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Hasensterben auf Pellworm : Meister Lampes hartes Insel-Los

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Widrige Lebensumstände schwächen ihr Immunsystem: Auf Pellworm sterben vermehrt die Feldhasen.

von
erstellt am 16.Apr.2017 | 12:00 Uhr

Pellworm | Nordfrieslands grüne Insel hat ein tierisches Problem: Auf Pellworm sterben die Hasen aus. „Die Mortalität ist wieder angestiegen“, berichtete Thomas Carstensen im Husumer Kreishaus. Der Kreisjägermeister machte für dieses Phänomen im Umwelt- und Energieausschuss die Summe mehrerer Entwicklungen verantwortlich. Zur Veranschaulichung griff der jagdfachliche Berater des Kreises auf Daten von Dr. Daniel Hoffmann zurück. Der Gesellschafter der BNL Petry & Hoffmann GbR – ein unter anderem auf populationsökologische Freiland-Untersuchungen spezialisiertes Unternehmen mit Sitz im saarländischen Ottweiler – kümmert sich um das Hasen-Monitoring auf Pellworm. Dabei hat der Experte laut Carstensen auch damit begonnen, Jungtiere mit einem Sender auszustatten.

Feldhasen werden auf der 3744 Hektar großen Insel – 3400 davon sind bejagdbar – seit 1996 zwei Mal pro Jahr per Scheinwerfertaxation gezählt. „Das Wildtierkataster Schleswig-Holstein ist bundesweit führend“, so der Kreisjägermeister in diesem Zusammenhang. Während bei der allerersten Erhebung im Frühjahr 27 und im Herbst 56 Tiere auf 100 Hektar kamen, wurden im Vorjahr zunächst 35 und später 25 Feldhasen erfasst. Die höchste Population gab es 2004: Seinerzeit brachte es Meister Lampe zahlenmäßig auf 59 (Frühjahr) und 67 (Herbst) – ähnlich hoch lagen die Messwerte noch einmal 2012. Vor zehn Jahren gab es nach Angaben von Wildtier-Biologe Hoffmann noch 2000 Hasen auf Pellworm – seitdem habe sich der Bestand halbiert.

Forschern dient die Insel als eine Art Großlabor, da der abgeschlossene Lebensraum der Tiere gut vor äußeren Einflüssen geschützt ist. „Fundierte Aussagen sind möglich, weil Prädatoren des Festlandes fehlen: Fuchs, Marderhund, Steinmarder, Waschbär, Mink“, erläuterte Carstensen. „Als Fressfeinde bleiben nur Großmöwen, Greife, Rabenvögel, Hauskatzen und Ratten.“

Erstmals habe man 2007 auf Pellworm 1000 Hasen tot aufgefunden, führte der Kreisjägermeister weiter aus. „Zeitlich fällt das zusammen mit dem Bau einer Biogasanlage. 300 der Tiere wurden untersucht und in ihrem Magen jeweils Escherichia-Coli-Bakterien in hoher Konzentration nachgewiesen.“ Doch diese Allerweltskeime, wie sie Carstensen bezeichnete, hätten nicht zu den Stämmen gepasst, die in den auf den Feldern ausgebrachten Gärresten aus der Biogasanlage gefunden worden seien.

Aus dem gleichen Grund ist wohl auch der Kot der auf Pellworm immer zahlreicher werdenden Graugänse nicht unmittelbar verantwortlich für die geschwächte Darmflora, die dem Feldhasen vermehrt den Tod bringt. 2009 verendeten 600 und 2012 sowie ein Jahr später jeweils mehr als 300 Tiere, rechnete Carstensen vor – und betrieb weiter Ursachenforschung.

„Um 2007 hat man auf der Insel mit dem Maisanbau begonnen – daraus ergab sich ein Flächenzuwachs von 40 bis 50 auf 400 Hektar.“ Auslöser war die neue agrarpolitische Ausrichtung der Europäischen Union, wonach auf stillgelegten Flächen nachwachsende Rohstoffe angebaut werden dürfen. „Wahrscheinlich ist das der Grund für die erste Delle, die wir von 2007 bis 2010 in der Hasen-Population auf Pellworm hatten“, schloss der Kreisjägermeister. „Die Tiere haben sich der Habitat-Änderung angepasst.“ 2011 hätten die Landwirte dann einige Maisflächen wegen der Nässe stehen gelassen und stattdessen Rasen gesät – mit vier bis fünf Schnitten im Jahr. Auslöser der „zweiten Delle, in der wir mittendrin sind“. Das Immunsystem der Feldhasen sei durch die ständige Anpassung arg geschwächt worden. Dazu komme der allgemeine Trend zur ganzjährigen Rinderhaltung im Stall – „mit der Folge, dass die eingeebneten Acker-Grasflächen keine Deckung mehr bieten“.

Laut Biogeograf Hoffmann trägt sowohl die Biogasanlage als auch die Umwandlung von Dauerweiden „in moderne Hochleistungsgräser“ dazu bei, dass die Pflanzenvielfalt zurückgeht. Dadurch werde die Nahrung des Hasen sehr monoton – und sein Darm anfällig, zum Beispiel für Kolibakterien. „Die wuchern das Organ zu und das Tier stirbt“, so Hoffmann.

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