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Sylt-Pendler in Rage : Marschbahn-Probleme: „Ein Versagen gesamtstaatlicher Verantwortung“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Probleme auf der Marschbahn-Strecke reißen nicht ab. Der Kreistag hat eine Resolution mit deutlichen Forderungen verabschiedet.

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erstellt am 07.Okt.2017 | 09:00 Uhr

Husum | Er hatte es rechtzeitig geschafft: Achim Bonnichsen von der Pendler-Initiative Husum-Westerland kam am Freitag allerdings auch mit dem Autozug zur Sitzung des Kreistags. Sicher ist sicher, schließlich tritt der im Regelfall bereits um 9.30 Uhr zusammen. Und der Klixbüller blieb bis zum Ende. Denn da verabschiedete das Gremium eine Dringlichkeitsvorlage – eine Resolution zu den unsäglichen Verhältnissen auf der Marschbahn-Strecke, die sich mittlerweile zu einer unendlichen Horrorgeschichte auszuwachsen scheinen.

„Seit 328 Tagen leben wir nicht mehr unser Leben, sondern nur nach Fahrplan“, hatte Bonnichsen zuvor in der Einwohnerfragestunde noch einmal alle zehn Finger in die klaffende Wunde gelegt. Sprach’s und schnürte gleich ein Paket von Fragen an Landrat Dieter Harrsen: „Was haben Sie bisher für uns erreicht? Wie gedenken Sie, in Zukunft unsere Situation zu verbessern? In Zukunft heißt: ab morgen! Welche Möglichkeiten hat der Kreistag, in das Geschehen einzugreifen?“ Im Namen der Pendler-Initiative, in der rund 4000 Personen vernetzt sind, bat Bonnichsen schließlich um einen Termin für einen weiteren Bahn-Gipfel (Anm. d. Red.: dem zweiten nach einem Treffen am 22. März in Niebüll).

„Die Situation ist und bleibt eine Katastrophe“, antwortete der Landrat direkt. Und wurde schnell laut und deutlich: „Wir haben es hier mit einem Versagen gesamtstaatlicher Verantwortung zu tun. Es kann nicht sein, dass man eine so wichtige Bahnstrecke ausschreibt, die an so wenig Kapazitäten hängt.“ Kapazitäten, die so knapp seien, dass sie, „wenn es Störungen gibt, sofort nicht mehr funktionieren“. Harrsen weiter: „Ich kenne keine einzige Strecke in Deutschland, wo wir permanent solche Ausfälle hatten. Ob’s die Kupplungen waren, die Lokomotiven oder jetzt die Räder sind: Es sind immer neue Gründe – und es ist diese Strecke, auf der es diese Riesenprobleme gibt.“ Auf der Lebensader des Kreises Nordfriesland, der massiv darunter leide. Die Belastung für die Menschen sei nicht hinnehmbar, sagte der Landrat und war ganz bei der Pendler-Initiative, einen neuen Bahn-Gipfel zu terminieren – ja mehr noch: „Wir müssen alle vier Wochen reden – und wenn wir es nicht mehr Gipfel nennen.“

Die schließlich einstimmig verabschiedete Resolution bezeichnete Harrsen – als sich diese noch im Stadium des Beschlussvorschlags befand – als „Zusammenfassung dessen, was nach unserer Ansicht möglich ist“. In dem Schriftstück fordert der Kreis das Land, die Nah.SH (Nahverkehrsbund-Gesellschaft) und die Deutsche Bahn (DB) Regio auf, „sofort alle erdenklichen Maßnahmen zu ergreifen“, um die vielfältigen Probleme auf der Marschbahn schnell und komplett abzustellen. Alle technischen Möglichkeiten seien auszuschöpfen und weiteres Ersatzmaterial zu beschaffen. Die regulären Loks und Wagen seien schnellstmöglich voll einsatzfähig zu bekommen – dafür müsse das Land auch den Eigentümer, Paribus, in die Pflicht nehmen.

Apropos: Die Konstellation, dass mit dem genannten Finanzinvestor ein Dritter dem Betreiber DB Regio die Fahrzeuge zur Verfügung stelle, „ist offensichtlich eine Fehlentscheidung gewesen“, heißt es weiter. „Dieses Organisationsmodell ist ernsthaft zu überdenken. Im nächsten Vergabe-Verfahren muss sichergestellt sein, dass so eine Situation nicht wieder eintritt.“ Außerdem schreibt die Resolution dem Land ins Stammbuch, sich stärker beim Bund dafür einzusetzen, dass in die Infrastruktur der Bahnstrecke Hamburg – Westerland investiert werde, um dort „auch mit baulichen Maßnahmen einen reibungsloseren und qualitativ hochwertigen Bahnverkehr zu ermöglichen“.

Frank Zahel, Sylter Kreistagsmitglied der CDU, erklärte, er sei froh über die deutlichen Worte des Landrats: „Es ist nichts besser geworden, sondern schlimmer.“ Zu den immer wieder auftretenden Problemen mit den Lokomotiven sind jetzt noch bei einigen Wagen sogenannte Flachstellen an den Rädern aufgetreten. Normalerweise ließen sich die relativ schnell beheben, hieß es dazu weiter. Allerdings sei die dafür nötige Unterflurdrehmaschine in Hamburg-Eidelstedt ausgefallen, so dass die nordfriesischen Züge nun nach Hannover überführt werden müssten. Ausfälle und Verspätungen haben damit wieder zugenommen.

„Wir müssen Tacheles reden“, forderte Ulrich Stellfeld-Petersen (SSW): „Der nächste Gipfel muss hier im Husumer Kreishaus stattfinden – dann wird die Tür erst wieder aufgeschlossen, wenn zwingend konkrete Ergebnisse vorliegen.“ Matthias Piepgras (SPD) und später auch Jörg Tessin (FDP) wiesen in diesem Zusammenhang allerdings darauf hin, sich vorher juristisch schlau zu machen, um – salopp gesagt – besser mit den üblichen Ausreden umgehen zu können. Der Vorschlag des Landrats, in der nächsten Kreistagssitzung am 17. November Verkehrsminister Bernd Buchholz erklären zu lassen, wie er die Situation zu verbessern gedenke, traf auf breite Zustimmung.

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