, und die Maße der Schneidezähne ermöglichen der Expertin eine individuelle Ausformung der Lippen.

Wie macht er sich denn so, der Rungholter? „Im Großen und Ganzen ist er ganz pflegeleicht“, so Niess. Besonders freue sie sich darüber, dass der Schädel nur wenig beschädigt und die Zähne außergewöhnlich gut erhalten sind. Nach dem technischen Teil verleiht sie dem Rungholter menschliche Züge. Im Moment überlege sie, ob ihr Schützling, von dem sie vermutet, dass er ein junger, muskulöser Fischer gewesen sein könnte, einen Dreitagebart bekommen soll. Einen Vollbart möchte sie ihm ungern verpassen. „Dann sieht man die Hälfte des Gesichtes ja gar nicht mehr.“ Inzwischen kann sie ihm auch tief in die blauen Glas-Augen schauen, die ihr Kollege Ulrich Müller-Uri angefertigt hat. Ob sie wirklich diese Farbe hatten, kann man nach so langer Zeit nicht mehr sagen. Doch das Museum habe sich dunkelblaue Augen gewünscht.

Auch wenn die Rechtsmedizinerin rund 60 Stunden für die Rekonstruktion einkalkuliert hat und damit eine Menge Zeit mit dem Schädel verbringt – einen Namen bekommt der uralte Nordfriese nicht. „Für mich ist und bleibt er der Rungholter. Meinen Arbeiten gebe ich grundsätzlich keine Namen“, macht sie deutlich. Durchschnittlich drei bis vier Stunden täglich widmet Niess dem Totenschädel des Mannes, der um 1925 im Watt gefunden wurde. Doch sie hat auch andere Aufträge, um die sie sich kümmern muss, deshalb müsse der Rungholter auch mal ein, zwei Wochen warten. „Jetzt muss ich mich aber ranhalten, ich bin im Verzug“, erklärt die Wissenschaftlerin. „Die Grobbearbeitung ist zwar geschafft, die Proportionen habe ich. Aber jetzt muss der Gute noch künstlerisch verfeinert werden und der Abgabetermin nähert sich mit großen Schritten“, sagt sie.

Damit der rätselhafte Rungholter bis zur Ausstellungseröffnung auch ein Mysterium bleibt, möchte das Museum nicht, dass ein Foto vom Stand der Arbeiten am Schädel veröffentlicht wird. „Wir wollen doch nicht zuviel von der Überraschung wegnehmen“, sagt Tanja Brümmer augenzwinkernd.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen