zur Navigation springen

Denkmalschutz bleibt– aber: : Nissenhütten dürfen abgerissen werden

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die halbrunden Gebäude in Husums Birkenweg – die sogenannten Nissenhütten – stehen zwar unter Denkmalschutz, müssen aber nicht erhalten werden – zur Erleichterung ihrer Bewohner.

Lediglich das Wellblech um das halbrunde Haus ist noch ein Original aus dem Jahr 1948: Johannes Siegfriedt hat es gestrichen, um das Blech gegen widriges Wetter zu schützen. Zusammen mit seiner Ehefrau Ilse (82) lebt der 83-Jährige in einer von inzwischen nur noch fünf Nissenhütten im Birkenweg – eine sechste ist gerade erst abgerissen worden.

Nach dem zweiten Weltkrieg standen an dieser Adresse noch 20 dieser besonderen Bauten, die zwischen 1948 und 1949 im Auftrag des Heimstättenwerks Schleswig-Holstein auf städtischem Grund errichtet worden waren. „Und zwar nicht wie üblich dicht gedrängt als Notunterkunft, sondern als Siedlung mit jeweils einem Selbstversorgergarten hinter dem Gebäude.  .  .“ Dies hält Stefan Sommer, Architekt aus Altenmoor, in einem Gutachten fest, das er im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege erstellt hat: konkret für zwei Husumer Nissenhütten – eine davon gehört den Siegfriedts. Denn die Nissenhütten im Birkenweg sind Kulturdenkmale und Schleswig-Holsteins einzige Ansammlung von Nissenhütten in einem überschaubaren Bereich.

Gegen den Schutzstatus hatten Johannes und Ilse Siegfriedt Widerspruch eingelegt: ohne Erfolg. Seitdem hat sich das Paar immer wieder Gedanken gemacht, wie es weitergeht, wenn es zum Beispiel sein Haus aus Altersgründen verlassen müsste – oder einer allein dort nicht mehr leben möchte. Letztlich sei nur der Baugrund für ihre Altersvorsorge oder für ihre Erben etwas wert. „In eine Nissenhütte möchte sicherlich keiner mehr einziehen“, sind beide überzeugt.

Doch diese Sorgen sind die Siegfriedts jetzt los: Die vorliegende Expertise des Architekten belegt, dass eine Sanierung der Bausubstanz ein „aufwendiges Unterfangen“ wäre, wie Landeskonservator Dr. Michael Paarmann auf Anfrage erklärt. Im Grunde müsste alles in Einzelteile zerlegt und neu wieder aufgebaut werden. Nach seinen Worten ist mit diesem Expertenpapier exemplarisch für alle Nissenhütten die Unwirtschaftlichkeit eines solchen Unterfangens nachgewiesen. Paarmann: „Wir wollten mit dem Gutachten eine Grundlage haben und wissen, was es bedeutet, in einer Nissenhütte zu leben.“ Der Chef des Landesamtes für Denkmalpflege spricht von einem „guten Weg und mehr Klarheit für die Eigentümer“. Diese könnten nun jederzeit beim Kreis Nordfriesland als Unterer Denkmalschutzbehörde einen Antrag auf Abriss stellen. Den Denkmalschutz einfach aufheben, möchte Michael Paarmann aber nicht. „Vielleicht gibt es ja jemanden, der eine Nissenhütte schützen möchte.“ Steuerliche Vergünstigungen und Zuschüsse stellte der Landeskonservator in Aussicht.

Der Automechaniker Johannes Siegfriedt konnte 1958 als dritter Eigentümer für 10  000 Mark eine Nissenhütte kaufen. Namensgeber ist ihr „Erfinder“: Der kanadische Offizier und Ingenieur Peter Normann Nissen entwickelte die Wellblechhütten im Jahr 1916. Dass er in einem Denkmal lebt, ist für Johannes Siegfriedt schwer nachzuvollziehen, denn: „Wir haben doch so einiges verändert: die Fassade verklinkert, innen neu isoliert und neue Fenster eingesetzt.“ Sägespäne und Torf zwischen zwei Blechschichten sowie Tannenzweige und andere Nadelhölzer zur Verstärkung der Innenwände waren das wesentliche Material für die schnell aufgebauten und damals auf 15 Jahre ausgelegten Unterkünfte.

Auch der frühere Schuppen wurde, so bald es finanziell für das Paar möglich war, umfunktioniert: Dort sorgen noch heute ein Bad und ein Extraraum – das frühere Kinderzimmer der beiden Söhne – für mehr Platz und Komfort. Auf 70 Quadratmetern spielte sich damals das Familienleben ab. In den ersten Ehejahren hatten Ilse und Johannes Siegfriedt nicht einmal 50 Quadratmeter für Küche sowie Wohn- und Schlafzimmer – die ineinander übergehen – zur Verfügung. Ein Plumpsklo befand sich im Garten – in den nicht so komfortablen Zeiten.

zur Startseite

von
erstellt am 14.Jun.2016 | 16:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen