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Ferdinand-Tönnies-Symposium : Neue Mauern sind keine Lösung

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Landesvorsitzende der Sinti und Roma thematisierte beim Ferdinand-Tönnies-Symposium auch den Flüchtlingsansturm. Diskutiert wurde zum Abschluss über Politik für Minderheiten.

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erstellt am 16.Nov.2015 | 08:00 Uhr

Zwei Tage lang beschäftigten sich Wissenschaftler aus ganz Europa im Nordsee-Congress-Centrum öffentlich und interdisziplinär mit dem Thema „Nationale Minderheiten in Europa“. Anlass war das Internationale Ferdinand-Tönnies-Symposium. Das fand zum neunten Mal und nun schon zum dritten Mal in Folge in Husum statt. In der abschließenden Podiumsdiskussion, die von Gyde Köster geleitet wurde, ging es um die Frage, inwieweit die anerkannten Nationalen Minderheiten in Deutschland – also Dänen, Sorben, Friesen sowie Sinti und Roma – anderen als Vorbild dienen könnten, und wo sie für ihre Arbeit noch Verbesserungsmöglichkeiten sehen.

Dazu äußerten sich der ehemalige Vorsitzende der Sydslesvigsk Forening, Dieter Paul Küssner, der Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen, Hans-Heinrich Hansen, der Landesvorsitzende der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein, Matthäus Weiß, die Vorsitzende des Friesenrates – Sektion Nord, Ilse Johanna Christiansen, der Vorsitzende des Minderheitenrates in Deutschland, Karl-Peter Schramm, und die Minderheitenbeauftragte des Ministerpräsidenten, Renate Schnack.

In einer kurzen Einführung machten alle sechs Redner deutlich, dass der Weg zum jetzigen Status quo nicht immer leicht gewesen, aber das Erreichte dafür höher zu bewerten sei. Matthäus Weiß ging noch einen Schritt weiter. An den Vortrag von Dr. Uwe Carstens, Geschäftsführer der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft über „Sinti und Roma in Kiel nach 1945 “ anknüpfend, schlug er eine Brücke zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation und den Terroranschlägen von Paris. „Sie haben vorhin gesehen, wo ich herkomme“, sagte Weiß unter Hinweis auf die Kieler „Zigeunerlager“ nach 1945 und knüpfte die Verbindung zu den Sinti und Roma von heute, die dort, wo sie lebten, oft keine Perspektive sähen, obgleich sie manchmal aus vermeintlich „sicheren Herkunftsländern“ stammten. „Wir sind froh, dass die Mauer weg ist, beobachten aber auch mit Sorge, wie überall in Europa neue Mauern und Zäune hochgezogen werden“, sagte Weiß und machte deutlich, dass er nicht in einem Europa leben wolle, dass sich selbst zur Hochsicherheitszone erkläre. „Der Mensch gehört zum Menschen“, schloss der Landesvorsitzende der Sinti und Roma unter großem Beifall. „Das sollte wieder im Vordergrund stehen.“

Was die Nationalen Minderheiten angeht, so waren sich alle Beteiligten einig, dass sich diese und die Mehrheit in Deutschland inzwischen auf Augenhöhe begegneten. Das bedeutete aber nicht, dass man sich zurücklehnen könne, machte Ilse Johanna Christiansen deutlich: Dass und wie die Friesen sich selbst organisierten, zeige, wie „die Kultur einer Minderheit modern gelebt werden kann. Das ist Soziologie“, erklärte die Vorsitzende des Friesenrates unter Hinweis auf den Namensgeber des Symposiums, den Begründer der Soziologie, Ferdinand Tönnies.

Die gleichberechtigte Behandlung von Minderheit und Mehrheit sei das A und O, fasste Hans-Heinrich Hansen die Situation zusammen. Das heiße aber auch: „Alles hängt von den Staaten und ihrem jeweiligen Umgang mit Minderheiten ab.“ Da gebe es unterschiedliche Modelle, ließ Dieter Paul Küssner unter Hinweis auf die österreichische Minderheit im italienischen Südtirol wissen. Dort werde der öffentliche Raum zwischen Minderheit und Mehrheit aufgeteilt, „während wir den öffentlichen Raum so einrichten, dass sich die Minderheiten darin als Teil eines Ganzen wiederfinden“. Keinen Zweifel ließ Küssner daran, dass Papier geduldig sei und erst die gelebte Praxis zeige, wie viel Minderheit eine Mehrheit vertragen könne.

Dass Deutschland und insbesondere Schleswig-Holstein im Umgang mit Minderheiten Vorbildfunktion habe, sieht Karl-Peter Schramm nicht zuletzt anhand seiner Erfahrungen aus Niedersachsen bestätigt. „Da ist alles deutlich schwieriger.“ Aber auch die Bestrebungen weiterer Minderheiten wie der Türken, sich in gleicher Weise aufzustellen, unterstrichen die Erfolgsgeschichte. Dennoch gebe es weiterhin viel zu tun, erklärte Renate Schnack angesichts des vielen Lobs an ihre und die Adresse des Landes. So sei die Reform des Bachelor-Master-Studiums zu Lasten des Studienfachs Friesisch gegangen, und auch im Bereich der Sprachförderung an Schulen und Universitäten gebe es viel zu tun. Wenn das Friesische nicht in ein oder zwei Generationen verschwinden solle.

Hansen versprach, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass der Schutz von Minderheiten im Grundgesetz verankert wird, und Christiansen wünschte sich – an Renate Schnack anknüpfend – doppelt so viel Geld, doppelt so viel Personal und jedes Jahr einen Friesenfilm zu den Husumer Filmtagen.

Doch ungeachtet aller Rahmenbedingungen und Ausstattungen: Am Ende steht und fällt jede Minderheit mit der Bereitschaft, sich aktiv zu ihr zu bekennen und sie so nicht nur am Leben zu erhalten, sondern mit Leben zu erfüllen.

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