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Sackgasse Minijob : Minijobber haben kaum Perspektive

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Niedrige Löhne und wenig Chancen auf eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung: Minijobs führen in eine Sackgasse. Eine Ausstellung im Husumer Rathaus klärt über Risiken, aber auch Chancen auf.

„Aufgewacht bin ich eigentlich erst, als unsere Ehe nach 15 Jahren in die Brüche ging und der Scheidungstermin näher rückte“, berichtet Melanie P. „Wovon sollten meine Kinder und ich leben? Mit meinem Verdienst aus meinem Minijob würden wir nicht weit kommen, zumal ich mich ja auch noch selbst krankenversichern musste. Und meine Rente würde nicht zum Leben und nicht zum Sterben reichen. Zwei Jahre hat es gedauert, bis ich endlich eine sozialversicherungspflichtige Arbeit gefunden hatte, mit der wir einigermaßen über die Runden kommen.“

Mehr als sieben Millionen Frauen und Männer in Deutschland arbeiten in einem Minijob. Wer sich näher mit dem „Beipackzettel“ beschäftigt, kommt schnell ins Grübeln, denn die Risiken und Nebenwirkungen haben es in sich. Müssen Krankheitstage nachgearbeitet werden? Besteht ein Urlaubsanspruch? Bietet ein Minijob eine berufliche Perspektive? Gilt der Mindestlohn? Ist ein Minijob für den Arbeitgeber wirklich günstiger? Diesen Fragen widmet sich die Ausstellung „Warum Minijob? Mach mehr draus“, die vom 19. bis zum 28. Januar im Husumer Rathaus zu sehen ist.

Auf zwölf Informations-Tafeln werden die Risiken und Nebenwirkungen von Minijobs verdeutlicht. Sie sollen aber auch neugierig machen auf die Vorteile der Umwandlung von Minijobs in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und aufzeigen, dass sich Minijobs für Unternehmen meistens nicht rechnen. Initiiert wird die Schau von der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Husum und der Beratungsstelle Frau & Beruf Region Nord.

Unterdessen haben der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) Studien in Auftrag gegeben, um Minijobs und ihre Auswirkungen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Ergebnisse geben Grund zur Sorge. Viele Arbeitgeber scheinen die Dienste der Minijobber zwar gerne anzunehmen, die Verpflichtungen aus dem Arbeitsverhältnis aber zu ignorieren. Niedrige Löhne, kaum Weiterbildung und wenig Chancen auf eine reguläre sozialversicherte Beschäftigung sind die Folge.

„Minijobs behindern uns auf dem Weg in einen geschlechtergerechten Arbeitsmarkt, sie benachteiligen vor allem Frauen und führen in eine berufliche Sackgasse“, erklärt Perke Heldt vom DGB Schleswig-Holstein Nordwest. Selbst qualifizierte Arbeitskräfte enden Heldt zufolge dort ohne Perspektive. Und im Vergleich zur Vollzeitarbeit sei eine arbeitsrechtliche Gleichstellung der Minijobs kaum vorhanden. Im Kreis Nordfriesland arbeiteten im September 2015 insgesamt 16.601 Arbeitnehmer in geringfügig entlohnter Beschäftigung – das ist immerhin ein kleiner Rückgang von 343 gegenüber dem Vorjahr. Der Frauenanteil ist jedoch nach wie vor sehr hoch.

Das IAB hat in seiner Studie, in der grundlegende Arbeitnehmerrechte in den Fokus gerückt werden, festgestellt, dass es in der Praxis deutliche Unterschiede zwischen Minijobbern und Festangestellten gibt. Etwa ein Drittel der Minijobber bekommen demnach keinen bezahlten Urlaub und fast die Hälfte gab an, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu erhalten. Mehr als 15 Prozent haben keinen Arbeitsvertrag und sind über wesentliche Arbeitsbedingungen nicht informiert. Erfahrungen des DGB belegen außerdem, dass gesetzliche Feiertage oft nicht bezahlt oder die Stunden nachgearbeitet werden müssen. Überstunden werden nicht ordnungsgemäß abgerechnet und Sonderzahlungen vorenthalten – und auch beim Entgelt gibt es deutliche Unterschiede zur Normalbeschäftigung. Für Heldt hat sich mit den Minijobs eine „Parallel-Arbeitswelt“ etabliert, die im Alltag deutlich und regelmäßig von den gesetzlichen Regeln abweicht.

„Minijobs haben keine Brückenfunktion in den Arbeitsmarkt, sie sind eine Niedriglohnfalle für Frauen, sie führen zu Altersarmut, sie entwerten berufliche Qualifikation und zementieren den hohen Anteil von Frauen in Teilzeit“, fasst die Gewerkschafterin zusammen. Deshalb sei eine Reform der Minijobs notwendig, um diese Fehlentwicklungen zu beenden. Ein entsprechendes Konzept dafür hat der DGB bereits vorgelegt.

Den Arbeitnehmervertretern zufolge verschenke die Wirtschaft das Potenzial von vielen Minijobbern. Denn die haben überwiegend eine abgeschlossene Berufsausbildung, auch Akademiker sind darunter. Längst nicht alle werden ihrer Qualifikation entsprechend eingesetzt. Außerdem ergab die DGB-Studie, dass die Mehrheit der ausschließlich in Minijobs eingesetzten Beschäftigten sich eine Ausweitung der Arbeitszeit und damit eine Erhöhung des Einkommens wünsche.

„Vor allem die Arbeitgeber in Branchen, die über den Fachkräftemangel klagen, sind hier gefordert“, betont Heldt. Gleichzeitig sollten die Jobcenter eine Qualifizierungsoffensive für Minijobber ohne Berufsabschluss starten, um so den Weg in eine gesicherte Beschäftigung zu ermöglichen.

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