Tage der Utopie : Lust auf Verantwortung – und Lösungen

Freut sich auf die Veranstaltung: Friedemann Magaard.
Foto:
Freut sich auf die Veranstaltung: Friedemann Magaard.

Impuls-Referate, Workshops und musikalische Welturaufführungen: Die „Tage der Utopie“ im Breklumer Christian-Jensen-Kolleg warten vom 24. bis 28. April mit einem hochkarätigen Programm auf.

von
13. April 2018, 08:00 Uhr

1516 veröffentlichte Thomas Morus seinen Roman „Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia“. Darin beschreibt der englische Staatsmann ein ideales Zusammenleben, mit dessen Hilfe er seinen Mitmenschen einen kritischen Spiegel vorhält. Ein halbes Jahrtausend später definiert die Internet-Enzyklopädie Wikipedia den Begriff Utopie als „Entwurf einer fiktiven Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist“. Morus’ Insel der Glückseligkeit liegt irgendwo am Ende der Welt . . .

Das gilt – eine Vorstellung mit Augenzwinkern – auch für Breklum, die kleine zehn Quadratkilometer große Gemeinde im Herzen Nordfrieslands mit ihrem renommierten Ökumenischem Tagungs- und Bildungszentrum, dem Christian-Jensen-Kolleg (CJK). Dort, wo man einen weiten Horizont hat und nichts beim Sinnieren und Träumen stört, treffen sich in der letzten April-Woche zum fünften Mal Morus’ Erben – also Fragensteller und perspektivische Querdenker – zu Schleswig-Holsteins Festival der Zukunft in der Nordkirche.

Die „Tage der Utopie“ haben es in sich: Die fünftägige Veranstaltung in der Kirchenstraße 4-13 ist grundsätzlicher und visionärer als klassische Konferenzen von Zukunftsforschern; sie bietet aktive Gestaltungsmöglichkeiten und will Menschen aus Bereichen vernetzen, die sich normalerweise nicht begegnen würden – Menschen mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und mit Lust auf Lösungen. Die Referenten – prägende Persönlichkeiten und sogenannte Machertypen – stellen eine echte Utopie zur Diskussion und setzen eine konkrete Zukunftsgestaltung an die Stelle der üblichen Gegenwartskritik. Dabei werden auch auf musikalischer Ebene neue Horizonte erobert, denn jedes der vom 24. bis 28. April auf dem Programm stehenden Themen steht in Verbindung mit einer eigens dafür komponierten Welturaufführung.

„Die Musik spielt bei den ,Tagen der Utopie‘ eine große Rolle“, sagt Friedemann Magaard. Der 52-jährige Pastor der Husumer Kirchengemeinde St. Marien war bis vor Kurzem noch als theologischer Leiter des CJK tätig – eine Stelle, die noch bis zum 1. August unbesetzt bleibt. Bei einem organisatorischen Vorlauf von mehr als einem Jahr ist es nur folgerichtig, dass sich Magaard für die „Tage der Utopie“, die seit jeher mit seinem Namen verbunden sind, weiter verantwortlich fühlt. Er selbst nennt es ein „herausragendes Festival, das alle zwei Jahre zeigt, was evangelische Kirche kann“. Dass katholische Kirche das ebenfalls kann, zeigt das Bildungshaus St. Arbogast im österreichischen Vorarlberg, wo die weltweit zwei Mal existierenden „Tage der Utopie“ ihren Ursprung haben. Auf der Grundlage einer 2009 eingegangenen Kooperation füllen die beiden Einrichtungen die Veranstaltung jährlich abwechselnd am Bodensee und an der Nordsee mit Leben.

Die Teilnehmer können das Festival der Zukunft als zusammenhängende Konferenz erleben oder sich Einzelveranstaltungen herauspicken. Einfach nur am Abend den Impuls-Referaten nebst musikalischer Annäherung des jeweiligen Themas zuhören oder am nächsten Tag darauf aufbauend Zukunft entwickeln – ganz wie es einem beliebt. Vormittags geht es in Workshops mit den Referenten in Klausur, nachmittags um Good-Practice-Beispiele aus Schleswig-Holstein mit Protagonisten, die es bereits erfolgreich vormachen. „Wenn Menschen über die Zukunft sprechen, reden sie meistens über Krisen und Katastrophen – wir brauchen einen Ort, an dem wir uns sagen, wie es wird, wenn es gut wird“, erklärt Margaard die Grundidee. Das sei der Schlüssel. „Denn Menschen wirken anders, wenn sie Krisen vermeiden, als wenn sie etwas Gutes tun.“

Das Programm im Detail:

> Dienstag, 24. April, 19 bis 21 Uhr: „Wenn die Waffen schweigen. Versöhnung initiieren nach (Bürger-)Kriegszeiten.“ Vortrag von Stanley Henkeman in englischer Sprache, mit Übersetzung. Der Direktor des Instituts für Gerechtigkeit und Versöhnung in Kapstadt ist gefragter Mediator und Mitglied des Lenkungsausschusses des Anti-Rassismus-Netzwerks von Südafrika.

Die Musik kommt von Christian Gayed, Rendsburg, dem Gründer und künstlerischen Leiter der Orchester-Werkstatt „norddeutsche sinfonietta“, die einen Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik aller Stilrichtungen legt.

> Mittwoch, 25. April, 9 bis 12 Uhr: „Friedensarbeit mit verfeindeten Flüchtlingsgruppen.“ Workshop mit Stanley Henkeman.

> Mittwoch, 25. April, 15 bis 18 Uhr: „In die eigene Kraft gehen. Geflüchtete empowern Deutschland.“ Workshop mit Aktivisten des Zentrums für Empowerment und Interkulturelle Kreativität (ZEIK).

> Mittwoch, 25. April, 19 bis 21 Uhr: „Was Sport zu Gerechtigkeit und Demokratie beitragen kann.“ Vortrag von Ewald Lienen, Technischer Direktor des Hamburger Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli sowie ehemaliger Fußball-Profi und Bundesliga-Trainer.

Für die Musik sorgen Arne Frercks, Schleswig, und die Akteure des Vereins Tikibaboo. Der ehemalige Straßenmusiker arbeitet als Musiktherapeut mit geistig beeinträchtigten Menschen und erforscht seit Jahren die heilsame Kraft von Klang und Musik auf das menschliche Nervensystem.

> Donnerstag, 26. April, 9 bis 12 Uhr: „Trainingslager für Gerechtigkeit.“ Workshop mit Ewald Lienen.

> Donnerstag, 26. April, 15 bis 18 Uhr: „Wie entsteht ein künstlerisches Miteinander von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung?“ Praxis-Workshop zum Mitmachen mit Arne Frercks und Marco Boehm (Tikibaboo).

> Donnerstag, 26. April, 19 bis 21 Uhr: „Dorf 4.0“. Impuls-Gespräch zur „Neuerfindung des Landlebens in Zeiten von Nachhaltigkeitstransformation und Digitalisierung“ mit Stephan Rammler, Professor für Transformationsdesign und Zukunftsforschung an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.

Die Musik steuert die argentinische Komponistin, Sängerin und Performerin Moxi Beidenegl bei.

> Freitag, 27. April, 9 bis 12 Uhr: „Städte und Kommunen als Real-Labore.“ Workshop mit Stephan Rammler.

> Freitag, 27. April, 15 bis 18 Uhr: „Neue Bewegung in die Dorf-Mobilität.“ Workshop mit Werner Schweizer (Bürgermeister von Klixbüll), Stefan Wiese (Genossenschaft eE4mobile) und Torsten Sommer (Aktiv-Regionen-Netzwerk Schleswig-Holstein).

> Freitag, 27. April, 19 bis 21 Uhr: „Chancenland Deutschland?“ Vortrag von Flavia Kleiner, Ko-Präsidentin und Mitbegründerin der Schweizer Polit-Bewegung „Operation Libero“, die sich auch für eine Revision des Schweizer Asylgesetzes einsetzt.

Für die Musik zuständig ist Nathalie Fen Yen Herres – eine Kompositionspädagogin, die seit 2013 als Lehrerin für Musiktheorie und Komposition an der Musikschule Lauffen am Neckar arbeitet.

> Sonnabend, 28. April, 9 bis 12 Uhr: „Baukasten für eine lebendige Demokratie.“ Workshop mit Flavia Kleiner.

„Tage der Utopie“ also, die den Teilnehmern garantieren, voller guter Gedanken, konkreter Ansätze und mit einem erweiterten Netzwerk nach Hause zu fahren. Und das alles zu einem Preis, der alles andere als utopisch ist. Am Ende zahlt jeder so viel, wie ihm der Vortrag oder Workshop tatsächlich wert war. „Das soll für niemanden eine Hürde sein“, so Magaard.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen