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SPD Nordfriesland : Matthias Ilgen legt Parteiämter nieder

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Nach der Niederlage bei der Bundestagswahl und internen Querelen zieht sich der SPD-Kreisvorsitzende Matthias Ilgen aus der Politik zurück.

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erstellt am 02.Okt.2017 | 07:00 Uhr

Husum | Er hat noch einen Koffer in Berlin, sein Büro in der SPD-Kreisgeschäftsstelle in Husum aber schon geräumt: Der Husumer Politiker Matthias Ilgen (33) ist am Wochenende von seinen Ämtern als Kreisverbands- und Ortsvereins-Vorsitzender zurückgetreten. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete will sich komplett aus der aktiven Politik verabschieden.

Hintergrund für Ilgens nicht unerwarteten Schritt ist die bittere Niederlage bei der Bundestagswahl. Er war im Rennen um das Direktmandat im Wahlkreis Nordfriesland/Dithmarschen-Nord klar gegen Astrid Damerow (CDU) unterlegen. Hinzu kommen im fast 40 Ortsvereine zählenden Kreisverband der nordfriesischen Sozialdemokraten bereits seit Langem währende interne Querelen. Die gipfelten in persönlichen Anfeindungen und Diffamierungen – bis hin zu der Tatsache, dass Matthias Ilgen kurz vor Bundestagswahl öffentlich in die Nähe der AfD gerückt und bei einem Parteitag in Tönning nur noch knapp als Kreis-Chef wiedergewählt worden war.

Als sich am vergangenen Sonnabend nun der neu gewählte SPD-Kreisvorstand konstituieren wollte, gab Ilgen offiziell seinen Rücktritt von allen politischen Ämtern bekannt und informierte in einem internen Rundschreiben auch die 1150 Parteimitglieder in Nordfriesland. Abgesehen davon, dass sich die Runde ohnehin vertagen musste, weil die Einladungsfrist nicht eingehalten worden war, gab es offensichtlich weitere Auseinandersetzungen, so dass auch Beisitzer Dieter Paulsen – Ortsvereinsvorsitzender in Bordelum– seinen Rückzug aus dem Kreisvorstand erklärte.

Nach der internen Schlammschlacht, verlorenen Wahlen ohne Mandate in Bund und Land also nun der Scherbenhaufen, und das wenige Monate vor der Kommunalwahl im Mai 2018: „Wir müssen so schnell wie möglich politisch wieder handlungsfähig werden und unsere gemeinsamen Ziele verfolgen“, erklärte denn auch Carsten F. Sörensen auf Anfrage. Er ist mit Heinke Arff und Stefan Runge einer von drei gleichberechtigten stellvertretenden Kreisvorsitzenden. „Wir machen das jetzt bis auf Weiteres im Kollektiv“, so Sörensen. Er bestätigte die innerparteilichen Turbulenzen und kündigte mit Blick auf die Kommunalwahl an: „Wir müssen relativ schnell klare Verhältnisse schaffen.“

„Es ist ein gutes Gefühl – von mir ist eine Last abgefallen“, bekundete Matthias Ilgen gegenüber unserer Zeitung. Und: „Für mich heißt das Feierabend.“ Nach 14 Jahren in der Kommunal- und Bundespolitik, strebe er kein Mandat mehr an. Er will sich stattdessen seiner neuen Kampfsportschule in Husum widmen und schickt sich an, Lobbyarbeit in Berlin zu machen.

„Trotz der Differenzen mit einigen in der Partei gehe ich keineswegs im Groll“, teilt Matthias Ilgen den nordfriesischen Genossen in dem Rundschreiben mit, dass dem sh:z vorliegt. Darin bedauert er, dass bei der Bundestagswahl gegen den Trend kaum etwas auszurichten gewesen sei. Aber die Partei und seine Person seien auch aus den eigenen Reihen heraus beschädigt worden: „Ärgerlich bleibt die öffentlich ausgetragene innerparteiliche Kampagne der Ortsvereine Sylt, Niebüll und Teilen von Föhr gegen meine Person vor und auf dem Kreisparteitag, die das Ergebnis nachweislich unnötig verschlechtert hat. Denn erstmalig in der Geschichte haben wir in Dithmarschen-Nord besser abgeschnitten als in Nordfriesland.“

Dass seinen Kritikern jedes Mittel Recht gewesen sei, hätten sie „beginnend mit der Kampagne des Ortsvereins Sylt gegen den eigenen Bundestagskandidaten zwei Wochen vor der Bundestagswahl eindrucksvoll gezeigt – ebenso wie durch das Mobilisieren für Nein-Stimmen gegen den Kreisvorsitzenden ohne konstruktive Alternative auf dem Parteitag“. Das sei im Ergebnis „massiv parteischädigend“ gewesen. All das mache deutlich, „dass die vielbeschworene Tugend der Solidarität in der Partei viel zitiert, aber selten gelebt wird, wenn ihr machtpolitische Interessen und/oder Karriere-Ambitionen von Einzelnen im Wege stehen“. Und, so Ilgen: „Das sollte die Partei nicht durchgehen lassen und schon gar nicht belohnen.“

Seinen Rücktritt hält er auch aus einem anderen Grund für richtig: „Ich bin nicht Ralf Stegner, ich erkenne Verantwortung“, sagt der Husumer mit Seitenhieb auf den SPD-Landes-Chef, der nach einer Serie von Wahlniederlagen in der Kritik steht und dessen Rücktritt auch die SPD-NF gefordert hatte.

Ihr Parteibuch wollen weder Matthias Ilgen noch Dieter Paulsen zurückgeben. Letzterer – er ist seit 48 Jahren SPD-Mitglied – äußerte sich auf Anfrage „traurig“ über die Vorgänge. Paulsen bedauert den Rücktritt Ilgens sehr, weil dieser dem Kreisverband politisches Profil gegeben und dessen Finanzen saniert habe. In der SPD seien jedoch Kräfte am Werk, die offenkundig eigene Interessen verfolgten. Das mache es zurzeit unmöglich, den historischen Auftrag umzusetzen, Anwalt für jene zu sein, die schwächer sind als andere. Paulsen: „Selbst das Wahlergebnis hat nicht zu der Einsicht geführt, dass man nun solidarisch zusammenstehen muss.“

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