Fairtrade-Stadt Husum : „Lippenbekenntnisse reichen nicht“

Viele Besucher waren gekommen, um zu erfahren, wie es mit der Fairtrade-Stadt Husum konkret weitergehen soll.
Foto:
Viele Besucher waren gekommen, um zu erfahren, wie es mit der Fairtrade-Stadt Husum konkret weitergehen soll.

Die Auftaktveranstaltung im Husumer Rathaus machte deutlich: Die Fairtrade-Stadt-Idee steht und fällt mit der Beteiligung der Bürger. Jetzt soll sich eine Steuerungsgruppe soll sich der Sache annehmen.

von
30. Januar 2018, 06:00 Uhr

Husum | Weltweit gibt es mehr als 2200 und bundesweit rund 500 Städte und Kommunen, die das Fairtrade-Town-Siegel tragen. In Schleswig-Holstein sind es 20. „Global denken, lokal handeln“ – so lautet das Leitmotiv der Agenda 21, eines Aktionsprogramms der Vereinten Nationen, in dessen Rahmen 1992 in Rio de Janeiro 172 Staaten Leitlinien für das 21. Jahrhundert, allem voran für eine nachhaltige Entwicklung, beschlossen. Und tatsächlich: Das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum und gerechtere Handelsstrukturen wächst.

2009 wurde die internationale Kampagne Fairtrade-Towns gestartet, der sich im November vergangenen Jahres auch das Stadtverordnetenkollegium angeschlossen hat. Peter Knöfler vom Südschleswigschen Wählerverein (SSW) hatte den Stein dazu ins Rollen gebracht. Aber wie soll das Ganze mit Leben erfüllt werden und Dimensionen annehmen, die über den Ausschank von fair gehandeltem Kaffee im Büro des Bürgermeisters hinausgehen – zumal der, wie Insider behaupten, noch fast genauso furchtbar schmecken soll wie zu Beginn der 1980er Jahre. Schuld ist diesmal allerdings wohl weniger der Kaffee aus Nicaragua als die Maschine, mit der er gebrüht wird.

Wenn der Begriff „Kick off“ da nicht gleich einen bitteren Beigeschmack bekommt . . . Soll er aber nicht. Im Gegenteil. Im Rahmen einer sogenannten „Kick-off“-Auftaktveranstaltung – verbunden mit einem Informationsabend – wollte die Stadt in erster Instanz abklären, wie die Fairtrade-Idee mit Leben erfüllt werden kann.

Markus Schwarz, Promoter für nachhaltige Beschaffung, Fairen Handel und Unternehmensverantwortung beim Bündnis „Eine Welt Schleswig-Holstein“, und Holger Heinke, der die Kampagne in Niebüll begleitet, teilten ihre Erfahrungen mit den Besuchern im Rathaus. „Der Umsatz an fair gehandelten Produkten umfasst rund eine Milliarde Euro“, rechnete Schwarz den Anwesenden vor. Der Marktanteil falle demgegenüber eher bescheiden aus: „Für Kaffee beträgt er gerade einmal vier Prozent“, rechnete der Gastredner vor.

Aber auch sonst sei das Thema facettenreich, hatte Bürgermeister Uwe Schmitz bereits in seiner Begrüßungsrede festgestellt. Der städtische Hauptausschuss lege daher Wert darauf, es nicht „bei gut gemeinten Beschlüssen zu belassen, sondern regelmäßig zu prüfen, wo wir stehen.“ Er sei froh, dass sowohl das Christian-Jensen-Kolleg als auch der Eine-Welt-Laden sofort Bereitschaft signalisiert hätten, den Prozess aktiv zu begleiten, so der Verwaltungs-Chef, „. , . . denn ohne die Bürger geht es nicht“, stärkte ihm Schwarz den Rücken.

Überhaupt bedürfe es neben struktureller Veränderungen vor allem handfester politischer Forderungen. Wie das aussehen könne, zeige eine Petition, in der mehr als 70 000 Menschen die Einführung von Fairtrade-Kaffee bei der Deutschen Bahn gefordert hatten. Seit April 2017 kommt das Unternehmen dem nicht nur nach, sondern legte mit fair gehandeltem Tee und Trinkschokolade sogar noch eine Schippe drauf.

Städte und Kommunen sollten Vorbilder sein, lautete Schwarz’ Appell. „Durch die Breitenwirkung würden auch andere motiviert, sich mit Fairtrade zu beschäftigen.“ Vor allem Händler und Unternehmen reagierten auf Nachfrage und Kunden-Interessen. Deshalb sei es eminent wichtig, Anlässe zu schaffen und durch Aktionen weitere Akteure ins Boot zu holen.

Das habe die Stadt Niebüll bereits getan, berichtete Holger Heinke. Im März vergangenen Jahres war sie mit dem Siegel Fairtrade-Town ausgezeichnet worden. Und auch dort begann alles – wie in Husum – mit dem Ausschank fair gehandelten Kaffees im Rathaus. Doch damit wollten es die Akteure nicht bewenden lassen und mobilisierten die Öffentlichkeit. „Wir starteten mit fair gehandelter Schokolade, verteilten fair gehandelte Rosen und nahmen andere Menschen, Unternehmen und Institutionen mit an Bord“, benannte Heinke nur zwei von vielen Beispielen. Aus seiner Sicht gibt es keinen Grund, nicht Fairtrade-Stadt zu werden, so der Gast aus Niebüll, aber natürlich stehe und falle das Ergebnis mit jenen Menschen, die sich der Initiative anschlössen und sie mit Leben erfüllten.

Nach der Einführung und den Vorträgen sammelten die Besucher der Auftaktveranstaltung in großer Runde erste Ideen. Bei Gastronomie und Wirtschaft werde das Thema gewiss auf offene Ohren stoßen, prognostizierte Uwe Schmitz, den die vielen Anregungen aus dem Plenum sichtlich beeindruckten. Als nächstes soll dann eine lokale Steuerungsgruppe schauen, welche Fairtrade-Angebote es schon gibt.

Weitere Informationen rund um die Kampagne auf www.fairtrade-towns.de.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen