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Nordfriesland im Roman : Mehr als eine literarische Anthologie

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Soziologe Arno Bammé und der Historiker Thomas Steensen haben sich zusammengetan, um eine Anthologie mit dem Titel “Nordfriesland im Roman“ herauszubringen. Die Reihe verbindet literarische, soziologische und historische Aspekte.

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erstellt am 16.Dez.2013 | 17:00 Uhr

Da haben sich zwei gefunden: der eine Historiker, der andere Soziologe. Beide interessieren sich für die Kulturgeschichte Nordfrieslands – und für Literatur. Eine Verbindung, „die wir nutzen sollten“, dachten sich Prof. Dr. Thomas Steensen und Prof. Arno Bammé und brachten vor sechs Jahren ein gemeinsames Projekt auf den Weg: „Nordfriesland im Roman“. Sieben Bücher sind seither in der Husum-Verlagsgruppe erschienen (siehe Info-Kasten). „Aber wir sehen Potenzial für mindestens weitere 20“, sagen die beiden Wissenschaftler.

Das Besondere an „Nordfriesland im Roman“ ist sein interdisziplinärer, fachübergreifender Ansatz. So werden im Nachwort zu jedem Buch historische, soziologische und literarische Aspekte zusammenführt, erläutert Steensen. Heimatromane liegen im Trend, nimmt Bammé den Faden auf und glaubt darin auch eine Reaktion auf die fortschreitende Globalisierung erkennen zu können. Der Mensch mag mittels elektronischer Medien weltweit kommunizieren, doch in seiner Leiblichkeit bleibt er an einen bestimmten Raum, eine bestimmte Zeit gebunden, so der Soziologe. Die Region sei sozusagen Gegenpol zur „Unübersichtlichkeit“ der Weltgesellschaft.

„Das alles gab es schon einmal“, lässt Steensen den Historiker zu Wort kommen: Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als mit der Industrialisierung viele Menschen Zuflucht darin suchten, was ihnen als heile Welt dünkte. Was später daraus werden sollte – und dass der Begriff „Heimat“ – mit Kurt Tucholskys Worten – allzu bereitwillig den Nationalsozialisten überlassen wurde und schließlich in deren Blut- und Boden-Ideologie gipfelte, steht auf einem anderen Blatt Papier. Aber auch diesem Aspekt widmet sich die Anthologie.

Großen Wert legen Steensen und Bammé darüber hinaus auf die Qualität der ausgewählten Werke. „Es gibt ungeheuer viele Romane, die in Nordfriesland spielen“, sagen sie. Aber vielfach erschienen Nordsee, Halligwelt und Wattenmeer darin nur als Staffage, als übergestülptes Lokalkolorit, um den Verkauf anzukurbeln. Tatsächlich jedoch seien die Schauplätze austauschbar. „Und macht diese Bücher für uns uninteressant“, sagt Steensen. „Wir schauen stattdessen nach Werken, die die sozialhistorischen Eigentümlichkeiten der Region widerspiegeln“, fährt der Direktor des „Nordfriisk Instituut“ fort. Und Bammé ergänzt in diesem Zusammenhang, dass Nordfriesland fälschlicherweise oft als Naturlandschaft gesehen werde, obgleich es sich doch vor allem um eine, ja im Grunde sogar mehrere Kulturlandschaften handle. Auf dem Festland herrschten ganz andere Bedingungen als auf den Inseln und Halligen, „und diese Differenziertheit der Landschaft spiegelt sich auch in der Vielfalt der Romane wider“. Aber nicht nur das: In den Jahren 1870 bis 1930 gab es in Husum und Friedrichstadt ein enges soziales und kulturelles Netzwerk, berichtet Bammé und nennt als eines von vielen Beispielen die Werke von Ferdinand Tönnies und Thusnelda Kühl. Was für den Gründervater der Soziologie dessen Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ wurde, das versuchte die Schriftstellerin in literarischer Form aufzuarbeiten. Hintergrund waren in beiden Fällen die besonderen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen ihrer Zeit. Damit schließt sich in gewisser Weise auch der Kreis zum fachübergreifenden Ansatz des Gesamtvorhabens. So repräsentieren die Romane der Reihe selbst dort, wo sie Vorurteile und Klischees transportieren, die Bewusstseinsgeschichte ihrer Epoche und der Region in weit stärkerem Maße als Werke überregionaler Literatur. Der Leser lernt den Landstrich, in dem er lebt, in mehreren Dimensionen kennen: historisch, soziologisch und literarisch. Die einzelnen Romane werden wir in lockerer Reihenfolge auf „Kultur in NF“ vorstellen.

Buch-Tipp: "Am Ende der Eiszeit. Die Arktis im Wandel". Piperverlag. 22,99 Euro.

TV-Tipp: "Im Bann der Arktis. Mit Klaus Scherer von Groenland nach Alaska". 25./26.12. jeweils 19.15 Uhr, ARD.
 

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