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Massiver Protest gegen Höchstpannungs-Freileitung : Nicht über Eiderstedt – nicht über der Erde

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Bürgerinitiative bereitet Klage vor und fordert: Keine Höchstspannungs-Freileitung an der Westküste. Denn ein unterirdisches Kabel wäre aus Sicht der Nordfriesen durchaus eine Alternative.

Große, sonnengelbe Holzpfeile, die nicht nur im Boden stecken, sondern unter die Erde weisen, sind ihr „Markenzeichen“. Rund 20 haben die Mitglieder der Bürgerinitiative „Eiderstedt unter Höchstspannung“ bereits auf der Halbinsel verteilt. Auf dem selbst kreierten Protestobjekt ist – aufgemalt in roten und schwarzen Buchstaben – ihre Forderung zu lesen: „Pro Erdkabel in HGÜ-Technik“ (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung). Und die wollen sie mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof durchsetzen; die Vorbereitungen laufen bereits.

Aus Sicht der nordfriesischen Initiative gibt es keine Basis mehr für weitere Gespräche mit Schleswig-Holsteins Energiewende-Minister Dr. Robert Habeck. Denn der Minister sieht eine Vollverkabelung der geplanten 380-Kilovolt-Leitung in HGÜ-Technik an der Westküste als „weder rechtlich möglich, noch technisch sinnvoll oder wirtschaftlich vernünftig“ an.

Jürgen und Karina Reck, Alfred Jordy und Jens Clausen haben die Initiative mitgegründet, nachdem die ersten Trassenvarianten für eine Westküsten-Höchstspannungsleitung mit einer Länge von mehr als 100 Kilometern zwischen Niebüll und Brunsbüttel öffentlich geworden sind – und vor allem, weil von Seiten des verantwortlichen Netzbetreibers, dem niederländischen Staatsunternehmen Tennet, der Fokus auf Freileitungen gelegt wurde. „Nicht über Eiderstedt und nicht über der Erde“, fasst Jürgen Reck zusammen. Und mit Blick auf die Klage, die drei bis vier Jahre Verzögerung bedeuten könnte: „Wenn es dem Minister nicht gelingt, sich Zeit zu verschaffen, dann machen wir es.“ Alfred Jordy erläutert zu möglichen Verfahrensfehlern auf die sich die Kläger beziehen könnten, dass es rechtswidrig gewesen sei, „keine Alternativüberlegungen“ zu berücksichtigen. Reck ergänzt, dass auch Belange des Natur- und Vogelschutzes gerichtlich relevant sind.

Doch jetzt müssen die streitbaren Bürger erst einmal rund 40 000 Euro für ein solches Verfahren zusammenbekommen – und setzen dabei auf finanzielle Mittel von Gleichgesinnten. Jürgen Reck bewegt noch eine andere Idee: „Es könnte auch ein Verband klagen und wir unterstützen ihn dann.“

In einer von Weite geprägten Landschaft „alle vier Meter ein mehr als 60 Meter hoher Mast“ ist für die Gruppe ein nicht tragbarer Eingriff in das Landschaftsbild. Zudem befürchten Reck und seine Mitstreiter Gefahren für Mensch und Tier durch elektromagnetische Wechselfelder. Jens Clausen verweist zudem auf tausende Vögel, die in jedem Jahr in Deutschland den Tod in Freileitungen finden: „Und die geplante Leitung würde auf Eiderstedt nur etwa 300 Meter vom Vogelschutzgebiet entfernt errichtet werden.“

Drei Varianten werden bisher für den Süden Nordfrieslands diskutiert: Eine verläuft von Husum entlang der Bahnstrecke Husum-St. Peter-Ording über Witzwort, Oldenswort nach Tönning und weiter nach Heide, die zweite von Husum entlang der Bahnlinie über Koldenbüttel und Lunden, die dritte entlang der 110-Kilovolt-Leitung über Friedrichstadt. In diesen Korridoren liegen die historische Tofting-Warft, das Herrenhaus Hoyerswort, der Rote Haubarg von Witzwort, mehrere Denkmal-Ensembles mit Kirchen und geschützte Haubarge bis hin zur vollkommen intakten Haubarg-Anlage Hakenhof in der Südermarsch, hatte auch die Interessengemeinschaft Baupflege für Nordfriesland und Dithmarschen bereits moniert (wir berichteten).

Der Alternativvorschlag der Bürgerinitiative, eine Hochspannungs-Gleichstromübertragung durch ein Erdkabel, sei für Mensch und Tier unbedenklich und eine „erprobte Übertragungstechnik, die auf Höchstspannungsebene die Drehstromstromübertragung mit ihren elektromagnetischen Wechselfeldern ablösen wird“, ist in einem Informationsflyer nachzulesen. Alfred Jordy: „Es ist eher eine Kostenfrage. Teuer sind die erforderlichen Konverterstationen.“ Diese sind erforderlich, um den Drehstrom aus dem Übertragungsnetz in Gleichstrom umzuwandeln. Nach Ansicht der Gruppe könnte zum Beispiel ein Gleichstrom-Erdkabel von Brunsbüttel (Barlt) bis nach Husum verlegt werden. Die neuen Windparks würden dann mit Erdkabeln mit diesen beiden Punkten verbunden.

Aber auch die Ertüchtigung der vorhandenen Leitungen – teilweise Verstärkungen im 110-Kilovolt-Bereich als Erdkabel – intelligente Netze (Smart Grids), die den Strompreis vom Angebot abhängig machen und natürlich Speichertechniken sind unter anderem Maßnahmen, die die Kritiker auf der Agenda von Politik und Bundesnetzagentur sehen möchten.

Übertragungsnetze gehören für Alfred Jordy nicht in staatliche Hände, damit der „persönliche Profit“ nicht im Mittelpunkt steht. Er fragt sich zudem, ob die Westküsten-Leitung, über die Ökostrom in Ballungszentren im Süden der Republik transportiert werden soll, nicht überdimensioniert sei. Jens Clausen: „Wollen die überhaupt unseren Strom?“ Für Jürgen Reck ist es nicht nachvollziehbar, dass Windparks genehmigt werden, auch wenn „lange nicht absehbar ist, dass von dort der Strom abgenommen wird“. Alfred Jordy: „Es macht alles nur Sinn, wenn diese Energie gespeichert wird.“

Die Bürgerinitiative schließt sich zudem den Thesen des Professors Dr. Lorenz Jarass von der Hochschule Rhein-Main Wiesbaden an. Dieser moniert in einer Stellungnahme zum Netzentwicklungsplan, die er zusammen mit einem Kollegen verfasst hat, dass jede erzeugbare Kilowattstunde erneuerbarer Energie übertragen werden muss. Dies widerspricht nach Auffassung der beiden Autoren dem im Erneuerbare-Energien-Gesetz verankerten Gebot der wirtschaftlichen Zumutbarkeit des Netzausbaues. Sie befürchten, dass es nur darum geht, mehr Netzkapazität für Strom aus konventionellen Kraftwerken bereitzustellen.

 

Wer die Bürgerinitiative unterstützen möchte, erfährt Näheres bei Alfred Jordy (Telefon 04864/2039838) und im Internet (www.abindieerde.de). Der Eiderstedter sorgt auf Nachfrage auch für Nachschub bei den Holzpfeilen. Insgesamt sind rund 500 Mitstreiter in der Eiderstedter Initiative und dem Dithmarscher Verein „Westküste trassenfrei“ organisiert.

 

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erstellt am 25.Sep.2013 | 17:00 Uhr

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