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Diskussion über den Islam : Lieber mit- als gegeneinander

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Eine Veranstaltung in der Theodor-Storm-Schule mit Imam Adeel Ahmad Shad soll Husumer Schüler über den Islam informieren - und dafür sorgen, dass Vorurteile abgebaut werden.

von
erstellt am 05.Feb.2015 | 14:00 Uhr

Die blutigen Attentate auf die Redaktion der Pariser Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ hat bei Vertretern der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG), aber auch an den Husumer Schulen große Betroffenheit ausgelöst. Spontan kamen Lehrer und Schüler von Theodor-Storm- (TSS) und Hermann-Tast-Schule (HTS) und von der DFG in der Redaktion der Husumer Nachrichten zusammen, um darüber zu reden, wie sie ein Zeichen für die Freiheit und gegen den islamistischen Terror setzen können (wir berichteten).

Schnell war die Idee geboren, gemeinsam mit der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in Husum zu einer Info-Veranstaltung in die Schule einzuladen. Die nahm den Vorschlag dankbar auf und informierte ihren Imam in Kiel, der spontan seine Bereitschaft signalisierte, sich an den Vorbereitungen zu beteiligen.

Bei einem Treffen im Büro von TSS-Direktorin Sibylle Karschin einigten sich Vertreter von Schule und Gemeinde jetzt auf einen Termin sowie den groben Ablauf der Veranstaltung. Im ersten Teil soll die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde Gelegenheit bekommen, sich und ihre Religion vorzustellen. Das wird der Kieler Imam und Theologe Adeel Ahmad Shad übernehmen. Von ihm stammt auch die Idee, dazu den Husumer Berufsschüler Daniyal Ahmad mitzubringen. Der 19-Jährige schien ihm schon vom Alter her besonders geeignet, um mit den Oberstufenschülern über die Lehre des Koran, seine Auslegung und die Radikalisierung muslimischer, aber auch vieler europäischer Jugendlicher zu disktutieren.

„Den zweiten Teil würden wir gern unter ein Motto oder eine Leitfrage stellen“, erläutert Französisch-Lehrerin Catherine Klauke. Denkbar wäre die Aussage von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Eine Bemerkung, die kürzlich ja auch Bundeskanzlerin Angela Merkel noch einmal bekräftigt hat. Aber stimmt das wirklich?

Das ist nur eine von vielen Fragen, über die am Mittwoch, 25. Februar, ab 13.45 Uhr in der Aula der Theodor-Storm-Schule diskutiert wird. Weitere Themen sind Meinungsfreiheit, Toleranz, die Trennung von Staat und Religion, die Reformfähigkeit des Islam, Pegida sowie mittel- und langfristige Perspektiven eines friedlichen Miteinanders der Religionen. Zu der Veranstaltung werden auch Abordnungen von HTS und Beruflicher Schule erwartet. „Und wenn es nach uns geht, ist das nur der Anfang“, sagen Karschin und Klauke. Denn echtes Miteiander und gegenseitiges Verständis erforderten einen langfristigen und nachhaltigen Dialog.

In einem Gespräch mit unserer Zeitung hat Imam Adeel Ahmad Shad schon ein paar drängende Grundsatzfragen beantwortet.

Was ist die Aufgabe eines Imam?

Shad: Imame sind Seelsorger. Sie verkünden den Menschen die Lehre des Islam, damit sie deren Sinn und den Sinn des Lebens verstehen. Der besteht darin, den wahren Gott zu erkennen sowie seine Mitmenschen zu ehren und zu respektieren. Der Imam ist kein politisches Oberhaupt, sondern ein geistlicher Führer, der den Menschen hilft, die eigenen spirituellen Kräften zu erhöhen, und der 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche für sie da ist.

In der klassisch-islamischen Staatstheorie gilt der Imam als religiös-politisches Oberhaupt der islamischen Gemeinschaft – in Nachfolge des Propheten Mohammed. Haben Sie sich durch die Karikaturen von Charlie Hebdo persönlich beleidigt gefühlt?

