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Husums einziger Schuhmacher-Meister : Mit 78 Jahren noch der Chef

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Husums einziger Schuhmacher-Meister Günther Pflaeging hält seinen Traditions-Betrieb auch ohne Nachfolger am Laufen. Er hofft auf einen Enkel als Nachfolger.

Das „Modell Günther Pflaeging“ funktioniert: Der 78-Jährige teilt sich die Arbeit in seiner Schuster-Werkstatt mit dem Gesellen Peter Möller – der ihm seit 25 Jahren die Treue hält – und einer Aushilfe; Buchführung und Kasse hat Tochter Anja Brinkmann zu Urlaubszeiten des Vaters im Griff. Seine Wunschlösung war dies nicht – doch mittlerweile ist sie sein Leben.

Denn bei Erreichen des Rentenalters mit 65 hatte der agile Mann noch die Hoffnung, dass einer der fünf Meister, die sich damals für seinen Betrieb interessierten, auch die Nachfolge antreten könnte. „Aber keiner hatte reiche Eltern.“ Denn letztlich sei der Generationswechsel gescheitert, da die Bewerber nicht genügend Eigenkapital für einen Kredit zusammenbekommen hätten: „40 Prozent wurden damals verlangt – einer hatte immerhin 22 Prozent.“

Heute sind die Zeiten für Handwerker bessere – zumindest bei diesem Thema. Die Investitionsbank Schleswig-Holstein sei äußerst hilfreich, betont Günther Pflaeging. Der Husumer begrüßt zudem, dass seit einigen Jahren nicht nur ein Meister, sondern auch ein Geselle einen Betrieb übernehmen darf – doch ausbilden dürfe dieser dann nicht. Und da Peter Möller nicht in seine Fußstapfen treten möchte, hofft und wartet Günther Pflaeging, dass vielleicht einer der fünf Enkel eines Tages den Betrieb übernimmt. Bedarf an seinem Handwerk besteht. „Zu unseren Kunden gehören auch Urlauber aus Hamburg und Berlin, die bis zu zehn Paar Schuhe zum Reparieren mitbringen. Sie wollen keine Schnellreparatur, sondern den Fachmann.“

„Geldinstitute legen viel Wert auf intelligente Firmenkonzepte und nachhaltige Wirtschaftlichkeit“, erklärt auf Anfrage Rolf Hansen, Kreishandwerksmeister für Nordfriesland-Süd. Und in Richtung seiner Handwerkskollegen gibt er den Rat: „Frühzeitig einen Nachfolger in Familie oder Team suchen, ihn fördern und ihm auch Lust auf die Selbstständigkeit machen, damit er hochmotiviert und gut ausgebildet einen Betrieb übernimmt.“

Pflaeging ist eine Institution in Husum. Gegründet wurde der Betrieb von Vater Karl: 1933 im Osterende 37. Sohn Günther wollte aber lieber bei einem anderen Meister lernen: Ihn zog es in die Werkstatt von Johannes Matthiesen in der Norderstraße. „Zu dieser Zeit waren Arbeits- und auch Ausbildungsplätze rar. Deshalb war man froh, überhaupt etwas lernen zu können.“ Rund 40 Schuhmacher habe es in den Fünfzigern im früheren Kreis Husum gegeben – in der Stadt allein fünf im Osterende. „Es gab ja nur Lederschuhe – und die wurden repariert.“ Heute gibt es im Kreisgebiet laut Pflaeging nur noch in Niebüll und Bredstedt Schuhmacher – und beide haben sie bei ihm gelernt. Für Schleswig-Holstein nennt der 78-Jährige rund 120 Schuhmacher-Betriebe und jährlich bis zu acht Auszubildende – „seit etwa fünf Jahren stagniert diese Zahl“. Doch die Anzahl der Lehrlinge reiche noch aus, sodass das Schuster-Handwerk nicht aussterbe. Er selbst hat 21 junge Männer ausgebildet – „ab und zu treffen wir uns noch“.

Seine Leidenschaft für das Handwerk brachte dem Husumer im Laufe der Jahre eine Reihe von Ehrenämtern ein – vom Gesellen-Beisitzer, über den Obermeister der Innung Husum und der späteren Schuhmacher-Innung Nord nach dem Zusammenschluss mit Flensburg, Schleswig-Flensburg, Eckernförde, Rendsburg und Dithmarschen. Auch als Landesinnungsmeister setzte sich der Nordfriese viele Jahre für seine Kollegen ein. Die höchste Auszeichnung der Bundesinnung – „ein Doppeladler mit zwei Brillanten“ – war Anerkennung für dieses Engagement neben dem Beruf. Seit 1966 gehört Pflaeging dem Husumer Handwerkerverein an und arbeitet seit 43 Jahren im Vorstand mit.

Mit 23 Jahren war Günther Pflaeging der jüngste Meister in ganz Nordfriesland. Die Schuhe, die sein Meisterstück waren, trägt er immer noch. Qualität im Handwerk sorgt eben auch für eine lange Lebensdauer. Offen zu sein für Weiterbildungen gehört zu den Tipps, die heute jedem Gesellen mit auf den beruflichen Weg gegeben werden. Pflaeging hat dies vor Jahrzehnten bereits von sich aus beherzigt und sich zusätzlich zum Orthopädie-Meister für „fußgerechte Zurichtung“ ausbilden lassen.

1963 übernahm er den väterlichen Betrieb. Als dann Anfang der 1980er-Jahre das Osterende zur Einbahnstraße erklärt wurde, war der Schuhmacher gezwungen, über einen Ortswechsel nachzudenken. Denn: „Es kamen keine Kunden mehr aus der Stadt zu uns. Umwege macht niemand.“ Woldsenstraße – bis sie auch zur Einbahnstraße wurde – und Einhorn-Passage waren die nächsten Adressen. Seit 2001 befinden sich Werkstatt und Geschäft am heutigen Standort: im Laden eines früheren Uhrmachermeisters in der Süderstraße 1.

Der kleine Betrieb ist immer Familiensache gewesen. So hat Ehefrau Anni, eine gelernte Kauffrau, die Finanzen unter sich gehabt und eine kreisweit besondere Abteilung im Hause aufgebaut: Denn bei Günther Pflaeging gibt es um die 4000 Schnürsenkel. „Wir haben alles, was es auf dem Markt gibt. Wer bei uns keinen Senkel findet, findet ihn nirgendwo“, betont der Chef nicht ohne Stolz auf seine bessere Hälfte.

Bis vor ein paar Jahren konnte er dank einiger Stammkunden den Spruch „Schuster bleib’ bei deinen Leisten“ noch praktisch umsetzen – doch heute sei ein handgefertigter Schuh, der um die 1300 Euro kostet, zu teuer. Doch für die „Turnschuh-Welle“ hat der überaus erfahrene Fachmann, der sich auch mit Blutbahnen und Sehnen auskennt, deshalb noch lange kein Verständnis: „Die sind zu wenig für unsere Füße.“

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erstellt am 06.Sep.2015 | 15:45 Uhr

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