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Hilfe im Advent : Manchmal sogar ein Ersatz für Familie

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Mit ihrer Arbeit fangen Husums Streetworker Menschen jeden Alters auf, die niemanden mehr haben, der ihnen weiterhelfen kann. In einer festen Anlaufstelle gibt es sogar eine Notversorgung.

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erstellt am 18.Dez.2015 | 18:12 Uhr

Sie schenken den Menschen, die zu ihnen kommen vor allem eines: Zeit. Sie hören zu – und das mit Respekt, sodass sich ihr Gegenüber nicht unter Druck gesetzt fühlt. Wer Vertrauen gefasst hat und Hilfe wünscht, wird mit Rat und Tat an die Hand genommen. Auch Angehörige finden ein offenes Ohr.

Jens-Uwe Kiesbye (52), Antje Fredrich (44) und Marco Treptow (41) leisten als Streetwork-Team eine ganz besondere Sozialarbeit. Sie sind da für alle, die sich scheuen, in eine Beratungsstelle zu gehen oder die noch nicht einmal darüber nachgedacht haben, dass sie ihre Probleme nicht allein bewältigen müssen. Deshalb suchen Kiesbye, Fredrich und Treptow auch öffentliche Treffpunkte auf, um mit denen ins Gespräch zu kommen, die dort menschliche Nähe suchen und gleichzeitig vor ihren Problemen flüchten. Neben dem Binnenhafen und dem Schlosspark gibt es immer neue Orte – „die müssen wir uns jedes Jahr neu erarbeiten“, sagt die Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin Antje Fredrich. Ein fester Punkt ist seit sechs Jahren ein Pavillon am ZOB.

Streetwork gibt es in Husum seit neun Jahren – in den Anfängen war Erzieher Jens-Uwe Kiesbye Einzelkämpfer und hatte ein Büro im Diakonischen Werk: „Doch die Hemmschwelle, dorthin zu kommen, war für viele zu hoch.“ Als der Pachtvertrag für Kiosk und Wartehalle im ZOB-Pavillon an der Herzog-Adolf-Straße 23 ausgelaufen war, nutzte die Stadtpolitik die Gunst der Stunde. Und hat am Ende nicht nur dafür gesorgt, dass Streetwork in Husum eine feste Adresse besitzt. Denn Kiesbye hat seit 2009 außerdem zwei Kräfte an seiner Seite. Das Angebot ist ebenfalls eine Gemeinschaftsinitiative: von Stadt, Kreis Nordfriesland, Diakonischem Werk Husum, dem Verein zur Förderung der Kriminalitätsverhütung und der sozialraumorientierten Jugendhilfe des Kreises.

In die Anlaufstelle am ZOB kommen vor allem junge Menschen bis zu 27 Jahren, aber auch ältere Erwachsene – sogar Senioren, deren Kinder weit weg wohnen und die Hilfe bei Amtsgeschäften benötigen – öffnen die Tür. Im Pavillon betreten die Besucher zuerst einen Aufenthaltsraum mit einem großen Tisch und Stühlen, einem Kicker sowie einer Sofa- und einer Spielecke für Kinder. Bücher, Zeitschriften und zahlreiche Flyer von Beratungseinrichtungen sind in Regalen zu finden. Kaffee, Tee und Kaltgetränke dürfen sich alle kostenfrei nehmen. Es gibt eine Küche, eine Dusche und einen Computer in einem Extra-Raum – alles steht allen für eine Notversorgung zur Verfügung. Auch ihr Büro haben die Streetworker an dieser Adresse. Eine Beratung ist eine freiwillige Sache. Neben Tipps und Informationen, die selbst junge alleinerziehende Mütter nachfragen, sind die Streetworker bereit, Telefonate zu übernehmen, zu Ämtern zu begleiten, beim Ausfüllen von Anträgen oder Schreiben von Bewerbungen zu helfen. Die gute Vernetzung mit dem Hilfesystem in Husum – „man kennt sich“ – ist die Basis für alle Erfolge.

„Wir machen Beziehungsarbeit“, so fasst Marco Treptow ihren Einsatz zusammen. Der gelernte Krankenpfleger, der stationär und ambulant im Drogenbereich sowie in der Psychiatrie tätig war, ist sich mit der Kollegin und dem Kollegen einig, dass Kompetenzen, um mit Lebensfragen zurechtzukommen und seinem Alltag Struktur zu geben, immer öfter in Familien nicht mehr vermittelt werden. Manchmal stecke eine Überforderung der Eltern dahinter, die zu sehr mit Geldverdienen beschäftigt seien – was wiederum zu einer Überforderung der Kinder führe. Die werden dann zum Beispiel mit dem Thema Ernährung allein gelassen – angefangen beim Frühstück, das es nicht gibt. Aber auch Mahlzeiten sorgen für einen Halt.  .  .

Die Suche nach Wohnraum, Geldprobleme und Schulden – bei jungen Leuten oft durch Handy-Verträge – sind Themen in ihren Gesprächen, erklärt Antje Fredrich. Dazu kommen die Sorgen, keine Lehr- oder Arbeitsstelle zu finden. Fredrich: „Früher haben viele als Helfer zumindest eine Beschäftigung gefunden. Doch solche Angebote gibt es nicht mehr.“ Menschen, die straffällig geworden waren oder Probleme mit Suchtmitteln haben – konsumiert wird heute neben Cannabis vor allem die „Partydroge“ Ecstasy – finden ebenfalls den Weg in die Anlaufstelle. Im „Fach“ Suchtprävention sind die Streetworker Ansprechpartner für Schulen.

Antje Fredrich beobachtet, dass viele Menschen, die zu ihnen kommen, hochsensibel seien: „Sie nehmen so viel wahr und beziehen alles auf sich.“ Was sie problematisch findet: Heute sei die Zeit der Selbstdarsteller und wer nicht mithalten könne, fühle sich als Versager.

Diese wichtige Arbeit ist auf Unterstützer angewiesen. Dankbar sind die Streetworker deshalb Malerei Rehm aus Rantrum, die den Pavillon kostenfrei gestrichen hat. Das Spendenkonto bei der Nord-Ostsee-Sparkasse: DE  32  2175  0000  0000  0379  60, Stichwort: 9800/Streetwork. Auch telefonisch sind Jens-Uwe Kiesbye (0179/6452643), Marco Treptow (0151/40013219) und Antje Fredrich (0162/8812916) für Ratsuchende zu erreichen. Alles wird vertraulich behandelt. Öffnungszeiten: Montag und Dienstag von 14.30 bis 17.30 Uhr, sowie Mittwoch und Freitag von 9 bis 12 Uhr.

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