Es tut mir sehr weh, dass der Prophet in dieser Weise dargestellt wird. Mohammed ist für uns ein Heiliger, weil er Gründer unserer Religion ist. Alle Propheten, auch Jesus, Moses oder Abraham, sind uns wichtig, und so schmerzt es schon, sie in dieser Weise dargestellt zu sehen, wenn in den Medien ein Bild gezeigt wird, das nicht der Wahrheit entspricht. Das gilt für Muslime, aber auch für Juden und Christen. Denken Sie an den Papst, der die Attentate von Paris verurteilt hat, sich aber auch von den Karikaturen distanziert.

Warum ist es nach islamischem Glauben eigentlich verboten, sich ein Bild vom Propheten zu machen?

Weil ein Bild nicht wiedergibt, wie ein Mensch aussieht, und noch weniger, wie er ist. Außerdem sind Propheten nach unserem Glauben heilige Menschen, und deshalb finden wir es nicht richtig, wenn  .  .  .

.  .  .  wenn man sich, wie das nach christlicher Vorstellung heißt, ein Bild von ihnen macht?

Ja, genau. Uns geht es um das wahre Bild des Propheten. Wenn es Leute gibt, die sich darüber lustig machen, können wir Muslime dazu nichts sagen, weil es die Meinungsfreiheit gibt. Aber diese Menschen sollen schon wissen, dass sie die Gefühle anderer verletzen – und hier rede ich nicht nur von Muslimen, sondern von den Vertretern aller Religionen. Die Werte, die uns wichtig sind, stammen von dem einen Gott. Deshalb sind auch alle Menschen in Deutschland für uns Schwestern und Brüder.

Nun gibt es aber schon seit dem Mittelalter Bilder von Propheten, auch von Mohammed. Warum gelten solche Darstellungen gerade heute als so schlimm, dass radikale Islamisten dafür sogar kaltblütig morden?

Weil sie Oberhäupter haben, die nichts über den Islam wissen und keine Ahnung vom Heiligen Koran haben. Islam heißt Frieden. Diese Leute stiften Unfrieden. Es geht um ihre eigenen Interessen, Begierden und um Macht. Das geistliche Oberhaupt der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde – unserer Gemeinde – ruft die Mitglieder dazu auf, sich für den Frieden einzusetzen und für die Welt zu beten, speziell für die Muslime – auf dass Allah ihnen Verstand geben möge.

Wissen wir zu wenig voneinander und wenn ja, wie können wir das ändern?

Wir wissen tatsächlich sehr, sehr wenig. Deshalb bemüht sich gerade unsere Gemeinde, mit Ausstellungen und Informationsveranstaltungen das andere Bild des Islam zu zeigen. Unsere Botschaft ist friedlich. Unser Kampf wird nicht mit dem Schwert geführt. Veränderung kann es nur geben, wenn Ängste abgebaut werden. Wieso haben 65 Prozent der Deutschen Angst vor dem Islam? Es darf nicht nur eine Quelle des Wissens geben. Wir müssen uns entgegenkommen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum sich junge Muslime dennoch radikalisieren und wie es IS und Al Kaida gelingt, auch viele junge Europäer in ihren Bann ziehen?

Das liegt sicher daran, dass viele junge Europäer sprichwörtlich verloren gehen, weil man sich nicht genug um sie kümmert. Es fehlt die Basis, der Halt. Dann geraten sie womöglich an die falschen Leute, an Radikale, die sie einer Gehirnwäsche unterziehen und ihnen das Gefühl geben: Die nehmen mich wenigstens an. Meine eigenen Leute tun das nicht.

Und die jungen Radikalen aus islamischen Ländern?

Da ist fehlende Bildung der entscheidende Faktor.

Was sagen Sie denen, die von den muslimischen Gemeinschaften in Deutschland ein klareres Bekenntnis gegen den radikalen Islamismus fordern?

Dass – auch in den Medien – ein falsches Bild des Islam abgegeben wird. Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff Dschihad. Ins Deutsche übersetzt bedeutet er „Anstrengungen im Wege Allahs“, nicht „Heiliger Krieg“. Es gibt drei Formen von Dschihad: Die kleinste ist der Kampf gegen Aggressoren, die mittlere die Verbreitung des Islam, und die große dient dem Kampf gegen das eigene Ego. Mein Dschihad ist die Verbreitung der Lehre des Islam.

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