Marihuana gegen die Schmerzen

Bewährungsstrafe für 51-jährigen Nordfriesen und die Auflage, einen offiziellen Antrag zu stellen

shz.de von
19. Januar 2018, 16:02 Uhr

Um seine schweren Schmerzen zu lindern, hat ein 51-jähriger Nordfriese auf seinem Balkon Marihuana angebaut. Das ist nach wie vor strafbar, weswegen der Mann kürzlich vor dem Gericht in Husum zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt wurde – verbunden mit einer dreijährigen Bewährungszeit.

Ein Magendurchbruch in jungen Jahren, eine deformierte Wirbelsäule, die Schuppenflechte und später schwere rheumatische Beschwerden – von diesen und weiteren Krankheiten berichtete der Angeklagte vor Gericht. Als besonders belastend stellte er heraus, dass er in einem medizinischen Beruf an Patienten arbeitet – „da muss ich tagsüber meine Schmerzen aushalten, ich rauche nur abends“.

Da der Angeklagte seine gesundheitlichen Probleme auch mit Unterlagen von Medizinern glaubhaft machen konnte, soll er jetzt so schnell wie möglich Cannabis auf Rezept bekommen, wie die seit März 2017 leichter zugängliche Therapie landläufig genannt wird. Ihm wurde eingeschärft, dass er bei einem Arzt einen offiziellen Antrag stellen muss – als Teil der Bewährungsauflagen. Bei dem Verfahren werde er von seinem Bewährungshelfer begleitet.

Im Verlauf des Prozesses war der Angeklagte aber auch gefragt worden, warum er sich in seiner Not nicht schon längst auf offiziellem Wege um eine Verschreibung bemüht habe. Er begründete das damit, dass es seines Wissens noch ein Jahr gedauert hätte, bis zugelassene Medizinalprodukte mit entsprechenden Wirkstoffen auf den Markt gekommen wären.

In der Tat war die Aufzucht von Pflanzen und die Herstellung von Arznei unter scharfen Regeln neu geordnet worden. Zur Kontrolle und wissenschaftlichen Begleitung hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte extra eine Cannabis-Agentur eingerichtet. Sie wird den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken steuern und kontrollieren.

In der Verhandlung hatte sich der Angeklagte geständig gezeigt. Da er nicht vorbestraft, sozial eingebunden und berufstätig ist sowie das Marihuana ausschließlich zur Linderung seiner Schmerzen eingesetzt habe, kam er glimpflich davon. Damit hat der Mann jetzt alle Chancen, aus dem Dunkelfeld des Betäubungsmittel-Missbrauchs ans Licht der seit dem Vorjahr genau geregelten Schmerztherapie zu kommen.


Der Weg zu einer Cannabis-Therapie

Die Voraussetzungen dafür und den Weg dorthin schildert Wolfgang Klink, Pressesprecher der Barmer Ersatzkasse: „Es muss sich um eine schwerwiegende Erkrankung handeln, es gibt keine Alternative zur Behandlung mit Cannabis-Arzneimitteln, und es besteht die Aussicht auf eine spürbare positive Beeinflussung des Krankheitsverlaufs.“

Patienten müssten der Krankenkasse einen ausführlichen Arztbericht vorlegen, gegebenenfalls auch weitere Befunde etwa aus Kliniken. Jeder Fall werde individuell von der Barmer geprüft, wozu ein Gutachten vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) eingeholt werde. Die Aussage des MDK sei „maßgeblich für die leistungsrechtliche Entscheidung“.

Bei der Barmer seien seit März 2017 landesweit 104 Anträge auf Kostenübernahme gestellt worden. In 71, also mehr als zwei Dritteln aller Fälle, sei die Behandlung genehmigt worden. Diese Quote deckt sich mit der, die andere Kassen in bundesweiten Erhebungen nennen (wir berichteten). Auch Studien des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen bestätigen die Regel. Von 420 abschließend begutachteten Fällen wurden zwei von drei positiv beschieden, wie Jan Gömer, Sprecher des für Schleswig-Holstein und Hamburg zuständigen MDK-Nord bestätigt.

Volker Clasen, der Sprecher der Techniker Krankenkasse, gibt noch folgende Tipps: „Wir raten dazu, dass sich Patienten vor Antragstellung mit ihrem Arzt in Verbindung setzen. Wenn bei einer schwerwiegenden Erkrankung die Aussicht auf einen Therapie-Erfolg besteht und keine Alternativen zur Anwendungen kommen können, wird der Antrag vom MDK in der Regel auch positiv begutachtet und von der Krankenkasse genehmigt werden.“

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