Nordstrand : Mit dem Rollstuhl ins Watt

Christine Dethleffsen freut sich, Menschen das Erlebnis Watt näher zu bringen.
Christine Dethleffsen freut sich, Menschen das Erlebnis Watt näher zu bringen.

Nationalpark-Watt- und Gästeführerin Christine Dethleffsen bietet in der Saison auch Watterkundungen für Menschen mit Handicap an.

shz.de von
04. Januar 2018, 11:00 Uhr

Einfach mal wieder durchs Watt laufen. So wie früher als Kind barfuß durch die Priele waten. Die Zehen tief in den Sand stecken und Nordseeluft tanken. Was für ein Genuss! Doch was für viele von uns heute noch problemlos machbar ist, stellt für Menschen mit Handicap ein riesiges Hindernis dar. Wer auf Krücken oder gar auf einen Rollstuhl angewiesen ist, kommt oftmals nicht einmal mehr über den Deich, um einen Blick aufs Meer zu werfen; geschweige denn, das Watt unter den Füßen zu spüren.

Einer der wenigen Orte an der Nordsee, wo Watterkundungen auch für Menschen mit Handicap möglich sind, ist die Badestelle Fuhlehörn auf Nordstrand. Dort ist das Watt so fest, dass es sogar mit einem Rollator befahren werden kann. Oder mit einem der fünf innovativen Wattrollstühle, die dort stationiert sind und ausgeliehen werden können.

Die Idee stammt aus einem Gemeinschaftsprojekt des Nationalparkamtes in Tönning, der Gemeinde Nordstrand und der Sönnebüller Nationalpark-Watt- und Gästeführerin Christine Dethleffsen. Die Physiotherapeutin bietet im Rahmen öffentlicher Führungen Watterkundungen für Wattrollstuhlfahrer und ihre Begleiter an. „Ich möchte allen Menschen die Schönheit und Faszination unserer Natur eröffnen, auch und gerade unter Berücksichtigung ihrer individuellen Möglichkeiten“, sagt sie und hat dabei die Senioren ebenso im Blick, wie schwangere Frauen, Patienten mit Gipsbein und alle körperlich und geistig gehandicapten Nordsee-Fans. „Der Wattrollstuhl ermöglicht das Fahren im knöcheltiefen Watt, das Laufen in flachem Wasser und Fahren am Strand“, erzählt sie von dem Spezialfahrzeug, das bis 100 Kilo belastbar ist.

Letzten Sommer unternahm Christine Dethleffsen schon zum fünften Mal mit Bewohnern einer Seniorenwohnanlage und deren Pflegepersonal einen Ausflug ins Watt. Die meisten Senioren waren dabei auf die Rollstühle angewiesen. In kleinen Gruppen wurden sie bei Ebbe hinaus gezogen, um das Watt weit draußen mit allen Sinnen erleben zu können. „Wenn es der Seele gut geht, sind oft unerwartete körperliche Leistungen wieder möglich – zum Beispiel ein paar Schritte zu gehen. Durch das Barfußlaufen werden verloren geglaubte Wahrnehmungen wieder wach“, so die Erfahrung der Physiotherapeutin.

Nicht selten löst das Erlebnis bei den betagten Teilnehmern starke Emotionen aus, oft fließen Tränen des Glücks. „Gerade für Menschen, die die allermeisten Stunden des Tages in geschlossenen Räumen verbringen und in vielen kleinen Dingen im Alltag von anderen abhängig sind, sind solche Erlebnisse etwas ganz Besonderes. Ich bin dankbar dafür, dass ich diesen Menschen in der Natur nicht nur das Wissen, sondern auch das Gefühl von Freiheit und Lebensfreude vermitteln darf“, sagt sie und betont, dass all das nur möglich ist, weil sich Nordstrand für die „besonderen“ Gäste einsetzt: Die Gemeinde kaufte fünf Wattrollstühle und baute ein Holzhaus, in dem auch Platz für Ersatzräder und Luftpumpen ist. Zudem gibt es am Treffpunkt Behindertentoiletten.

Diese Watterkundungen erregen vor Ort oft Aufsehen. „Vor allem, wenn wir mit mehreren Wattrollis starten. Die Teilnehmer kennen sich nicht, da es öffentliche Termine sind, aber es ist immer jemand bereit, beim Schieben oder Ziehen zu helfen“, freut sich die Wattführerin über viel Hilfsbereitschaft. In diesem Jahr überreichten ihr spontan Urlauberfamilien aus Radolfzell Spenden in Höhe von 100 Euro. „Sie haben das Geschehen nur aus der Entfernung beobachtet. Von diesem Geld ist die Anschaffung eines besonderen Sitzkissens geplant“, so Dethleffsen.

Mindestens ebenso sehr freut sie sich über die Prämierung des Nationalparkamtes, das die Ausflüge ins Watt für mobilitätseingeschränkte Menschen in diesem Jahr als „bestes barrierefreies Nationalpark-Partner-Angebot“ ausgezeichnet hat. Die anrührenden Bilder der strahlenden Rollstuhlfahrer – den Wattwurm auf der Hand – zeigten der Jury mehr als Worte, „dass das Wattenmeer ein Glückswachstumsgebiet ist und Christine Dethleffsen die besten Wege dorthin kennt“, so der treffende Wortlaut in der Laudatio von Matthias Kundy, dem Leiter des Bereiches Öffentlichkeitsarbeit in der Nationalparkverwaltung.

Info zu diesem Angebot (Wattführungen werden in der Regel – je nach Witterung – von Mai bis Oktober angeboten) gibt es im Internet auf der Homepage unter www.watt-wandern.de oder bei der Nordstrander Tourismusinformation. Sie ist unter der Telefonnummer 04842/454 erreichbar.









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