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Als Lehrerin auf die Hallig : Lieber Wattenmeer als hohe Berge

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Nach 15 Jahren in Österreich fand sie auf der Hallig eine neue Heimat: Simone Schneider unterrichtet jetzt die Kinder von Nordstrandischmoor.

shz.de von
erstellt am 18.Dez.2015 | 15:18 Uhr

Nie wieder wird Simone Schneider eine Scheibe Brot wegschmeißen. Das hat sich die neue Lehrerin auf der Hallig Nordstrandischmoor geschworen. Ende November diesen Jahres zog sie auf das kleine Eiland im nordfriesischen Wattenmeer, danach war „Landunter“. Mehrere Tage am Stück – die Lebensmittel, die sie mitgenommen hatte, wurden knapp. Der erste Schultag am 1. Dezember fiel ebenfalls buchstäblich ins Wasser.

Die 52-Jährige verzagte nicht, sondern nutzte die Zeit und merkte, was alles in ihr steckt. Sie schloss die Waschmaschine an, baute Möbel auf, leerte alle Umzugskartons und schloss allabendlich die schweren Schotten aus Massivholz an Fenster und Türen, um das Haus auf der Amalienwarft vor den Naturgewalten zu schützen. Angst vor dem aufsteigenden Wasser der Nordsee hatte sie nicht. Etwas Sorge allerdings, dass sie krank wird, denn ein Arzt wohnt nicht um die Ecke, von einer Apotheke ganz zu schweigen. Wenn etwas fehlt, dann muss die neue Lehrerin mit einer Lore zum Festland entlang eines Damms.

Bis vor Kurzem war das allerdings nicht möglich, weil die Lore der Schule in die Jahre gekommen war. So musste der Motor bei einem Richtungswechsel mit Muskelkraft angehoben werden, außerdem war das Gefährt nicht durch ein Dach geschützt. Die Gemeinde Nordstrand, die mit der Halligschule kooperiert, spendierte deshalb eine neue Lore, um die Kinder, die vier Mal im Jahr die Herrendeichschule auf Nordstrand besuchen und Schulausflüge aufs Festland unternehmen, sicher und trocken zu transportieren. Die jeweilige Lehrkraft darf die Lore auch privat nutzen. Auch das war für Simone Schneider Neuland – und auch das hat sie hinbekommen. Für sie bedeutet die Fahrt mit der bis zu acht Kilometer schnellen Lore „Unabhängigkeit“.

„Die Halligbewohner haben mich anfangs aufs Festland mitgenommen. Sie halfen auch alle beim Umzug mit. Der Zusammenhalt hier ist groß, ich fühle mich wirklich willkommen“, freut sie sich. Auch darüber, dass für sie ein Traum in Erfüllung gegangen ist. In Bonn geboren, dort aufgewachsen und später als Fernsehjournalistin tätig, wanderte sie vor 15 Jahren nach Österreich aus. Dort studierte sie auf Lehramt und unterrichtete
in einem sonderpädagogischen Zentrum alle Fächer, quer durch sämtliche Altersstufen.

Als ihr Ehemann nach einem Urlaub mit seinem Freund wiederkam und sagte, dass er an dem besuchten Ort leben will, fuhr auch sie mit ihrer Tochter dorthin, um sich ein Bild zu machen. Ihr Ziel: Hallig Hooge. Ein gemeinsamer Urlaub des Ehepaares auf der Insel Pellworm festigte den Entschluss, nochmals einen Schnitt in ihrem Leben zu machen. Sie bewarb sich auf Hooge als Lehrerin, doch daraus wurde nichts. Als die Anfrage kam, ob sie nach Nordstrandischmoor möchte, um dort die Halligschule zu übernehmen, sagte sie zu. „Wir haben unsere Freunde und Bekannten zu einer Party eingeladen und einen Film über die Halligen gezeigt. Sie alle wussten nichts von meinen Plänen. Einige konnten das nicht glauben, andere bewunderten meinen Mut“, so die Lehrerin, die zwar die Berge interessant fand, aber sich dadurch „irgendwie eingesperrt“ fühlte.

Nun hat sie täglich das krasse Gegenteil: Freier Blick bis zum Horizont – und das genießt sie. Die normale Alltagshektik hat sich auch verflüchtigt, genauso wie es ihre Ansprüche getan haben. „Man wird bescheidener“, sagt sie. Einen Weihnachtsbaum wird es in diesem Jahr nicht geben – Dekoration und Ständer sind noch in Österreich. Das ist nicht weiter schlimm, findet Simone Schneider. Wichtig ist nur, dass ihr Ehemann am 24. Dezember bei ihr ist. Zwar nur für ein paar Tage, aber er möchte so schnell wie möglich ganz auf die Hallig ziehen.

Sobald das Haus in Österreich verkauft ist, kommt er hinterher. Er arbeitet beim Fernsehen und sucht einen Job in Nordfriesland. Kein leichtes Unterfangen, aber ihr Mann ist flexibel. „Hauptsache, wir sind zusammen“, meint Simone Schneider, die seit 23 Jahren mit ihm verheiratet ist. Gemeinsam haben sie zwei Töchter. Zu Weihnachten kommen sie zwar nicht, aber der nächste Urlaub ist schon fest eingeplant – natürlich auf Nordstrandischmoor.

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