Nordfriesland : "Mister Abfall" trennt sich vom Müll

Ein Bild, das ab morgen der Vergangenheit angehört: „Hannes“ Alfeld im Abfallwirtschaftszentrum Ahrenshöft.
Foto:
Ein Bild, das ab morgen der Vergangenheit angehört: „Hannes“ Alfeld im Abfallwirtschaftszentrum Ahrenshöft.

Hans-Joachim Alfeld, Geschäftsführer der Abfallwirtschaftsgesellschaft Nordfriesland, geht in den Ruhestand – Zeit, um Bilanz zu ziehen.

von
31. März 2017, 15:00 Uhr

Mehr als 20 Jahre lang hat der 65-jährige Hans-Joachim Alfeld die Geschicke der Abfallwirtschaft im Kreisgebiet federführend bestimmt – eine Aufgabe, bei der pro Jahr rund zwölf Millionen Euro bewegt werden. Ab 1. April genießt der Geschäftsführer der Abfallwirtschaftsgesellschaft Nordfriesland (AWNF) seinen Ruhestand. Damit es einen fließenden Übergang gibt, hat „Hannes“ Alfeld seinen Nachfolger Michael Stürmann seit Januar eingearbeitet. Über das heterogene Entsorgungsgebiet, in dem jährlich rund 35.000 Tonnen Restmüll und bis zu 7000 Tonnen Bioabfall anfallen, Herausforderungen und Zukunftsaufgaben äußert sich Alfeld im Interview mit Jörg von Berg.

Die Abfallwirtschaft ist über all die Jahre weitgehend geräuschlos gelaufen. Sind Privatleute und Gewerbetreibende schon zufrieden, wenn ihre Abfälle verlässlich und zu vergleichsweise moderaten Gebühren abgefahren werden?

Dass die Abfallentsorgung sicher und zuverlässig arbeitet, ist für die meisten das Kernkriterium. Zumindest Privatleute haben in aller Regel gar keine Vorstellung von der Höhe ihrer Müllgebühren. Die sind deutlich geringer als gefühlt.

Was sind die besonderen Herausforderungen in einem Kreis mit der Struktur Nordfrieslands?

Einerseits große Transportprobleme und ein immenser Aufwand mit den verschiedenen Abfallfraktionen auf den Inseln und Halligen. Der Tourismus beschert zusätzliche Herausforderungen: Wir haben hier schwankende Mengen und viele Besucher, die andere Verhaltensweisen und Sortiersysteme gewohnt sind. Daraus erwachsen vor allem auf Sylt und Föhr oder in St. Peter-Ording Probleme, die man mit Augenmaß angehen muss.

Abfallberatung war stets ein Arbeitsschwerpunkt der AWNF. Urlaubern sieht man fehlerhaftes Sortieren nach, aber wie steht es mit den Nordfriesen – sind sie Mülltrenn-Muffel?

Wir haben in Nordfriesland die Mülltrennung 1986 mit als erste in Deutschland eingeführt – mit der Wertstofftonne, die dann später in die Papier- und die Verpackungstonne getrennt wurde. Die Nordfriesen haben eine große Erfahrung und sind insgesamt gesehen sehr diszipliniert. Wir überprüfen das regelmäßig durch Müllanalysen: Die Inhalte der Papiertonne sind erstklassig und die gelbe Tonne ist okay. In der Restmülltonne ist uns immer noch zu viel Bioabfall. Bei der Biotonne haben wir einen Anschlussgrad von 30 bis 35 Prozent, das heißt, die meisten kompostieren selbst und entsorgen die Essensreste in den grauen Tonnen. Generell würde ich mir wünschen, dass die Biotonne mehr genutzt wird.

Mit der ehemaligen Zentraldeponie in Ahrenshöft und der Deponie auf Sylt gibt es auch noch große Altlasten für die nachfolgenden Generationen?

In Ahrenshöft liegen drei Millionen Tonnen Abfälle, in Munkmarsch auf Sylt 800.000 Tonnen. Beide Deponien sind geschlossen und für zehn Millionen Euro technisch eingekapselt worden. Die Belastungen für die Umwelt gehen sehr langsam zurück und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis man im Grundwasser keine Spuren mehr davon findet. Die Einkapselung wird sogar dauerhaft aufrechterhalten werden müssen. Man könnte die Deponien theoretisch auch zurückbauen. Das wäre aber mit gewaltigen Kosten verbunden. Da reden wir über 60 bis 100 Euro pro Tonne. Was das kosten würde, kann man sich ganz schnell ausrechnen. Alle Deponien sind Altlasten für die Zukunft, um die man sich dauerhaft kümmern muss. Wir haben deshalb für die Nachsorge und die Überwachung beim Kreis Rücklagen von 25 Millionen Euro.

