Husumer Hafen : Lieber Stürme als handfester Frost

Schmuddelig und nicht ungefährlich: Michael Hinz löst ein Schleppnetz aus einer Schiffsschraube.
Schmuddelig und nicht ungefährlich: Michael Hinz löst ein Schleppnetz aus einer Schiffsschraube.

Die Großwetterlage hat den Anrainern des Husumer Hafens zuletzt ganz schön zu schaffen gemacht, aber weit schlimmer wäre eine dicke Eisdecke, sagt Kapitän Michael Hinz.

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20. Januar 2015, 14:30 Uhr

„Sturm? Ja, Sturm haben wir in letzter Zeit mehr als genug gehabt“, sagt Michael Hinz. Aber für diese Woche sieht der Leiter der Schifffahrtsabteilung bei ATR Landhandel in Husum keinen Grund zur Beunruhigung. „Und das ist auch gut so.“ Die Stürme der vergangenen Wochen hätten den Hafenbetrieb mehr als genug belastet. „Es ist ja nicht damit getan, dass Schiffe im Hafen liegen bleiben“, berichtet er. „Das hat Auswirkungen auf die gesamte Logistik.“

Dessen ungeachtet ist und bleibt das Wetter natürlich ein Unsicherheitsfaktor. Und so gilt Hinz’ erster Blick am Morgen der Großwetterlage. Neben dem aktuellen Stand interessieren ihn vor allem die Vorhersagen für die nächsten drei bis sieben Tage. Die nötigen Daten bezieht er aus dem Internet. Der sogenannten Nordatlantischen Oszillation (NAO) kommt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu. Meteorologisch beschreibt sie die Schwankungen des Druckverhältnisses zwischen dem Islandtief im nördlichen und dem Azorenhoch im südlichen Atlantik. „Was da vor sich geht, bestimmt auch unser Wetter“, erklärt der Kapitän. Der Vergleich zwischen Azorenhoch und Islandtief ergibt eine Differenz, die mal „positiv“, mal „negativ“ und mal „sehr stark negativ“ ausfallen kann. Ist dieser NAO-Index positiv, sind beide Gebiete gut ausgebildet. Das hat starke Westwinde zur Folge, die zuletzt über mehrere Wochen milde und feuchte Luft nach Europa führten. „In einigen Fällen weiten sich diese Systeme zu handfesten Stürmen aus. So zog im Dezember eine ganze Zyklonen-Familie über uns hinweg.“

„Bis Windstärke sieben, acht ist das im Hafen ganz normaler Winter“, sagt Hinz. Und selbst höhere Windstärken fürchtet der Kapitän weniger als dauerhaften Frost. Der kündigt sich immer dann an, wenn der NAO-Index auf „negativ“ oder „sehr stark negativ“ umschlägt.

2009 war es besonders schlimm, blickt er zurück. „Damals bedeckte ein dicker Eispanzer den Hafen. Da ging nichts mehr.“ Selbst die Schlepper, die in solchen Fällen als Eisbrecher fungieren, hätten sich festgefahren.

Für ATR, HaGe und die anderen Hafen-Anlieger ist das der „worst case“ (der schlimmste Fall), „weil wir in einer solchen Situation quasi den Betrieb einstellen müssen“. Hinzu kommt, dass Stürme meist spätestens am anderen Tag weiterzögen, während das Eis manchmal wochenlang liegen bleibe. „Und wenn es erst mal 15 Zentimeter dick ist, kommt alles zum Stillstand“, erläutert Hinz.

Aber wie gesagt: Das ist in den kommenden Tagen nicht zu erwarten, auch wenn es insgesamt etwas winterlicher wird. Und so sind die Liegezeiten der Schiffe nach den stürmischen Wochen wieder kürzer geworden. Die Kräne, die zuletzt in den Wind gedreht und festgemacht werden mussten, drehen sich wieder. Und selbst wenn es – wie zuletzt – mal heftiger zur Sache gehen sollte, „können unsere Schiffe, anders als in offenen Meeresgebieten, binnen weniger Stunden einen sicheren Hafen anlaufen – vorausgesetzt, sie sind manövrierfähig“, sagt er und zeigt auf ein Foto, das ihn mit Taucherausrüstung im aufgewühlten Hafenwasser zeigt. Da hatte sich während des Sturms ein 60 Meter langes Stell- oder Treibnetz in einer Schiffschraube verfangen. „Und da wir wegen der Wellen kein Boot aussetzen konnten, habe ich mich im Überlebensanzug auf die Schraube zutreiben lassen und das Netz mit einem Messer nach und nach herausgeschnitten. Das ist nicht eben angenehm, zumal sich neben zahlreichen Fischen auch mehrere Vögel, ja sogar ein Reiher in dem Netz verfangen hatten. „Aber mit Agenten telefonieren, Papiere umschreiben und Lastwagen umbestellen zu müssen, weil im Hafen gar nichts mehr geht“, findet Hinz bedeutend schlimmer.

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