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Sexuelle Nötigung in St. Peter-Ording : Mann fordert Sex: 24-Jährige aus St. Peter-Ording berichtet vor Gericht vom Überfall auf sie

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Der Täter kommt durchs Fenster, zieht die Türschlüssel ab und wirft sich auf die Frau: Eine 24-Jährige schildert vor Gericht, wie ein Überfall im Februar auf sie abgelaufen ist.

shz.de von
erstellt am 11.Nov.2017 | 15:00 Uhr

Nacht für Nacht schreckt eine 24-jährige Frau aus St. Peter-Ording aus immer demselben Albtraum hoch: Ein Bekannter von ihr dringt im Februar gewaltsam in ihre Wohnung ein und vergewaltigt sie – Bilder im Schlaf, die die traumatische Belastung deutlich machen, der Opfer von Sexualstraftaten ausgeliefert sind. Sie spricht vor dem Schöffengericht in Husum über die seelischen Wunden, die sie durch einen Überfall im Februar dieses Jahres in ihrer Wohnung erlitten hat. Angeklagt ist ein 28-jähriger Bekannter. Ihm wirft die Anklage vor, durch ein Fenster in die Wohnung eingestiegen zu sein, die Frau aufs Bett gestoßen und sich auf sie gesetzt zu haben. Außerdem soll er versucht haben, sie zu entkleiden und an Brust und Unterleib angefasst haben. Durch laute Schreie habe das Opfer Nachbarn auf ihre Lage aufmerksam machen können, die die Wohnungstür aufbrechen mussten, weil der Angeklagte zudem den Schlüssel an sich genommen hatte. Womöglich ist nur durch das Eingreifen anderer Schlimmeres verhindert worden, doch allein die Vorstellung davon hat sie bis in den Schlaf verfolgt.

Der Angeklagte schildert alles anders. Er habe nur einen Kaffee trinken wollen, sich auf ihr Bett gesetzt, um mit ihr zu sprechen und sie dabei auch umarmt. Da habe sie gleich angefangen zu schreien. Er sei daraufhin durch das ebenerdige Fenster wieder gegangen.

Weil er grundsätzlich ausweicht, verharmlost oder leugnet, schlägt das Gericht eine Pause vor, damit er sich mit seinem Anwalt erneut über seine Strategie beraten kann. Was nicht stimme, werde der Angeklagte auch nicht gestehen, gab sein Anwalt das Ergebnis bekannt.

In vielen Sexualstrafverfahren ist dies ein kritischer Punkt, weil mit einer klaren Aussage eines Tatverdächtigen den Opfern häufig detaillierte Angaben erspart werden können. Folglich musste nun auch in Husum die junge Frau auf viele Fragen antworten. Wieviel Gewalt war im Spiel? Wo ist der Türschlüssel abgeblieben? Wo hat er sie geküsst? Wie hat sie sich wehren können? Selbst als sie versucht habe, durch das Fenster zu entkommen, habe er sie zurückgerissen und erneut aufs Bett geworfen, schildert sie äußerlich recht gefasst dem Gericht Einzelheiten, die den Mann immer weiter belasteten. Entschuldigt habe er sich bis heute nicht. Aber sie fügt hinzu, dass sie mittlerweile über das Geschehen hinweggekommen sei – und ihm verzeihen kann.

So viel Gewalt allein in diesem Fall in St. Peter-Ording – da verblasst der vor genau einem Jahr ins Sexualstrafrecht eingeführte Grundsatz „Nein heißt Nein“. Demnach ist ein sexueller Übergriff schon strafbar, wenn er gegen den erkennbaren Willen des anderen ausgeführt wird. Es kommt nicht mehr darauf an, ob sich Opfer körperlich gewehrt haben.

Die Staatsanwältin fragt den Angeklagten, was er meine, warum sein Opfer denn den Ablauf anders schildere. Er antwortet, sie sei geschieden, habe vielleicht einen Hass auf Männer. Oder sie wolle Geld – ein Stichwort, auf das kurz darauf eine Kripo-Beamtin zu sprechen kommt. Sie ist als Zeugin geladen, weil sie die auf Video aufgezeichnete Vernehmung der 24-Jährigen übernommen hat. Die Beamtin hält in einer Notiz fest, was sie noch im Polizeirevier am Tag der Tat mitbekam: Der Bruder des Angeklagten habe per Mobiltelefon dem Opfer Geld angeboten. Sie solle nur sagen, wie viel sie haben wolle, wenn sie ihre Aussage entsprechend abändere.

Auf solche Versuche, Zeugen zu beeinflussen, reagiert die Justiz stets empfindlich. Aufmerksam verfolgt das Gericht daher auch die Aussage des Polizisten, der als einer der ersten am Tatort eingetroffen war. Während der Fahrt mit dem Tatverdächtigen zur Kriminalpolizei nach Husum habe er dessen Wutausbruch erlebt: „Das werde ich schon selber regeln, da kommen 20 Männer und quälen die.“

Doch auch das rechtsmedizinische Gutachten, das in Auszügen verlesen wird, belastet den Angeklagten. So sprechen beispielsweise Gen-Spuren am Hals für die Küsse, die die 24-Jährige über sich ergehen lassen musste, während der Tatverdächtige auf ihr lag und ihre Handgelenke umklammerte. Klare Aussage auch zum Alkoholgenuss: Noch am Abend hatte er 1,4 Promille im Blut.

Doch auf einmal stand das Gericht vor einem verfahrenstechnischen Problem. Zwei Zeugen, auf deren Aussagen es nicht verzichten kann, waren nicht erschienen. Folglich musste ein zweiter Verhandlungstag angesetzt werden: Montag, 20. November. Die beiden werden nun zwangsweise vorgeführt und müssen ein Ordnungsgeld von hundert Euro zahlen oder alternativ zwei Tage ins Gefängnis.

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