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Hannes Wader in Husum : Lieder wie eine Flaschenpost

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Seit fünf Jahrzehnten ist der Liedermacher Hannes Wader unterwegs. Am 1. März präsentiert der 72-Jährige in Husum sein neues Album „Sing“. Natürlich werden beim Konzert auch viele seiner alten Songs zu hören sein.

shz.de von
erstellt am 27.Feb.2015 | 16:00 Uhr

Hannes Wader ist eine Legende – schon jetzt. Viele seiner Lieder sind Allgemeingut, werden von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder neu gesungen. Seit den 1960ern reist der Singer-Songwriter aus der Burg-Waldeck-Szene durch eine wechselvolle Karriere und gilt als einer der letzten großen Liedermacher „alter Schule“. Auch mit über 70 Jahren bleibt Hannes Waders Produktivität ungebrochen. Gerade ist seine neue CD „Sing“ erschienen – ein Album mit zehn, durchgängig von ihm selbst geschriebenen, neuen Liedern, die er bei den Konzerten seiner Frühjahrstournee vorstellt. Am Sonntag, 1. März, gastiert der 72-Jährige, der lange Zeit in Struckum lebte, von 20 Uhr an, im Nordsee-Congress-Centrum (NCC) in Husum.

 

Seit mehr als 50 Jahren sind Sie mit Ihren Liedern unterwegs. Ohne Show und Glamour, ohne Anbiederung an die Medien. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Es heißt ja, wer nicht gelegentlich mal im Fernsehen auftaucht, der existiert nicht. Das stimmt irgendwie. Nur in meinem Fall nicht ganz. Ich tauche im Fernsehen fast gar nicht auf, aber es gibt so etwas wie eine Verankerung im kollektiven Gedächtnis der Menschen, die mich kennen. Darüber bin ich sehr froh und dankbar.

 

„Heute hier, morgen dort“ ist eines Ihrer bekanntesten Lieder und offenbar auch Ihr Lebensmotto. Wie schaffen Sie es, die Auftritte nicht in Routine abgleiten zu lassen?
So paradox es klingen mag: Nicht in Routine abzugleiten, schaffe ich mit Routine. Ich habe da so meine Erfahrungen und Gewohnheiten, die mir sagen, was ich machen muss, um fit und frisch zu bleiben.

Ihre Fans sind natürlich viele Weggefährten, aber auch ein Drittel unter 30-Jährige. Gibt es dafür eine Erklärung?
Ich schreibe meine Lieder über Dinge, die mich bewegen, und hoffe, dass sie auch andere Menschen berühren. Das ist wie eine Flaschenpost, die man ins Meer wirft in der Hoffnung, dass sie irgendjemand findet.

 

Hat es nicht auch etwas mit Authentizität zu tun und, dass Ihre Lieder eine gewisse Haltung ausdrücken?
Das ist schon möglich. Ich spiele ja keine Rolle, sondern drücke ganz ungekünstelt aus, was mich bewegt. Daher muss das Publikum entscheiden, ob es meine Arbeit authentisch findet oder nicht.

 

Sie haben Anfang der 1970er-Jahre in einer alten Windmühle in Struckum gelebt. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?
In der Mühle habe ich über 25 Jahre gelebt, also die entscheidenden Jahre meines Lebens. Daher verknüpfen sich viele Erinnerungen, die ich habe, mit meiner Wahlheimat Schleswig-Holstein. Außerdem sind dort einige wichtige Schallplatten aufgenommen worden, die heute noch Kultscheiben sind.

 

Ihre Lieder sind unverwüstlich. Macht Sie das stolz?
Mit dem Stolz habe ich es nicht so. Aber natürlich freue ich mich darüber und nehme es als Geschenk. Ich erlebe immer wieder, dass Menschen auf mich zukommen und sagen, dass sie mit meinen Liedern aufgewachsen sind oder sie in bestimmten Situationen hören. So ein Echo zu haben, finde ich großartig.

