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Möbelwerkstatt Tetenbüll : Neuanfang auf dem platten Land

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

2004 zog es Wolfgang Jansen vom Niederrhein nach Nordfriesland – zuerst auf die Hallig Langeneß, anschließend nach Eiderstedt. Heute betreibt er eine Möbelwerkstatt in Tetenbüll hinterm Deich.

 

„Lebensträume“ hat jeder. Aber sich zu trauen, diese auch zu verwirklichen, gelingt nicht allen Träumern. Wir stellen in unserer neuen Serie in loser Folge Menschen vor, die es geschafft haben, ihren Traum zu leben.

 

Stoff für ein Buch bietet das Leben von Wolfgang Jansen reichlich. Jahrzehnte war es schillernd und bunt, aber nun verläuft es in ruhigen Bahnen. „Das ist es, was ich immer wollte. Ich fühle, hier gehöre ich hin“, bekundet er, der in Tetenbüll-Warmhörn eine Möbelwerkstatt betreibt. Den Traum, das Leben radikal zu ändern, träumen viele Menschen, aber nur wenige kommen aus den Sachzwängen des Alltags heraus und haben den Mut, weitreichende Veränderungen zu vollziehen. Anders Wolfgang Jansen, der 1971 einen kleinen Antiquitätenladen am Niederrhein mit dazugehöriger Restaurationswerkstatt eröffnete. Nicht weit von Düsseldorf gelegen, boomte der Betrieb und wurde durch die Jahre zum größten der Region. „In der Antiquitätenbranche gab es in jenen Jahren eine Goldgräberstimmung und die Geschäfte blühten“, so Jansen. „In meinem Geschäftsbüro hing ein Ölbild mit einer reetgedeckten Kate, einem blumenreichen Bauerngarten und freilaufenden Hühnern davor. Das typische nordfriesische Haus eben. Ich konnte mir nicht erklären, warum mich beim Betrachten des Bildes jedes Mal eine große Sehnsucht überkam.“ Mit einem Freund sei er dann nach Langeneß gefahren. Dort habe er die reine Luft des Nordens und die Weite der Landschaft genossen. Vor allem aber hätten ihn die sich ständig ändernden Farben des Himmels und der See fasziniert. Geschäftliche Verpflichtungen seien seit dieser Reise weit in den Hintergrund getreten, ja schienen sich aufzulösen und interessierten ihn nicht mehr. Damals habe er Blut geleckt. Die Reisen zur Hallig bekamen immer größeren Stellenwert, denn dort fühlte er sich frei und zufrieden. Da er zuverlässiges Personal in seinem Geschäft gehabt hätte, sei er fünf bis sechs Mal im Jahr im Norden gewesen. „Der Zeitpunkt war gekommen, an dem ich keine Lust mehr auf den nächstgrößeren und schnelleren Wagen hatte, auf all das Getue um mich herum, auf Partys und auf das Geld, das ich reichlich verdiente und das längst den Reiz verloren hatte.“

Freunde von ihm besaßen am Niederrhein einen Resthof in ländlicher Idylle. Mit zwei Flaschen Rotwein bewaffnet sei er immer häufiger unter fadenscheinigem Vorwand aufgetaucht, um mit ihnen draußen im Garten sitzen zu können, die ländliche Umgebung und deren einfaches Leben zu genießen. Die Sehnsucht nach natürlichem Leben auf dem Lande und nach handwerklicher Betätigung sei immer größer geworden, erzählt er. Es gab nur noch einen Gedanken: „Alles verkaufen – raus aus den Zwängen des Geschäftslebens.“

2004 war es so weit. Er verkaufte den Betrieb, machte mit seiner Noch-Ehefrau halbe-halbe und zog zum Unverständnis von Freunden und Bekannten 2005 nach Langeneß. Das Leben in Latzhose und mit handwerklicher Betätigung konnte nun für ihn beginnen und damit war ein Teil seines Traums in Erfüllung gegangen. Nun war er in seiner Wunschlandschaft. Immer mal wieder hätte er sich nach Häusern auf Eiderstedt umgesehen. Aber was er sah, begeisterte ihn wenig. Bis er zu dem reetgedeckten Haus direkt am Deich kam. „Es ist aus dem Jahre 1750 und hatte eine Menge alte Bausubstanz. Es war unbewohnt und darum setzte ich mich abends auf die Deichkrone, ließ die Umgebung auf mich wirken und fragte mich, ob ich hier leben und alt werden könnte. Die Antwort war eindeutig. Mir war klar, dass ich viel Arbeit leisten musste, aber das wollte ich ja“.

Er kaufte das Haus und lebte für die nächsten zwei Jahre auf einer Baustelle. „Ich habe alles selber gemacht und nicht selten mehr als zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Aber es hat sich gelohnt“, erzählt er. „Nach Fertigstellung eröffnete ich eine Werkstatt für Möbelrestaurierung. Verpackt und auf einem Bauernhof eingelagert, hatte ich aus meiner ehemaligen Firma noch Kisten voller Werkzeuge, alter Beschläge, die ich über Jahrzehnte gesammelt hatte, Möbelabschlüsse, Schlüssel und vieles mehr. Nun war ich froh, damals nichts davon verkauft zu haben“, freut er sich. „Zwischenzeitlich habe ich schon viele alte, Möbel vor dem Kamin gerettet, denn so mancher Zeitgenosse weiß gar nicht, was für Schätze er besitzt.“ Dabei zeigt er Vorher-Nachher-Fotos von alten Schränken, Kommoden und Sekretären. „Restaurieren bedeutet für mich, authentisch mit den alten Mitteln und Werkzeugen zu arbeiten, um so den Stücken die Frische und Lebendigkeit zurückzugeben. Damit strahlen sie aus sich heraus, wie in alten Zeiten. Jedes Möbelstück ist ein Unikat und damit ein Abenteuer, bei dem ich mich frage, wie die Oberfläche behandelt wurde, wie das Holz reagiert und wo Teile fehlen. Es ist jedes Mal spannend“, sinniert er und streicht mit einem getränkten Tuch über eine Biedermeier-Kirschholzbank.

„Den alten Stall habe ich 2011 zu einer kleinen Hobby-Galerie ausgebaut. In ihr stelle ich nicht nur eigene, sondern auch Werke befreundeter Künstler aus.“ Auch seine Lebensgefährtin Ille Conze, mit der er schon seit Jahren das Leben auf dem Deich teilt, zeigt dort ihre Bilder. Von seinem Leben ohne Stress und festen Öffnungszeiten und das alles in herrlicher Landschaft, kann Wolfgang Jansen nicht genug schwärmen. „Wenn ich gesund bleibe, möchte ich hier meinen Lebenstraum für weitere 30 Jahre träumen.“

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