Tonnenweise Abfall aus dem Meer : Mit Frontlader und Trecker: Die Müll-Sammler auf der Hallig

Eine bunte Auswahl an Müll der an die Hallig anschwemmt und gesammelt wurde, liegt in einem kleinen Ausstellungsraum in einer Scheune auf der Hallig Süderoog.

Eine bunte Auswahl an Müll der an die Hallig anschwemmt und gesammelt wurde, liegt in einem kleinen Ausstellungsraum in einer Scheune auf der Hallig Süderoog.

Müll im Meer ist kein Problem, das es nur in fernen Regionen der Ozeane gibt. Auch vor den deutschen Küsten treiben tausende Tonnen Abfall.

shz.de von
19. Mai 2018, 14:34 Uhr

Hallig Süderoog | Einen Luftballon für Töchterchen Fenja muss Holger Spreer wohl niemals kaufen. Die muss er nur einsammeln, schließlich werden sie auf der Hallig Süderoog in Massen angeschwemmt, wie er sagt: „Einmal hingen sogar noch Luftpost-Grüße von einer Hochzeit dran, ein anderes Mal war es die Karte von einem Luftballonwettbewerb – nur lag der Einsendeschluss leider schon fast ein Jahr zurück.“

Spreer und seine Partnerin Nele Wree leben mit ihrer Tochter auf der mitten im Nationalpark liegenden Hallig Süderoog. Doch „unberührte Natur“ gibt es dort nicht. Zum Teil mehrmals in der Woche gehen beide außen an der Kante entlang und sammeln Müll. „Mit Frontlader und Trecker – sonst schleppt man sich tot“, sagt Spreer. Mehrere Tonnen Abfall sammeln sie jedes Jahr.

20.000 Tonnen Müll jährlich in der Nordsee

Die Müll-Flut trifft jedoch nicht nur auf die Hallig Süderoog. „Das sieht man überall an der Küste“, sagt Spreer. Nach Schätzungen der Umweltorganisation Nabu gelangen jedes Jahr rund 20.000 Tonnen Müll in die Nordsee, größtenteils verursacht durch Schifffahrt und Fischerei.

Nach Schätzungen des NABU gelangen jedes Jahr rund 20.000 Tonnen Müll in die Nordsee, größtenteils verursacht durch die Schifffahrt und Fischerei.
dpa

Nach Schätzungen des NABU gelangen jedes Jahr rund 20.000 Tonnen Müll in die Nordsee, größtenteils verursacht durch die Schifffahrt und Fischerei.

 

Diese Reste der Wegwerf-Gesellschaft treiben mit den Strömungen von Ebbe und Flut durch das Wattenmeer, werden von Wind und Stürmen auch wieder an Land getragen. Bei Müll-Zählungen seien in der Vergangenheit „durchschnittlich 712 Müllteile pro 100 Meter Küstenlinie“ entdeckt worden, heißt es beim Naturschutzbund.

Was macht Plastik im Meer so gefährlich?

Millionen Tonnen Plastikmüll verseuchen die Weltmeere. Er wird über Flüsse in die Ozeane gespült, vom Wind eingetragen oder einfach auf Handels- und Fischereischiffen über Bord geworfen. Eines der größten Probleme: Es kann bis zu 450 Jahre dauern, bis sich die Kunststoffe zersetzen. Dabei gelangen auch Gifte in die Umwelt.

Für viele Meerestiere werden Plastiktüten zur unmittelbaren Bedrohung. Schildkröten zum Beispiel verwechseln sie bei der Nahrungssuche mit Quallen und ersticken. Auch Seevögel und Seehunde halten Plastikpartikel für Nahrung, fühlen sich gesättigt und verhungern. Andere Meereslebewesen verheddern sich im Plastikmüll und kommen qualvoll ums Leben.

Ist der Müll im Laufe der Zeit in mikroskopisch kleine Partikel zerfallen, drohen weitere Gefahren. Denn sie binden bereits verbotene Pestizide oder Insektizide an ihrer Oberfläche und transportieren diese in die Nahrungskette - letztlich auch mit Folgen für den Menschen, der das Gift durch den Verzehr von Fischen und Meeresfrüchten aufnimmt.

Hinzu kommen handfeste wirtschaftliche Folgen. Für die Beseitigung des Abfalls müssen die Küstengemeinden tief in die Tasche greifen.

 

„Das Müll-Sammeln ist zum Teil eine sehr ätzende Arbeit“, sagt Spreer, während er in einem Spülsaum-„Teppich“ nach Plastik und anderem Abfall sucht. Mal findet er Eimer und Fisch-Kisten, mal einen Schwung nagelneuer Einweg-Rasierer – „merkwürdigerweise ist auch einer von einem anderen Hersteller dabei“ - dann wieder ist es der Wetterballon eines Meteorologen.

Holger Spreer fand auf der Hallig einen Schwung nagelneuer Einweg-Rasierer.
dpa

Holger Spreer fand auf der Hallig einen Schwung nagelneuer Einweg-Rasierer.

 

Auch „Ölkanister mit Restinhalt sind keine Seltenheit“, sagt Speer. „Wenn sie aus Blech sind, ist das besonders ungünstig. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Salzwasser sie zerfrisst und das Öl ins Meer gelangt.“ Oft seien auf den Dosen noch Gefahrenhinweise – „ätzend“, „giftig“ oder einfach nur ein Totenkopf.

Kaffee-Pads, Taue, Tüten und Instant-Snachks

„Einmal hatte sich ein 200-Liter-Fass mit ungewissem flüssigem Inhalt in den Buschlahnungen verfangen.“ Daneben werden immer wieder alte Kaffee-Pads, Taue und Tüten angeschwemmt. Auch unversehrte Verpackungen mit Instant-Snacks sind keine Seltenheit: „Verhungern müsste man hier nicht“, scherzt Spreer.

In seinem „Sammel-Lager“ auf Süderoog stapelt sich inzwischen ein Sammelsurium vom fingernagelgroßen Styropor-Stückchen bis zum Meter großen Seezeichen, das sich in irgendeinem Fahrwasser losgerissen hat.

Gesammelter Müll liegt auf der Hallig Süderoog vor einer Scheune.
dpa

Gesammelter Müll liegt auf der Hallig Süderoog vor einer Scheune.

 

Ist auf der Hallig kein Platz mehr, schippert Spreer den Abfall nach Pellworm. „Dort wird der Meeresmüll beim Landesbetrieb für Küstenschutz Nationalpark und Meeresschutz gesammelt und dann zur weiteren Entsorgung aufs Festland verschifft.“ Doch nicht immer sei das Treibgut aus dem Meer harmlos. Manchmal seien die Fundstücke auch ein Fall für den Kampfmittelräumdienst, sagt Spreer: „Auf dem Weg nach Nordstrand fischte ich ein Netz auf.

Beim Hochholen bemerkte ich etwas schweres, verrostetes“, erinnert er sich. „Es war ein mulmiges Gefühl, denn ich konnte nicht genau erkennen, ob es eine mannsgroße Gasflasche war oder eine Bombe.“ Da man mit solch einem Fund nicht einfach in einen Hafen einlaufen darf, musste Spreer per Telefon Wasserschutzpolizei und Kampfmittelräumdienst alarmieren. Letztendlich gab es Entwarnung – keine Bombe. „Doch es wäre naiv gewesen, ohne Abklärung in den Hafen zu laufen. Wenn dann etwas passiert, hast du als Kapitän die Arschkarte.“

Blick auf die Uferkante und das Wohnhaus mit Scheunen auf der Hallig Süderoog.
dpa

Blick auf die Uferkante und das Wohnhaus mit Scheunen auf der Hallig Süderoog.

 
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