 

Reinhard Mey sagte, als Sie im vergangenen Jahr den Echo für Ihr Lebenswerk bekamen, in seiner Laudatio, Sie hätten „das erreicht, was alle Liedermacher sich auf die Fahne geschrieben haben: die Welt ein Stück besser zu machen“. Hatten Sie je die Hoffnung, mit Ihren Liedern etwas ändern zu können?
Ich habe mich über diese Einschätzung sehr gefreut, habe aber selber so meine Zweifel, ob das stimmt. In geringfügigem Maße vielleicht. Ich glaube aber nicht, dass Lieder die Welt verändern können. Ich kann versuchen, mit meinen Songs Anstöße zu geben oder Menschen eine Richtung zu weisen.

 

Anders als Ihre Fans haben Sie sich nie als „politischen“ Liedermacher verstanden. In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Ihre politischen Lieder seien hauptsächlich auf Druck des damaligen Zeitgeistes entstanden...
Ich wollte damit ausdrücken, dass ich kein dezidiert engagierter, politischer Liedermacher bin und auch ganz anders begonnen habe. Es ist nur eine von vielen Facetten meines Lebens.

Eine Ihrer bekanntesten Zeilen ist diese: „Was gestern noch galt, stimmt schon heut’ oder morgen nicht mehr.“ Welche Ihrer Gewissheiten von einst gelten heute noch, welche nicht mehr?
Vieles hat sich gewandelt, manches – wie meine grundsätzlich linke Einstellung – ist konstant geblieben.

Wie politisch würden Sie sich heute bezeichnen? Wie haben Sie zum Beispiel die Pegida-Bewegung beobachtet?
Ich schaue ratlos auf diese Menschen und weiß nicht damit umzugehen. Glücklicherweise scheint sich diese dumpfe Bewegung ja schon bald wieder überlebt zu haben.

 

Gerade ist Ihr aktuelles Album „Sing“ mit zehn neuen Liedern von Ihnen erschienen. Was erzählen Sie darin?
Es sind Lieder mit einer Message, aber frei von erhobenem Zeigefinger. Die Themen stammen aus dem wirklichen Leben wie in „Morgens am Strand“, in dem es um die Flüchtlingsproblematik geht, oder in „Alles nur Schein“ um deutsche Spießigkeit. Eigentlich singe ich über mich und das, was mir gefällt oder missfällt.

 

Welche Bedeutung hat Singen für Sie?

Singen ist nicht nur ein Teil meines Lebens, sondern mein Leben selbst und hat für mich eine fast lebensrettende Funktion, denn es hilft bekanntlich durch gute wie schwere Lebenslagen. „Singen macht dich stark, singen besiegt die Angst“, heißt es im Titelstück. Und geht es mir mal schlecht, dann singe ich erst recht. Die Wissenschaft hat außerdem herausgefunden, dass das Musizieren und Singen alle menschlichen Fähigkeiten steigert, egal ob beim Sport oder beim Denken. Was ich mache ist also im besten Sinne Leistungssport und hält mich fit. Daher mein Plädoyer: Jeder Mensch sollte singen!

 

Worauf darf das Publikum sich beim Konzert in Husum freuen?
Natürlich auf die neuen Lieder. Ich hoffe, dass sie dem Publikum gefallen und die Stücke richtig rüber kommen. Genauso wichtig ist es aber auch, die alten Lieder zu spielen, mit denen die Menschen etwas anfangen können und etwas verbinden. Lieder haben immer etwas mit Erinnerung zu tun. Das darf man den Menschen nicht vorenthalten. Es ist wunderbar, aus einem Fundus Hunderter Lieder auswählen zu können.

 

Ist Alter ein Thema für Sie?
Selbstverständlich denke ich über das Alter nach. Aber ich bin ziemlich gesund und fühle mich gar nicht so alt. Brecht hat mal gesagt: Die Aufgabe des Künstlers ist es, Erfahrungen mitzuteilen. Und meine Erfahrungen als jemand, der auf Mitte 70 zugeht, sind andere als als 20-Jähriger. Ich werde weiter texten und komponieren und singen und musizieren – bis ich 80 bin.

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