Richtige Aufregung hat es nur einmal gegeben, als es politisch beförderte Pläne für den Bau einer zentralen Müllverbrennungsanlage in Nordfriesland gab, die am Ende beerdigt wurden. Wie stellt sich dies im Rückblick für Sie dar?

Ich kann und konnte jederzeit verstehen, dass keiner neben einer Müllverbrennungsanlage leben möchte. Warum es ökologisch vorteilhafter ist, unseren Müll im Zentrum von Neumünster zu verbrennen und nicht auf dem Land in Nordfriesland, das erschließt sich mir jedoch nicht.

Es gibt langfristige und – das ist Ihr Verdienst – klug ausgeschriebene Entsorgungsverträge, die stabile und vergleichsweise günstige Preise gewährleisten. Wo steht Nordfriesland in dieser Hinsicht heute und welche Prognose wagen Sie für die Zukunft?

Wir liegen heute inklusive Transport bei 104 Euro die Tonne an Behandlungskosten in Neumünster. Der Vertrag wurde 2005 geschlossen und läuft noch bis 2025. Nach damaligem Stand hatten wir sehr günstige Entsorgungskosten. Auf dem Markt ist aber immer Bewegung, im Moment sind die Preise zum Beispiel hoch. Wir standen und stehen gut da. Für die Zukunft braucht man den richtigen Zeitpunkt für eine Neuausschreibung. Es gilt, den Markt zu beobachten – und dann wird man sehen.

Sie haben mit dazu beigetragen, dass günstige Ausschreibungsergebnisse nicht gleichbedeutend sind mit Dumpinglöhnen für die Mitarbeiter der Entsorgungsfirmen. Gehört Tariftreue aus Ihrer Sicht zur Verantwortung eines öffentlich-rechtlichen Unternehmens?

Wir haben – getragen von der Politik – in der Ausschreibung ein Lohnniveau verlangt, das ungefähr dem Tarif entspricht. Das war damals vergaberechtlich umstritten, wir sind aber damit durchgekommen. Darüber sind wir sehr froh, weil wir glauben, dass es nur fair ist, dass die Leute, die sommers wie winters den Müll bei uns einsammeln und beseitigen, vernünftig bezahlt werden. Und das ist eben der Tariflohn und nicht etwa der Mindestlohn.

Was bleiben für Sie die Highlights als AWNF-Geschäftsführer?

Dass wir es geschafft haben, die Nachsorgekosten für die Deponien zu erwirtschaften sowie faire Löhne zu sichern und sich die Müllgebühren trotzdem bis heute auf einem Niveau haben halten können, das noch unter dem von 1995 liegt. Persönlich hat mir besonders gefallen, dass diese Aufgabe in den letzten 20 Jahren ständig neue spannende Veränderungen und Herausforderungen mit sich brachte. Eines der Erfolgsgeheimnisse war sicher auch die zu jedem Zeitpunkt wirklich hervorragende und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Kreisverwaltung, Ämtern, Gemeinden, Politik, Gemeinde Ahrenshöft und AWNF. Das sollte normal sein, ist es aber längst nicht immer und überall. Mir hat besonders gefallen, dass man ständig neue Herausforderungen und Umgang mit Privatleuten, Verwaltung, Firmen Entsorger und Politik hatte.

Ihre Pläne für den (Un-)Ruhestand?

Ich war als Berater bereits drei Mal im Ausland – in China, Malaysia und in der Türkei. Wenn es möglich ist, möchte ich diese Beratertätigkeit in Zukunft gern weitermachen. Und privat möchte ich reisen und endlich einmal den Garten auf Vordermann bringen.

Die AWNF - der Steckbrief:

Die Abfallwirtschaftsgesellschaft Nordfriesland mbH (AWNF) wurde am 1. Oktober 1995 als 100-prozentige Tochter des Kreises gegründet. Die AWNF – sie beschäftigt fünf Mitarbeiter – ist für die Ausschreibung, Vergabe und Überwachung sämtlicher hoheitlicher Entsorgungsaufgaben des Kreises zuständig.  Dieser ist Träger der Abfallentsorgung und damit zuständig für das Abfallwirtschaftskonzept sowie die Abfall- und Gebührensatzung.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen