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Französischer Autor zu Gast in Nordfriesland : Lionel Duroy und sein Buch über Husum

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Weil ihn die „Deutschstunde“ so fasziniert hat, wollte der in Tunesien geborene französische Schriftsteller Lionel Duroy unbedingt dessen Autor Siegfried Lenz treffen. Danach quartierte er sich in Husum ein. Jetzt ist er dabei, ein Buch über die Storm-Stadt zu schreiben.

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erstellt am 25.Feb.2014 | 07:00 Uhr

Mit Unterstützung der deutsch-französischen Gesellschaft hat der französische Schriftsteller Lionel Duroy zwei Monate in Nordfriesland verbracht, um hier an seinem 15. Buch zu arbeiten. Das ist von Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ inspiriert und spielt in Husum. Duroy, 1949 im tunesischen Bizerte geboren, stammt aus einer Familie von adliger Herkunft, die jedoch in tiefster Armut lebte. Deren Geschichte greift er in seinem preisgekrönten Buch „Le Chagrin“ („Bitte für uns“) auf. Duroys Buch über Husum soll 2015 erscheinen.

Wie kamen Sie zum Schreiben?

Schon als Kind fand ich Bücher verführerischer als das Leben selbst. Meine Mutter war adelig, aber völlig verarmt. Beide Eltern hingen rechtsradikalen und antisemitischen Gedanken nach. Immer wieder wurden wir von Polizei und Behörden heimgesucht. Wir waren zehn Kinder, und so oft ich konnte, flüchtete ich mich in Bücher. Mit 17, 18 Jahren hatte ich dann das Gefühl, Schriftsteller werden zu müssen – weil in der realen Welt kein Platz für mich war. Ich schrieb, um mich gegen die Brutalität des Lebens zu behaupten – wie Knut Hamsun, dessen Bücher mich schon als Jugendlicher fasziniert haben. Hamsun kam ja aus ähnlichen Verhältnissen wie ich. Und er wurde mein Vorbild. Zu ihm hatte ich eine engere Verbindung als zu meinen Eltern.

Aber dem Norweger wurde später eine zu große Nähe zum Gedankengut der Nationalsozialisten nachgesagt. Hat Sie das mit Ihrer Familiengeschichte nicht gestört?

Es schmälert aus meiner Sicht nicht die Bedeutung seines Werkes – und was für ihn galt, galt auch für Ferdinand Céline und andere Autoren, obgleich ihr Werk wie das von Hamsun eine ganz andere Sprache spricht.

Und auch die Weimarer Autoren Carl von Ossietzky oder Kurt Tucholsky liebten Hamsun bis zuletzt. Sie sind also nicht allein.

Nein.

Sie wurden im tunesischen Bizerte geboren, haben von 1981 bis 1990 als Kriegsberichterstatter für die renommierte französische Zeitung „Liberation“ gearbeitet und aus dem Tschad, Nordafrika und dem früheren Jugoslawien berichtet.

Ja, ich bin nie verreist, aber ordentlich herumgekommen.

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Entwicklung in Nordafrika?

Mit Skepsis. In Algerien regiert das Militär, die Jugend sitzt auf der Straße. Tunesien war anfangs weiter, doch jetzt werden vor allem die Rechte der Frauen wieder zurückgedreht. Daran dürfte auch die neue Verfassung wenig ändern. Marokko macht mir Hoffnung, aber nur, weil es einen vergleichsweise intelligenten König hat. Summa summarum kommen die jüngsten Entwicklungen einer Kapitulation der Demokratie gleich. Es sind neue Religionskriege zu befürchten. Das wird die Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

In „Le chagrin“ arbeiten Sie literarisch die eigene Familiengeschichte auf. Das hat schon vor dem Erscheinen des Buches zum Bruch mit ihren Geschwistern geführt. Warum?

Die haben gesagt: „Wenn Du das veröffentlichst, war’s das für uns.“ Ich habe es trotzdem getan. Ich wollte mein Leben in einem Buch ordnen.

War es das wert?

Ja, weil ich mich in dieser Auseinandersetzung gefunden haben. Wäre dieses Buch nicht geschrieben worden, hätte ich das Gefühl, nicht zu existieren. Es war, als sei ich in der realen Welt zur Tür hinausgeworfen worden und als Schriftsteller durchs Fenster wieder hinein gestiegen. Als Schriftsteller ist man unangreifbar.

Sie haben während Ihres Aufenthalts in Husum auch einen Abstecher nach Hamburg gemacht und Siegfried Lenz besucht. Warum? Was verbindet Sie mit Lenz?

Ich kenne die „Deutschstunde“ in- und auswendig. Mein Herausgeber hat den Roman in Frankreich veröffentlicht, und über ihn habe ich auch Kontakt zu Lenz bekommen. Zwei Stunden haben wir gesprochen, und es war schon erschütternd zu sehen, wie schwach er geworden ist. Irgendwie hat er mich an Helmut Schmidt erinnert – nur, das er Pfeife raucht.

Und was hat er Sie gefragt?

Dasselbe wie Sie.

Und was wollten Sie von ihm erfahren?

Ich wollte mehr über die „Deutschstunde“ wissen und darüber, wie er diese entwickelt hat. Ich habe dieses Buch mit 40 Jahren gelesen und das Gefühl gehabt, darin zu leben – mit der Lektüre auch meine eigene Kindheit nachzuvollziehen. Dabei ist er ganz anders zum Schreiben gekommen. Lenz ist desertiert und hat als Dolmetscher das ganze Elend der frühen Nachkriegszeit mitbekommen. Das musste er irgendwie verarbeiten. Dabei ist ein großartiges Buch entstanden: die „Deutschstunde“.

War es Ihre erste Begegnung mit Lenz?

Ich versuche bereits seit 25 Jahren Kontakt zu ihm zu bekommen. Jetzt hat es endlich geklappt. Ich hatte ihm geschrieben, wie sehr mich die „Deutschstunde“ beeinflusst hat, und er hat geantwortet.

Und wie passen die „Deutschstunde“ und Husum zusammen? Warum wollen Sie ausgerechnet ein Buch über Husum schreiben?

Weil wichtige Passagen des Romans genau hier spielen, ohne das dies explizit erwähnt wird. Deshalb wollte, ja musste ich Husum kennen lernen.

Wovon handelt Ihr Buch?

Es wird ein sehr intimes Werk, das sich vor allem mit der hiesigen Landschaft beschäftigt. Eine Art meditativer Reisebericht, in dem auch Nolde, Storm und natürlich Siegfried Lenz vorkommen.

Sie sprechen die Landschaft an. Was hat Sie an Nordfriesland, an Husum besonders beeindruckt?

Die Hartnäckigkeit der Menschen im Umgang mit der Natur. Ich habe ja „Xaver“ miterlebt, und natürlich bin ich zum Deich gefahren, um mir das näher anzuschauen. Aber in den zwei Monaten meines Aufenthalts habe ich die Landschaft auch aus anderer Sicht erlebt und sie förmlich in mich aufgesogen. Die Natur steht im Mittelpunkt, aber auch die Geschichte wird eine wichtige Rolle spielen. Ich möchte Husum als Ort des Verschwindens zeigen und damit auch auf die Gefährdung der Nordseeküste insgesamt aufmerksam machen. Es ist letztlich ein politisches Buch.

Wann soll „Husum“ erscheinen?

Ich werde wohl noch bis zum Herbst daran schreiben. Im Frühjahr 2015 soll es dann fertig sein. Ich habe zuletzt jeden Tag daran gearbeitet. Vollenden werde ich es jetzt aber in Paris.

Wenn es schon hier spielt, wird das Buch dann auch in deutscher Sprache erscheinen?

Das ist geplant. Und dann komme ich zu einer Lesung nach Husum . Es gibt also ein Wiedersehen.

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