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Muschelfischer : Mit Zuversicht in die neue Saison

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Schleswig-Holsteins Muschelfischer gehen zuversichtlich in die neue Saison. Kritik äußern sie an der Verklappung kontaminierten Hamburger Hafenschlicks bei Helgoland.

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erstellt am 10.Mär.2016 | 12:00 Uhr

Sie kämpfen mit den Unbilden der Natur, schwankenden Marktpreisen und seit vielen Jahren immer wieder auch mit aus ihrer Sicht übertriebenen Forderungen nach neuen Auflagen für den Berufszweig. Dennoch gehen Schleswig-Holsteins Muschelfischer zuversichtlich in die neue Saison. Der Grund: Nach einer langen wirtschaftlichen Durststrecke ohne die so wichtige Bodensaat war zuletzt im dritten Jahr hintereinander wieder ein Saatfall von Muschellarven zu verzeichnen. Auch die Saatmuschel-Gewinnungsanlagen bei Sylt lieferten Jungmuscheln für die sogenannten Kulturflächen. „Damit können die Betriebe für ein weiteres Jahr ihre Existenzen sichern“, stellt Peter Ewaldsen, Geschäftsführer der Erzeugerorganisation schleswig-holsteinischer Muschelzüchter, fest.

Das war zuletzt eher selten der Fall. Nach der Jahrtausendwende war wildlebende Muschelsaat im auskömmlichen Umfang lange Zeit ausgeblieben. Und da Importe aus Niedersachsen, den Niederlanden oder England nicht erlaubt sind, lebten die Fischer von der Substanz. 2014 bescherte ihnen dann endlich wieder einmal ein richtig gutes Jahr mit „außergewöhnlich hohen Preisen“, so Ewaldsen. Diese bewegten sich durchschnittlich bei 1,50 Euro pro Kilogramm bei mehr als 5000 Tonnen angelandeten Miesmuscheln mit bis zu 35 Fleischgehalt, was auf dem europäischen Markt als absolute Spitzenklasse zählt.

Ein anderes Bild bot sich dann im Vorjahr: „Die abgelaufene Saison 2015 war für die schleswig-holsteinischen Muschelzüchter ein Jahr mit Höhen und Tiefen“, bilanziert Ewaldsen. Bereits zu Beginn der Saison hatten niederländische Kollegen nach seinen Aussagen umfangreiche Verträge mit Discountern abgeschlossen. „Wir wussten schon vor der Saison, dass die Preise kaputt sind“ und „Die Preise können wir nicht beeinflussen“, sagt Ewaldsen mit Blick auf das Spiel der Kräfte in der Marktwirtschaft.

Im Vergleich zum Vorjahr rauschten diese dann auch in den Keller. So gab es Ewaldsen zufolge im Schnitt nur noch 1,08 Euro pro Kilogramm Muscheln. Da Bestände vorzeitig marktreif waren, ließ sich der Einbruch immerhin durch eine 60 Prozent höhere Fangmenge in Schleswig-Holstein wettmachen, während die angelandete Menge an Austern mit rund 80 Kilogramm stabil geblieben war.

Derweil herrscht Ruhe an einer anderen Front, nachdem sich Muschelfischer, Umweltministerium und Naturschutzverbände im Sommer vergangenen Jahres auf eine Eckpunkte-Vereinbarung zur Miesmuschel-Kulturwirtschaft im Nationalpark Wattenmeer verständigt hatten. Ziel ist, „eine naturverträgliche und nationalparkkonforme sowie wirtschaftlich tragfähige“ Muschelfischerei und -zucht.

Die Kulturfläche, auf der die Muschelfischer wirtschaften, soll demnach von 2000 auf 1700 Hektar reduziert werden. Davon dürfen bis zu 250 Hektar für die arbeitsintensiven Anlagen zur Saatmuschel-Gewinnung – Netze, an denen sich junge Muscheln ansiedeln und aufwachsen können, bis sie auf Kulturflächen gebracht werden – genutzt werden. Die Fischerei auf wildlebende junge Besatzmuscheln wird dafür künftig noch in vier großen Tidebecken des Wattenmeeres zulässig sein, aber nicht in der Schutzzone 1.

Die Vereinbarung hat eine Laufzeit von 15 Jahren. Die Muschelfischer, die weniger als ein Prozent der Nationalparkfläche nutzen, erhoffen sich nach jahrelangem kalten Krieg nun längerfristig Rechtssicherheit und eine sichere Zukunft für ihren Wirtschaftszweig. „Ohne weitere Auflagen“, betont Peter Ewaldsen. Im Übrigen ärgert er sich darüber, dass die Muschelfischer immer wieder in den Fokus des Naturschutzes geraten, während Hamburg über Jahre für fünf Euro pro Tonne vor Helgoland kontaminierten Hafenschlick verklappen dürfe, der auch ins Wattenmeer – der Kinderstube der Nordsee – driften werde.

Während die Muschelzüchter umfassende Antragsunterlagen zur Prüfung der Flora-Fauna-Habitat-Verträglichkeit in Auftrag gegeben haben, steht die Nagelprobe für die Muschelfischer erst noch bevor, weil ab Januar neue Lizenzen vergeben werden. Acht sind es derzeit, je eine pro Betrieb. Da ein Betrieb vor der Auflösung steht, gibt es aber noch Überlegungen, rund 60 Hektar Muschelkulturfläche im Rahmen einer Ausgleichsmaßnahme im Zuge der Erdölförderung vor Dithmarschen stillzulegen.

Unterdessen bricht die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN) eine Lanze für die Muschelfischerei, und zwar in ihrer Stellungnahme zur Umsetzung der europäischen Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie. Einem Maßnahmenprogramm zum besseren Schutz der Meeresumwelt von Nord- und Ostsee hat die Landesregierung eben erst zugestimmt. „Die Muschelkultur ist ein offenes Aquakultursystem, bei dem nach der Aussaat bis zur Ernte nicht eingegriffen wird, sondern nur das geerntet wird, was natürlich aufwächst“, betont SDN-Vorstandsmitglied Rudolf-Eugen Kelch. Die Muschel entnehme Nährstoffe und reinige das Wasser. Kulturen nützten dem Erhalt der Muschel im Ökosystem und dem Ökosystem selbst und seien daher nicht zu beanstanden.

„Muschelkultur ist Biolandwirtschaft bester Praxis“, so Kelch. Die Auswirkungen der derzeitigen nachhaltigen Nutzung seien zu vernachlässigen. Schleswig-Holsteins und Niedersachsens Nationalparkgesetze lassen Fischerei und Muschelfischerei als traditionelle Nutzungsform zu, die den weitgehend ungestörten Ablauf der Naturvorgänge gewährleistet. Wäre es anders, so die SDN, „hätte es nicht zur Ausweisung als Nationalpark und zur Ehrung mit dem Welterbetitel kommen dürfen“.

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